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Gregor v. Nyssa (†394) - Das Gebet des Herrn

Dritte Rede: "Geheiligt werde dein Name! Zu uns komme dein Reich."

I

[S. 113] Das Gesetz, welches in Umrissen das Schattenbild der künftigen Güter entwirft und in gewissen vorbildlichen Rätseln die Wahrheit schon vorher verkündet, sucht den Hohenpriester, sooft es ihn in das sonst unzugängliche Allerheiligste im Tempel führt, damit er zu Gott bete, vorher mit bestimmten Sühnopfern und Besprengungen zu reinigen. Wenn es ihn darauf mit der priesterlichen Kleidung geschmückt hat, die mit Gold, Purpur und verschiedenem Farbenglanz prächtig geziert war, wenn es ihm die Brustbinde angelegt und die Glöcklein an den Quasten mit den Granatäpfelchen angeheftet hat, wenn es oben auf den Schultern das Überkleid festgeschnürt, das Haupt mit dem Sternband umkränzt und reichlich Salböl ihm ins Haar gegossen hat: dann erst führt es ihn ins Allerheiligste, damit er allein und insgeheim das Opfer darbringe. Der Gesetzgeber des Geistes jedoch, unser Herr Jesus Christus, der das Gesetz von den sinnlichen Einkleidungen befreit und die Rätsel der Vorbilder löst, hat erstens nicht einen einzelnen Mann von der Gesamtheit abgesondert, um ihn allein zum Verkehr mit Gott zu führen, sondern verleiht diese Würde ganz gleichmäßig, da er die Gnade des Priestertums für alle, die sie wünschen, ohne Unterschied bereit hält; zweitens: nicht mit äußerem Schmucke, der nach bestimmtem Farbenmuster und aus sorgsam gefertigtem Gewebe hergestellt wird, kleidet er künstlich den Priester in Schönheit und Pracht, sondern innerer und persönlicher Schmuck ist es, den er ihm anlegt, indem er ihn statt mit einem bunten Purpurgewand mit dem Prachtgewand der Tugend umgibt. Aber auch die Brust schmückt er, nicht mit irdischem Golde, sondern stattet durch ein unversehrtes, reines Gewissen das Herz mit Schönheit aus; dazu [S. 114] fügt er in die Brustbinde auch die Strahlen kostbarer Steine, das heißt die Leuchten der heiligen Gebote, wie der Apostel sie auslegt. Auch mit der Hüftbinde schmückt er jenen Teil, für den sie bestimmt ist; du wirst wohl wissen, daß dieses Gewandstück zur herrlichen Tugend der Keuschheit mahnt. Und wenn der neue Gesetzgeber an die Quasten des Lebens geistige Granatäpfel und Glöckchen gehängt wissen will, so kann man unter denselben passend die auch den Augen der Öffentlichkeit zugänglichen Äußerungen des Tugendstrebens verstehen, durch welche unser Erdenwandel sich auszeichnen soll. Nachdem er also für diese Quasten statt der Glöcklein das wohltönende Wort des Glaubens bestimmte und statt des Granatapfels die zuversichtliche Hoffnung auf die jenseitigen Güter, die gerade im Schatten eines strengeren Lebens erblüht, führt er uns in den innersten Teil des Tempels, der nicht betreten werden darf. Doch ist dieser nicht etwas Lebloses und von Menschenhänden Gebautes, sondern die Geheimkammer unseres Herzens, wenn es in Wahrheit keiner Sünde, ja keinem sündhaften Gedanken Zutritt gewährt. Ebenso ziert er das Haupt statt mit einem metallenen Stirnband mit himmlischer Klugheit, nicht indem er Worte in eine goldene Platte einpreßte, sondern indem er Gott selbst in seine Vernunft abprägte, welche da zur Führerin auf dem Lebensweg berufen ist. Endlich gießt er ein Salböl ins Haar, aber ein solches, das von der Seele selbst duftend bereitet wird. So rüstet der neue Gesetzgeber die Seinigen, in mystischem Opferritus ein Brand- und Schlachtopfer darzubringen ― kein anderes jedoch als sich selbst. Wer sich von ihm auf die geschilderte Weise zum Altare bereiten läßt, hat nämlich das eigene Fleisch mit seinen bösen Begierden zu Tode gebracht mit dem geistigen Opfermesser, welches da das Wort Gottes ist, und daher vermag er Gott zu versöhnen, wenn er in das Allerheiligste kommt, weil er sich selbst zum Opfer eingeweiht und seinen Leib dargebracht hat als „lebendiges, heiliges Opfer für Gott“ (Röm. 12, 1.).

Freilich wird mancher sagen, daß diese Betrachtungen nicht zu einem besseren Verständnis des Gebetes verhelfen, das uns heute beschäftigen soll, und daß wir über Sachen herumredeten, die gar nicht zu unserem [S. 115] Unterrichtsgegenstand gehören. Doch wenn jemand unsere jetzigen Ausführungen mit den ersten Darlegungen verbindet, die wir bereits über das Gebet gegeben, so erkennt er gewiß einen tadellosen Zusammenhang. Wer nämlich seine Seele so bereitete, daß er zuversichtlich wagen kann, Gott seinen Vater zu nennen, der ist vollauf mit jener hohenpriesterlichen Kleidung angetan, welche uns die Heilige Schrift so genau schildert: er läßt die Glöckchen ertönen und erstrahlt im Schmucke der Granatäpfel; es leuchten um seine Brust die Strahlen der göttlichen Gebote und er trägt auf seinen Schultern die Patriarchen und Propheten, indem er statt ihrer Namen ihre Tugenden zu seiner Ausrüstung nahm. Sein Haupt ziert er mit dem Kranze der Gerechtigkeit; sein Haar ist durchnetzt mit Balsam aus dem Himmel, und er befindet sich in einem überirdischen Allerheiligsten, das für jeden unheiligen Gedanken vollständig unzugänglich und unbetretbar ist.

Doch, wie der Betende gerüstet sein soll, hat unsere Rede an der vorbildlichen Kleidung des Hohenpriesters genügend gezeigt. Es dürfte daher angemessen sein, die Bitte selbst ins Auge zu fassen, die nach dem Willen des Herrn der in das Allerheiligste Eingetretene Gott vortragen soll. Denn wenn wir sie uns in ihrem Wortlaute vorführen, so scheint uns die Bitte keineswegs leicht verständlich zu sein.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger