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Gregor v. Nyssa (†394) - Das Gebet des Herrn
Erste Rede

III

Doch es dürfte Zeit sein, uns dem Gebetsformular zuzuwenden und zu untersuchen, welcher Sinn den einzelnen Worten desselben zukommt. Es ist klar, daß die Erhörung unserer Gebete von der rechten Art und Weise abhängt, wie wir unsere Gebete verrichten. Wie lautet nun die Unterweisung hierüber? Es heißt: „Wenn ihr betet, so plappert nicht wie die Heiden; sie glauben nämlich, wegen ihrer vielen Worte erhört zu werden“ (Matth. 6, 7). Das Verständnis dieser Lehre ist leicht, da sie uns in ziemlich einfachen Worten gegeben ist, die keine scharfsinnige Untersuchung erheischen, höchstens mit [S. 95] der Ausnahme, daß wir den Ausdruck „Geplapper“ (βαττολογία) [battologia] untersuchen müssen, damit wir die Bedeutung auch dieses Wortes kennenlernen und das Untersagte meiden. Wie es scheint, will der Herr die Hohlheit der Gesinnung derjenigen zurechtweisen und beseitigen, welche in falschen Ansichten versunken sind; gerade deshalb wählte er den fremdartigen und seltenen Ausdruck „Geplapper“, um den Unverstand aller zu tadeln, die sich unnützen Gedanken und eitlen Begierden hingeben. Die vernünftige, verständige Rede nämlich, welche Nützliches im Auge hat, wird im eigentlichen Sinne „Rede“ genannt; wenn aber das Herz, weil von nichtigen Begierden erfaßt, törichte Wünsche und Gedanken ausspricht, so haben wir keine wirkliche Rede, sondern „Geplapper“, oder um den nämlichen Gedanken in besserer schönerer Sprache wiederzugeben: „Wortschwall“ (Φλυαρία) [phlyaria], „Posse“ (λῆρος) [lēros], „leeres Geschwätz“ (φλήναφος) [phlēnaphos] und was sonst von derartiger Bedeutung ist. Wozu mahnt uns also das Wort der Schrift? Daß es uns im Augenblick des Betens nicht ergehe, wie den Kindern, in deren Seele sich gerne eitle Gedanken und Wünsche erheben. Beim Beten sollen wir nicht den Kleinen ähnlich werden, die, weil sie noch nicht zum vollen Gebrauch der Vernunft gelangt, nicht darnach fragen, ob ihre Einfälle und Wünsche sich verwirklichen lassen, sondern ganz willkürlich allerlei Glücksgüter sich lebhaft vorstellen: Reichtümer, Hochzeiten, Königskronen, herrliche Städte, denen sie selbst Namen geben. Nicht selten bilden sie sich sogar ein, als lebten sie schon in den Verhältnissen, die ihnen ihre alberne Phantasie vorspiegelt. Manche treiben diese Torheit in noch mehr lächerlicher Weise, indem sie, die Schranken der Natur durchbrechend, in ihrer Einbildung Flügel bekommen, Berge mit der Hand bewegen, wie die Sterne leuchten, am Himmel gehen, Greisenalter in Jugend verwandeln, zehntausend Jahre alt werden oder was sonst alles für leeres Gebilde, den Seifenblasen gleich, die Vorstellungskraft in den Kindern erzeugt.

Wie im Leben jemand, der bei dem Entwurf seiner Pläne sich nicht vom Nutzen, sondern von Phantastereien bestimmen läßt, unverständig und zugleich [S. 96] unglücklich ist, weil er die kostbare Zeit, in der er über Nützliches hätte nachdenken sollen, an Träumereien vergeudet, so wird jeder, der im Augenblick des Gebetes nicht auf den Nutzen der Seele achtet, sondern verlangt, Gott solle auf seine von der Leidenschaft gebornen Gedanken und Wünsche eingehen, ein rechter Schwätzer und Plapperer, weil er betet, Gott möge sich zum Helfer und Handlanger seiner menschlichen Torheiten hergeben. Ein Beispiel! Es naht sich einer im Gebete Gott, und ohne die Erhabenheit der himmlischen Macht, vor die er hintritt, zu bedenken, verunehrt er, ohne es zu merken, die unendliche Majestät durch seine ganz irdischen und niedrigen Zumutungen. Setzen wir folgenden Fall: ein König schickt sich an, Reichtümer und Würden zu verteilen; nun geht aber ein Untertan, der, sei es aus übergroßer Armut, sei es aus Unkenntnis, irdene Geräte für kostbar hält, zum Könige und verlangt, statt Bitten zu stellen, wie man sie an Könige richtet, von ihm, er, der da auf dem Throne sitzt, möge Ton formen und ihm eines von den Dingelchen machen, die der Armselige im Kopfe hat. Einem solchen Toren gleicht derjenige, der ohne Vernunft und Überlegung sich des Gebetes bedient: nicht zur Höhe des Gebers erhebt er sich, sondern er mutet der göttlichen Majestät zu, daß sie zu der irdischen Niedrigkeit und Erbärmlichkeit menschlicher Leidenschaften herabsteige. Seine krankhaften Triebe hält er dem, der die Herzen kennt, nicht zu dem Zwecke vor, daß er sie heile, sondern daß sie noch schlimmer würden, falls sie nämlich durch die Hilfe Gottes zur Verwirklichung kämen. „Weil mich der oder jener beleidigt, und mein Herz ihm daher feindlich gesinnt ist, treffe ihn!“ ― sagt er zu Gott. Es fehlt nur, daß er geradezu schreie: „Meine Leidenschaft soll sich auch in dir erheben, o Gott; meine Bosheit sich dir mitteilen!“ Wie nämlich bei menschlichen Streitigkeiten jemand unmöglich mit der einen Partei sich verbinden kann, ohne an deren Feindschaft gegen den Gegner teilzunehmen, so ist es klar, daß jener, der Gott gegen seinen Feind in Bewegung setzen will, ihn auffordert, sich mit ihm zu erzürnen und Genosse seines Grimmes zu werden. Das heißt aber, an Gott das Ansinnen stellen, in Leidenschaft zu verfallen, in [S. 97] Zornesaufwallung wie ein Mensch zu kommen und die Güte seines Wesens in tierische Wildheit zu verwandeln. Das gleiche gilt aber auch von dem, der dem Ruhme nachjagt, der in Stolz noch immer nach Höherem strebt, der im Streit um Vorrechte nach dem Siege trachtet, der in den turnerischen Wettkämpfen nach dem Kranze strebt, der auf der Schaubühne sich um den Beifall der Zuschauer bewirbt oder der an der tollwütigen Leidenschaft der Jugend dahinschmilzt: alle diese bringen ihre Bitten vor Gott, nicht um von der Krankheit, die sie beherrscht, befreit zu werden, sondern um sie bis auf den höchsten Grad zu steigern. Und da es jeder von ihnen für ein Unglück betrachten würde, nicht an das Ziel seiner irdischen Wünsche zu gelangen, so plappern sie wirklich, wenn sie Gott anflehen, Helfershelfer ihrer Seelenschwäche zu werden, und was das Allerärgste ist, sie verlangen, Gott solle sich von Beweggründen bestimmen lassen, die einander entgegengesetzt sind d. h. Gott solle sich im Handeln einmal von Hartherzigkeit leiten lassen, das andere Mal von lauter Menschenfreundlichkeit. Ihn nämlich, den sie anflehen, daß er gegen sie selbst gnädig und milde sei, rufen sie an, gegen ihre Feinde hart und unerbittlich sich zu zeigen. O über die Torheit solcher „Plapperer“ (βαττολογούντων) [battologountōn]! Denn wenn Gott gegen jene hart ist, so kann er gegen dich nicht von Milde überfließen. Neigt er sich zum Erbarmen gegen dich, wenigstens nach deiner Hoffnung, wie könnte er dann plötzlich ins Gegenteil, in Härte umschlagen, sobald deine Feinde in Betracht kommen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger