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Gregor v. Nyssa (†394) - Große Katechese (Oratio catechetica magna)

Kapitel 8. Der Tod ist kein Übel. Gott schuf den Menschen, obgleich er dessen Fall voraussah. Gott ist aber auch der Erlöser des Menschengeschlechtes.

1.

Wer aber auf die Auflösung unseres Leibes hinblickt, wird schmerzlich berührt und hält die Zerstörung des Lebens für ein hartes Geschick; ja das Verlöschen unseres Daseins im Tode bezeichnet er für das größte Übel. So erwäge er denn die übergroße Wohltat, die uns Gott durch dieses dunkle Los erweist, vielleicht wird er dann dahingebracht, daß er die Gnade der göttlichen [S. 22] Fürsorge für den Menschen bewundert! Wer lebt, hat das Verlangen in sich, sein Leben im Genuß des Angenehmen zu verbringen; wer daher sein Leben in Leid verbringen muß, wird das Nichtsein einem leidvollen Dasein vorziehen. Fragen wir nun, ob der Spender des Lebens für uns beim Tode einen anderen Wunsch hat, als daß wir ganz glücklich leben. Da wir nämlich durch freie Willenstat, indem wir das Böse wie ein mit Honig versüßtes Gift aus Lüsternheit unserer Natur beimischten und da wir hierdurch der offenbar in Leidensfreiheit bestehenden Glückseligkeit verlustig gingen und eine Umgestaltung erfuhren, wie es unserer Sünde entsprach, so wird der Mensch wie ein irdenes Gefäß wieder in Erde aufgelöst, damit er nach Ausscheidung des Schmutzes, den er jetzt an sich trägt, durch die Auferstehung zu seiner ursprünglichen Schönheit umgebildet werde, vorausgesetzt, daß er im gegenwärtigen Leben die Ebenbildlichkeit mit Gott sich zu retten wußte.

Diesen Glaubenssatz verkündet uns, wenngleich in der Form von Erzählungen und Rätseln oder Gleichnissen, auch Moses; doch blickt auch in letzteren die Lehre deutlich hindurch. Nach seinem Bericht (Gen. 3, 21) legte der Herr, nachdem die ersten Menschen das Verbot übertreten hatten und ihrer Glückseligkeit entblößt waren, den Stammeltern Kleider aus Fellen an. Hiebei scheint aber die Absicht der Erzählung nicht gewöhnliche Felle im Auge zu haben; denn was für Tiere hätten denn wohl geschlachtet und abgehäutet werden müssen, um jene zu bekleiden? Vielmehr, da jede vom lebenden Tiere abgetrennte Haut tot ist, so glaube ich, daß der göttliche Arzt unserer Verderbtheit die Fähigkeit zu sterben, welche von den unvernünftigen Tieren entlehnt ist, aus treuer Sorge für uns den Menschen gleichsam wie ein Kleid umlegte ― jedoch um nicht für immer die menschliche Natur damit zu umgeben. Das Kleid ist ja etwas äußerlich Umgehängtes, das eine Zeitlang dem Körper Dienste leistet, aber nicht mit der Natur verwächst. Sonach wurde die Sterblichkeit der Natur der unvernünftigen Tiere entnommen und in weiser Absicht der zur Unsterblichkeit geschaffenen Natur umgelegt in einer Weise, daß sie nur deren Äußeres, nicht deren Inneres umhüllt und nur den [S. 23] sinnlichen Teil berührt, ohne das göttliche Ebenbild selbst zu verletzen. Aber auch der sinnliche Teil wird bloß aufgelöst, jedoch nicht vernichtet. Vernichtung bedeutet nämlich den Übergang in das Nichtsein, Auflösung dagegen die Zurückführung in die kosmischen Elemente, aus denen das Betreffende besteht. Was aber in diese übergeht, ist nicht verloren, auch wenn es sich unserer sinnlichen Wahrnehmung entzieht.

 

 

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Einleitung zur „Großen Katechese".
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger