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, Allgemeine Einleitung. In: Des heiligen Epiphanius von Salamis Erzbischofs und Kirchenlehrers ausgewählte Schriften / aus dem Griechischen übers. von Josef Hörmann. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 38) Kempten; München : J. Kösel, 1919.
Allgemeine Einleitung

I.

In den vitae patrum V, 4. 15 [ed. Rosweyd, Antwerpen 1615] findet sich die hübsche Erzählung: Der große Mönchsheros Hilarion erklärte einmal im geistlichen Zwiegespräch mit seinem Gastfreunde Epiphanius: Seit er Mönch geworden, habe er niemals mehr Fleisch gegessen. Epiphanius erwiderte darauf: Und ich bin niemals im Streite mit jemand zur Ruhe gegangen. Darauf rief Hilarion in aufrichtiger Anerkennung aus: „Bruder, du hast die bessere Philosophie."

Man hält dieses anmutige Zwiegespräch für eine erbauliche Dichtung, was es auch vielleicht ist. Der stille Friede, der daraus spricht, lag in Wirklichkeit nicht über dem Leben des berühmten Bischofs von Salamis: Er war ein unruhiger, nicht immer glücklicher Kämpfer, bis er sich zur ewigen Ruhe legte. Freilich — und diese Beobachtung würde allerdings jenes Apophthegma bis in die Lebensmitte unseres Heiligen rücken, weil es nachher nicht mehr so leicht an seinen Namen geknüpft worden wäre —: Vor diesen ,,Kriegsjahren" des Bischofs und Schriftstellers, die ein Menschenalter dauerten und fast die ganze Kirche erfüllten, lebte der Mönch und Gelehrte ein Menschenalter voll Friede in Arbeit und Askese; und voranging eine reine Jugend, die durch ideales Streben nach Wissen und Tugend ausgezeichnet war.
Epiphanius war geboren zu Besanduk bei Eleutheropolis in Judäa von frommen und wohlhabenden Eltern. 392 nannte ihn Hieronymus schon einen Mann im höchsten Greisenalter, so daß seine Geburt vor 315 anzusetzen sein dürfte.
Es war die Jugendzeit der befreiten Kirche. Die Wasser der Trübsal waren zurückgeebbt, die im Zeitalter der blutigen Verfolgungen gegen das Christentum angebrandet waren; nun stieg eine neue Flutwelle des „freiwilligen Märtyrertums", der asketischen Weltverachtung, hoch und höher: es war die erste Blütezeit des orientalischen Mönchtums. Viele wurden von dieser großartigen Bewegung des christlichen Idealismus angezogen. Auch unser Epiphanius, noch nicht zwanzig Jahre alt, betrat den klassischen Boden des Mönchtums, Ägypten, das Land eines Pachomius, Antonius und Makarius. Bei wem er speziell in die Schule ging, wissen wir nicht. Jedenfalls wurde er für das Mönchtum gewonnen und blieb ihm treu sein Leben lang. Aber auch eine gnostische Sekte suchte den hochbegabten Jüngling, ein spezielles Sprachtalent, in ihre Netze zu ziehen und verschmähte zu diesem Zweck auch sinnliche Verführungskünste nicht. Diese Episode, von Epiphanius selbst Haer. 26, Nr. 17 erzählt, ist nicht unwichtig, weil sie uns den Widerwillen unseres Kirchenvaters gegen jede Heterodoxie und seine schlimme Meinung von den Absichten Andersgläubiger in etwa erklären helfen. Nach Palästina zurückgekehrt, gründete er im Alter von etwa zwanzig Jahren als Mönch ein Kloster bei Eleutheropolis. Von unbekannter Hand zum Priester geweiht, bekleidete er Jahrzehnte hindurch das Amt eines Archimandriten. Durch seinen strengen, heiligen Wandel und seinen gelehrten Fleiß wurde er ein weithin berühmtes Vorbild und ein gefeierter Führer in der Askese. Mit dem „Antonius Palästinas", Hilarion von Gaza, verband ihn eine innige Freundschaft. Und er schien bestimmt zu sein, als zweiter Stern, ruhiger und regelmäßiger leuchtend, neben dem außerordentlichen Wunder- und Wanderstern Hilarion in der Mönchsgeschichte des heiligen Landes zu glänzen.
Da brachte das Jahr 367 für sein Leben die große Wendung in die Öffentlichkeit: Die Bischöfe Cyperns wählten ihn zum Oberhirten ihrer Metropole Konstantia, des alten Salamis. Der Ruf seiner Gelehrtheit und Heiligkeit sowie sein Eifer für die Orthodoxie, wodurch er längst das Orakel Palästinas geworden war, und die Empfehlung Hilarions mögen diese Wahl veranlaßt haben.
Als Erzbischof zeichnete sich Epiphanius aus durch unermüdliche Hirtensorge, speziell durch begeisterte Förderung des Mönchtums und durch verzehrenden Eifer für Reinhaltung der Lehre, wobei er freilich leider nicht von ebensoviel Besonnenheit und Menschenkenntnis geleitet wurde. Für seine Person blieb er auch als Metropolit der heiligmäßige Mönch, der er gewesen, ein Beter, Faster und Almosengeber. Er gefiel der Kirche in seinen Tagen. Er war einer der angesehensten Oberhirten jener Zeit, getragen von einer grenzenlosen Verehrung des Volkes, das ihn durch den Mund des hl. Hie-ronymus „patrem paene omnium episcoporum et antiquae reliquias sanctitatis" nannte.
Merkwürdigerweise fällt auch seine gesamte datierbare literarische Tätigkeit in die Zeit seines Bischofsamtes. Die beiden Hauptwerke, die seiner fleißigen Feder entstammen, „Der Festgeankerte" und „Der Arzneikasten" sind veranlaßt durch gelegentliche Anfragen an ihn, den Hort der Orthodoxie. Dieser Gelegenheitscharakter ist in Betracht zu ziehen bei Beurteilung der geringen schriftstellerischen Qualitäten, die Methode und Stil dieser Schriften aufweisen.
Aber nicht nur literarisch, auch persönlich trat er auf den Plan. Um die Zeit seiner Erhebung zum Bischof spaltete das meletianische Schisma fast die ganze Kirche. Trotz ihrer persönlichen Verehrung für Meletius waren Athanasius und Epiphanius für Paulinus. So urteilte auch das Abendland, während das orthodoxe Morgentand mit Johannes von Antiochien, dem späteren Chrysostomus, großenteils auf Seiten des Meletius stand. Das Schisma überschnitt sich noch mit der apollinarischen Irrung durch die Weihe eines vierten Bischofs, Vitalis, durch Apollinaris von Laodicaea. Den Apolli-narismus bekämpfte Epiphanius unentwegt. Die Person seines Urhebers aber behandelte er mit Schonung und Hochachtung. Im „Festgeankerten" 374 hatte er seinen Namen noch gar nicht erwähnt. Haer. 77 nannte und bekämpfte er ihn ausführlich. Aber er ist ihm immer noch der ehrwürdige Greis, der ihm, dem gottseligen Patriarchen Athanasius und allen Orthodoxen teuer war; voller Schmerz anerkannte er die außerordentlichen Fähigkeiten des ehemaligen Mitkämpfers und kann es ihm nicht vergessen, was er einst für den Glauben geduldet den Arianern gegenüber [vgl. Nr. 2. 22. 24].
Im Jahre 376, also während der Arbeitszeit an seinem Hauptwerke, reiste er nach Antiochien, um Frieden zu stiften. Es fand ein Religionsgespräch statt, jedoch ohne die ersehnte Einigung zu bringen. — In der meletianischen Sache schrieb Epiphanius auch an Basilius einen nicht mehr erhaltenen Brief. Dem Konzil von 381 wohnte Meletius bei. Vielleicht war dies der Grund, warum Epiphanius und Paulinus demselben fernblieben. Beide gingen vielmehr 382 nach Rom zu der von Papst Damasus berufenen Synode. Dabei trafen sie mit Hieronymus zusammen. Epiphanius wohnte im Hause der hl. Paula. 386 kehrte der gelehrte und fromme Stridonier von Rom endgiltig in den Orient zurück. Unterwegs war er auf Cypern zu Gast bei Epiphanius; ebenso später Paula und Eustochium.
Die nächsten sechs Jahre verfließen in stiller Hirtentätigkeit. Den großen polemischen Werken folgt aus dieser Epoche heraus als Zeugnis nie unterbrochenen Gelehrtenfleißes der Traktat De mensuris et ponderibus. Es schien, als gehörte der gefeierte Kirchenfürst von jetzt ab ganz seiner Diözese und seinem Studierzimmer.
Doch da wird er 392, „in extrema jam senectute", wie Hieronymus sagt, noch in die origenistischen Streitigkeiten verwickelt. Leider blieb es dabei nicht beim sachlichen Kampfe; es wurde ein persönliches Streiten mit allen Bitterkeiten und Peinlichkeiten eines solchen, ein unschöner Zwist, der die klaren Linien der Meinungen und Charaktere verzerrte.
Ein gewaltiges Arsenal von Gedanken hatte Origenes seinen Nachfolgern hinterlassen. Er war für dieselben der vielbewunderte „Mann von Stahl". Als man aber sah, wie auch die Gegner der Orthodoxie Waffen daraus entnahmen, schieden sich die Geister. Gregor der Wundertäter, der Märtyrer Pamphylus, die Männer der alexandrinischen Katechetenschule, Eusebius von Cäsarea, Athanasius, Gregor von Nazianz, Gregor von Nyssa, Basilius, Hilarius, Ambrosius, verehrten und verwerteten den großen Meister. Dagegen Methodius von Olympus, Hieronymus, Theophilus wurden aus Bewunderern seine Gegner. Epiphanius sah im Origenismus die gefährlichste aller Häresien. Nicht die Ewigkeit der Schöpfung, nicht die Präexistenz der Seelen und nicht die allgemeine Apokatastasis oder die allegorische Auslegung gewisser Schrifttexte bildeten den größten Stein des Anstoßes, sondern ganz besonders die Anklage: der Origenismus sei durch seine subordinatianische Logoslehre der geistige Vater des Arianismus geworden.
Johannes von Jerusalem war und blieb ein begeisterter Freund des Origenes. Epiphanius hatte durch seine Klostergründungen immer noch Verbindung mit Palästina.
Der Bischof von Jerusalem war ihm suspekt. 392 oder 394 kam nun unser Epiphanius wieder in die heilige Stadt und predigte in der hl. Grabkirche nachdrücklich gegen den Origenismus. Er forderte von Johannes, daß er ihn ebenfalls verurteile. Es kam zu dramatisch bewegten, unschönen Auftritten in jener ehrwürdigen Kirche, da Bischof gegen Bischof stritt. Epiphanius und Johannes zerwarfen sich vollständig. Ersterer schrieb darüber an die Bischöfe Palästinas und an Papst Siricius. An Hieronymus, der vorher auch ein Freund des Origenes gewesen war, gewann Epiphanius einen nicht nur sehr gelehrten, sondern auch sehr temperamentvollen Mitkämpfer, während Rufinus die Freundschaft des Stridoniers um des großen Alexandriners willen dahingab. Epiphanius floh zu den Mönchen in Bethlehem. Die Kirchengemeinschaft zwischen dem Oberhirten von Jerusalem und der Asketengemeinde an der Geburtsstätte des Erlösers wurde zerrissen. Dieses lokale Schisma wurde noch verschärft dadurch, daß Epiphanius den Bruder des Hieronymus, Paulinian, unter Umgehung des kompetenten Diözesanbischofes Johann zum Priester weihte. Allerdings sollte er Priester sein ausschließlich für die vierhundert Mönche von Bethlehem, unter denen nur zwei Priester waren, die aber ihre priesterlichen Funktionen nicht ausübten. Johann beschwerte sich nun über Verletzung seiner Bischofsrechte. Streitschriften folgten hin und her zwischen Epiphanius und Hieronymus auf der einen, Johannes und Rufinus auf der andern Seite. Die Polemik wurde zum Teil recht bitter und leidenschaftlich. Epiphanius legte dabei den Finger immer auf die theologischen Kontroverspunkte, während Johannes von Jerusalem, der origenistischen Frage ausweichend, sich auf sein verletztes Recht in der Ordinationsaffäre steifte. Theophilus von Alexandrien, der von Johannes unter Protest des Hieronymus als Schiedsrichter angerufen worden war, brachte eine vorübergehende Versöhnung zustande. Wir wissen nicht, ob Epiphanius in dieselbe mit eingeschlossen war. Jedenfalls reiste er wieder nach Cypern zurück. An Johannes schrieb er einen längeren Brief, in welchem er die hauptsächlichsten origenistischen Irrtümer noch einmal aufzählte mit der eindringlichen und versöhnlichen Mahnung und Bitte, umzukehren und nicht länger zu zürnen. Er schloß: „Der Gott des Friedens aber verleihe uns in seiner Güte, daß der Satan zertreten wird unter den Füßen der Christen und jeder Vorwand fällt, das Band der Liebe und des Friedens unter uns zu zerreißen und die Prediger des rechten Glaubens zu entzweien." Der Anhang dieses Briefes sei als interessantes Dokument zur Geschichte der Bilderverehrung wiedergegeben, unter deren Gegner unser Kirchenvater zu rechnen ist:
„Übrigens höre ich, daß einige aus folgendem Grunde gegen mich murren: Wir gingen doch einst miteinander zum heiligen Orte Bethel, wo ich nach kirchlichem Herkommen mit dir das heilige Opfer darbringen wollte. Als ich nun zum Flecken Anablatha kam und im Vorbeigehen eine Ampel brennen sah, fragte ich, was das für ein Haus sei. Es wurde mir gesagt, es sei eine Kirche, und ich trat ein, um zu beten. Da sah ich nun am Eingang besagter Kirche einen gefärbten, bemalten Vorhang, der das Bild Christi oder eines Heiligen trug. Ich kann mich nämlich nicht mehr genau erinnern, wen das Bild darstellte. Als ich das gewahrte, daß in der Kirche Christi gegen die Autorität der Hl. Schrift das Bild eines Menschen hing, so zerriß ich jenen Vorhang und gab weiter den Wächtern des genannten Ortes den Rat, sie sollten eine Armenleiche darein hüllen und beerdigen. Jene aber murrten gegen mich und sagten: Wenn er schon den Vorhang zerreißen wollte, so for-derte es die Gerechtigkeit, daß er einen andern gäbe oder ihn ändere. Als ich das hörte, versprach ich, ich wolle einen hergeben und sogleich schicken. Doch verging einige Zeit, während ich nach einem recht schönen Vorhang suchte. Ich glaubte nämlich, ihn von Cypern aus senden zu sollen. Nun aber schickte ich, was ich eben finden konnte, und bat, die Priester jenes Gotteshauses zu beauftragen, den übersandten Vorhang vom Überbringer in Empfang zu nehmen und dann eine Weisung zu geben, daß in der Kirche Christi derartige Vorhänge, die unserem religiösen Empfinden widersprechen, nicht mehr aufgehängt werden. Es geziemt sich nämlich Ew. Ehrwürden, in erhöhtem Maße dafür zu sorgen, den Anstoß zu beseitigen, der unwürdig ist der Kirche Christi und der dir anvertrauten Völker. Vor Palladius aber, dem Galater, der uns einst teuer war, jetzt aber der Barmherzigkeit Gottes bedarf, vor dem hüte dich, weil er die Ketzerei des Origenes predigt und lehrt, damit er nicht einige von dem dir anvertrauten Volke in seinen verkehrten Irrtum verstricke. Lebet wohl im Herrn!"
Derselbe impulsive, unerleuchtete Eifer, den Epiphanius in diesem kleinen Bilderstreit zeigte, sollte bald darauf in sein und eines anderen Mannes Leben einen Riß bringen, der nicht so leicht wieder gut zu machen war wie der zerrissene Vorhang von Anablatha: Epiphanius wurde ein Gegner und indirekter Verfolger des hl. Chrysostomus. Es war, als sähe er nur mehr Origenismus und Antiorigenismus. Das Netz, das der schlaue Theophilus von Alexandrien über ihn geworfen hatte, sah er leider nicht. Noch um 397 hatte Hieronymus gegen denselben als Schiedsrichter in einem Streit mit Johannes von Jerusalem protestiert, weil er selbst Origenist sei. Ein Zwischenfall mit den Mönchen der sketischen Wüste veranlaßte ihn 399, seine Ansicht oder vielmehr seine Rolle zu ändern. Die vier „langen Brüder", die als Origenisten von ihm vertrieben wurden, fanden in Konstantinopel bei Johannes Chrysostomus zwar nicht Aufnahme in die Kirchengemeinschaft, aber doch eine Zuflucht, bis ihre Sache geklärt sei. Auf Anklagen des Alexandriner Patriarchen erhoben die Mönche Gegenklage bei Chrysostomus und bei der Kaiserin Eudoxia. Theophilus sollte sich auf einem hauptstädtischen Konzil verantworten. Da griff er zu einer Intrigue, der Epiphanius aktiv und Chrysostomus passiv zum Opfer fallen sollten. Er stellte dem Erzbischof von Salamis vor: Der Patriarch von Konstantinopel begünstige den Origenismus und er sei berufen, diese Gefahr abzuwehren. Gegen den Origenismus also! Theophilus hatte das rechte Wort gefunden. Der „wohlmeinende, aber kurzsichtige Greis" verließ trotz seiner neunzig Jahre Cypern, wo Origenes durch eine Synode, wahrscheinlich 402, neuerdings verurteilt worden, und ging nach Konstantinopel, um die Gefahr zu bekämpfen, nicht erst um sie zu untersuchen. Auf der Reise starb sein Diakon. Epiphanius weihte vor den Toren der Hauptstadt, also im Sprengel des hl. Chrysostomus, einen andern. Das war ein „neuer Fall Paulinian". Aber Johannes von Konstantinopel war hochherzig genug, darüber hinwegzusehen. Er schickte ihm den Klerus seiner Kirche zum Empfange entgegen und ließ ihn einladen, bei ihm Wohnung zu nehmen. Epiphanius wies die öfters wiederholte Einladung wiederholt zurück, weil Chrysostomus auf die Bedingungen nicht einging: den Origenismus zu verwerfen und die vier „langen Brüder" zu vertreiben. Epiphanius wohnte privat und vereinigte mehrere Bischöfe um sich. Es wurde geplant, in der Apostelkirche eine feierliche Versammlung zu halten, worin der Verfasser des „Festgeankerten" gegen Origenes und indirekt gegen Chrysostomus sprechen sollte. Zum Glück erfuhr Chrysostomus noch rechtzeitig davon und brachte durch seinen Diakon Serapion den greisen Erzbischof dahin, jene Absicht aufzugeben. Vielleicht machte auch eine Unterredung mit den „langen Brüdern" selbst ihn noch mehr nachdenkend. Sozomenus berichtet in seine Kirchengeschichte VIII, 15, Ammonius habe gesagt: „Wir sind die langen Brüder. Wir würden uns freuen, zu erfahren, ob du je schon einen unserer Schüler getroffen oder unsere Schriften gelesen hast." Beides verneinte Epiphanius. Darauf Ammonius: „Wie kommt es dann, daß du uns als Häretiker verurteilst? Nichts unterrichtete dich über unsere Lehre." Epiphanius erwiderte: „Ich habe darüber reden hören." „Und wir", sagte Ammonius, „wir haben ganz anders gehandelt. Wir haben Beziehungen angeknüpft mit deinen Schülern. Wir haben deine Schriften studiert, wovon eine den Titel führt: ,Der Festgeankerte'. Und als viele es unternahmen, dich zu tadeln und dich als Häretiker zu brandmarken, so haben wir für dich gekämpft wie für einen Vater und haben in aller Gerechtigkeit dich verteidigt. Es war also nicht notwendig, auf das bloße öffentliche Gerücht hin uns zu verurteilen. Nicht Sachkenntnis führt dich zu deinem Urteil; es gäbe noch einen andern Weg, zu erfahren, was wir getan haben." Darauf habe, berichtet Sozomenus, Epiphanius freundlicher mit ihnen geredet und die „langen Brüder" verabschiedet.
Auch von Unterredungen mit Chrysostomus selbst weiß die Geschichte oder die Legende zu berichten: Der edle Patriarch der Hauptstadt, der im Anfange seines Leidensweges stand, habe seinen neunzigjährigen Mitbruder und Gegner gefragt: „Gottseliger Epiphanius, ist es wahr, daß du gegen mich gesprochen?" worauf jener: „Athlet Christi, laß die Prüfung über dich ergehen und triumphiere!" Ja sogar ihre nächste Zukunft hätten sie einander prophezeit mit den Worten: „Du wirst auf dem Wege sterben," und: „Du wirst deines Bischofsamtes entsetzt werden." Es ist ja klar, daß die ganze Episode zu Anekdoten Anlaß geben mußte. Aber sicher ist auch, daß Epiphanius in Konstantinopel Einblicke und Aufschlüsse erhielt, die ihn bedenklich machten und seinen müden Augen die schmerzliche Klarheit aufgehen ließen, daß er auf falscher Fährte sei. Denn die Mission, die er mit solchem Eifer unternahm, brach er plötzlich ab und reiste von der Hauptstadt in seine Heimat. Sozomenus berichtet im gleichen Zusammenhang, beim Abschied habe der enttäuschte Greis gerufen: „Ich lasse euch die Hauptstadt und den Hof und die Heuchelei. Ich aber gehe; denn ich habe Eile, große Eile."
Er eilte zu spät: der Tod ereilte ihn auf dem Meere. Die unschöne Synode mit dem schönen Namen „Eichensynode" hat sich zur Verurteilung des hl. Chrysostomus auch auf den hochangesehenen Metropoliten von Salamis berufen.
Epiphanius selbst ist wenigstens persönlich „nicht im Streite" mit Chrysostomus „zur Ruhe gegangen". Es geziemt sich, am Schlüsse dieses Lebens voll Askese, Arbeit und Glaubenseifer nicht auf sein verfehltes letztes Unternehmen zu blicken, sondern den heiligen Mann „alles in allem" zu nehmen, der durch seinen Tugendwandel selbst den Gegnern seiner Zeit ehrwürdig war und als „Säule der Orthodoxie" noch nach Jahrhunderten große Autorität genoß.

 

 

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Einleitung zu:
Anakephalaiosis (Auszug aus dem Panarion) (Epiphanius v. Salamis († 403))
Der Festgeankerte (Ancoratus) (Epiphanius v. Salamis († 403))
Gegen die Antidikomarianiten (Panarion Haer. 78.) (Epiphanius v. Salamis († 403))

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger