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Johannes Niederhuber, Einleitung: Über die Jungfrauen drei Bücher. In: Des heiligen Kirchenlehrers Ambrosius von Mailand ausgewählte Schriften / aus dem Lateinischen übers. und ausgewählte kleinere Schriften / übers. und eingel. von Joh. Ev. Niederhuber. (Des heiligen Kirchenlehrers Ambrosius ausgewählte Schriften Bd. 3; Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 32) Kempten; München : J. Kösel, 1917.
Einleitung: Über die Jungfrauen drei Bücher

Über die Jungfrauen drei Bücher

Johannes Niederhuber: Vorbemerkungen: Über die Jungfrauen; drei Bücher Über die Jungfrauen; drei Bücher [S. 307] Den Funken des aszetisch-monastischen Lebensideals hat der hl. Athanasius in seinem römischen Asyl (341—343) aus der lohenden Esse orientalischer Begeisterung ins Abendland geworfen. Wie eine neue Offenbarung wurde seine Kunde von dem Eremiten Antonius und den Klöstern des Pachomius hier aufgenommen (Hier. Ep. 127, 5). Die vornehme Römerin Marcella war die erste aus den adeligen Kreisen Roms, die ihr Leben diesem Ideal weihte. Fast gleichzeitig (353) nahm des Ambrosius Schwester Marcellina1 aus der Hand des Papstes Liberius den Schleier: das erste uns bekannte Beispiel einer öffentlichen Gelübdeablegung2. Von Rom sprang jener Funke rasch auf Oberitalien über und schlug auch hier mächtige Flammen. Neben dem Sardinier Eusebius von Vercelli wurde gerade Ambrosius, der selbst in einer Vorstadt Mailands nach morgenländischen Vorbildern ein Kloster errichtet hatte (Aug. Conf. VIII 6), der eifrigste Wegbereiter des Mönchtums, das sich trotz der heftigen Opposition eines Helvidius und Jovinian, der beiden Mönche Sarmatio und Brabantius in Mailand und des spanischen Priesters Vigilantius rasch sieghaft durchsetzte. „Aus der Gegend von Placentia“, kann er triumphierend versichern, „kommen Jungfrauen, um sich weihen zu lassen, aus der Gegend von Bononia kommen sie, von Mauretanien kommen sie, um hier (in Mailand) den Schleier zu nehmen: ein erhabenes Schauspiel“ (De virg. I 11, 57). Von den Jungfrauen aus Bononia hebt er noch zum besonderen Lobe hervor, daß sie „den Weltfreuden entsagend in einem gottgeweihten Jungfrauenheim [S. 308] Wohnung genommen hätten; daß sie nicht zu geschlechtlichem, sondern zu keuschem Zusammenleben aufgebrochen seien, gegen zwanzig an Zahl und hundertfältig an Frucht ihr elterliches Heim verlassen hätten und in den Gezelten Christi weilten: unentwegte Streiterinnen der Keuschheit. Bald erschalle ihre Stimme in geistlichen Gesängen, bald mühten sie sich um des Lebens Unterhalt oder sähen sich mit ihrer Hände Arbeit um Mittel zur Ausübung der Freigebigkeit um“ (ebd. De virg. I 11, 60).

Schon hieraus ist ersichtlich, wie die Anfänge des klösterlichen Lebens und dessen Übergänge aus den Formen des bisherigen Aszetentums in den Schriften unseres Autors die mannigfachste Beleuchtung finden. Kern und Stern desselben blieb das jungfräuliche Leben. ‚Jungfrauenheime‘ waren die entstehenden Klöster. Dem Lobe und der Förderung des jungfräulichen Lebensstandes galt denn auch die zündende Begeisterung seines Herzens, die hinreißende Beredsamkeit seines Mundes. Noch tragen vier Schriften seines literarischen Nachlasses3 den treuen Widerschein dieser Begeisterung, den hellen Widerhall dieser Beredsamkeit durch die Jahrhunderte herab: die „Drei Bücher über die Jungfrauen an die Schwester Marcellina“; die inhaltlich eng sich anschließende Abhandlung „Über die Jungfräulichkeit“ (um 378), eine Rechtfertigung seiner Werbepredigten für den jungfräulichen Stand, die wegen ihres ungewöhnlichen Erfolges nicht geringe Erregung hervorgerufen, ja Mailänder Patrizierinnen veranlaßt hatten, ihre Töchter zu Hause einzusperren, daß sie sich nicht durch die Predigten des Heiligen hierfür gewinnen ließen; sodann die „Unterweisung einer Jungfrau (Ambrosia) und die immerwährende Jungfräulichkeit der heiligen Maria an Eusebius“ (um 391), eine scharfe Abrechnung mit den Gegnern (Bonosus) der Virginität; endlich die „Ermunterung zur Jungfräulichkeit“ (um 393), eine in Florenz gehaltene, zum Zweck der Veröffentlichung erweiterte Gelegenheitspredigt.

[S. 309] Die unten in deutscher Übersetzung gebotenen drei Bücher über die Jungfrauen sind schon nach der Aufschrift an des Ambrosius Schwester Marcellina adressiert und ihretwegen verfaßt worden (vgl. I 3, 10). Ihre Abfassungszeit fällt nach einer gelegentlichen Notiz des Autors (II 6, 39) ins dritte Jahr seines Episkopates, d. i. 377. Das erste Buch bezeichnet er selbst als eine „Abhandlung über die Erhabenheit des jungfräulichen Standes“ (II 1, 1), das zweite als eine „Unterweisung der Jungfrau“ an der Führerhand „berufener Lehrautoritäten“ (ebd. II 1, 1): der Gottesmutter, der hl. Thekla und einer antiochenischen Märtyr-Jungfrau, die er alle „lieber durch ihr Beispiel als durch ihr Lehrwort“ sprechen lassen will (ebd. II 1, 2). Das dritte Buch sollte vor allem die Ansprache wiedergeben, welche Papst Liberius zu Rom gelegentlich der Gelübdeablegung Marcellinas und der Überreichung des Jungfrauenschleiers an dieselbe hielt (III 1, 1) und deren Einteilung in einen dogmatischen (1,1—1, 4) und einen paränetischen Teil (2, 5—3,14) Ambrosius selbst hervorhebt (ebd. 1, 4; 2, 5). Daran reihen sich in der größeren Schlußhälfte noch besondere Standesunterweisungen für die Adressatin (4,15—7, 38).

Das Werk stellt (namentlich im dritten Buch) kein innerlich-organisches Ganzes, sondern mehr ein äußerlich-künstliches Gefüge dar, worin die geschickt redigierende Hand zum Teil ursprünglich getrennte Bestandteile, vor allem Predigten (vgl. I 2, 5) zusammenschloß. Besonders lose, fast gewaltsam fügt sich der Exkurs über den hl. Täufer, ein rhetorisches Glanzstück, darin ein (III 6, 26—30). Inhaltlich „ergoß sich“, um mit Hieronymus zu sprechen, „die Beredsamkeit unseres Ambrosius in den Schriftchen an seine Schwester in solcher Fülle, daß er alles, was nur zum Lob der Jungfrauen gesagt werden kann, findig zusammengetragen, klar zum Ausdruck und systematisch zur Darstellung gebracht hat“ (Ep. 22, 22). In formaler Hinsicht lohnt die duftige Anmut und poetische Schönheit, die darüber liegt, die feurige Begeisterung — sie entzündet sich gern an der liebeglühenden Sprache des Hohen [S. 310] Liedes — und die rhetorische Kraft, die daraus sprüht, die hochgespannten Erwartungen des Lesers.

Eine deutsche Übersetzung der Schrift floß aus der Feder Fr. Schultes, Bibliothek der Kirchenväter, Kempten 1871. Vgl. L. Biraghi, Vita della vergine Romano-Milanese S. Marcellina, sorella di S. Ambrogio, Milano 1863; ins Deutsche übersetzt von P. Macherl, Kempten 1880.

1: Vgl. über Marcellina Allg. Einl., Bd. I S. VIII Anm. 1; ausführlicher Biraghi, Vita della vergine Romano-Milanese S. Marcellina, sorella di S. Ambrogio, Milano 1863, ins Deutsche übersetzt von Macherl, Kempten 1880.
2: Ambrosius selbst berichtet hierüber De virg. III 1, 1 sqq.
3: Die Strafrede De lapsu virginis consecratae über eine gottgeweihte Jungfrau, die sich mit einem Lektor sträflich vergangen hatte, ist wohl unecht.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Bilder Vorlage

Einleitung zu:
Über die Jungfrauen (De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres) (Ambrosius von Mailand (340-397))

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger