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Theodor Schermann, Einleitung: Die griechische Jakobusliturgie. In: Griechische Liturgien. Übers. von Remigius Storf ; mit Einl. versehen von Theodor Schermann. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 5) München 1912.

Einleitung: Die griechische Jakobusliturgie

[S. 80] Die griechische Jakobusliturgie war seit 1560 bis in die neuere Zeit in einem Druck verbreitet, dessen Handschrift verloren gegangen zu sein schien. Man nannte diese Textform1 den textus receptus, der bis zur Ausgabe Assemanis 1752 der allein bekannte war. Nach Vergleichung des Textes mit den jetzt bekannten Handschriften scheint es, daß zwei oder mehrere Hss miteinander verwoben sind, deren Grundform in dem Cod. Vatic. gr. 2282 (ehem. Vatic. 2182) vorliegt, einem Rotulus oder Kontakion, (weil sie um einen κόντος-Stab [kontos-Stab] aufgerollt war). A. Baumstark2 zeigte den Fund an und wies zugleich nach, daß die Hs aus Damaskus, jedenfalls dem Patriarchate Antiocheia, stammt und einen Text aufbewahrt hat, dessen Alter in das 7.—8. Jahrhundert datiert werden dürfte. Nicht bloß ist Petrus als erster Erzbischof Antiocheias und Ananias als erster Bischof einer andern Stadt (Damaskus) genannt, sondern die Diptychen erwähnen nur die sechs ersten Konzilien und schließen deren Aufzählung mit jenem von Konstantinopel 680 ab. Unter den Patriarchen und Kirchenfürsten werden römische Päpste aufgezählt, auch Augustinus und andere Abendländer, ein Zeichen, daß die Beziehungen zwischen Ost und West unter den Melchiten noch ungetrübte waren. Außer dieser Handschrift besitzen wir noch einen Rotulus aus Messina3 (Messin. gr. 177 saec. X―XI), der die Liturgie allerdings nur fragmentarisch überliefert, einen Vatic. gr. 1970 (ol. Rossanensis, saec. XIII) und eine Reihe jüngerer Zeugen, welche nicht vor dem 14.—15. Jahrhundert geschrieben sind. Leider haben die neueren Herausgeber Swainson und Brightman4 einen jüngeren Text, Paris gr. 259 (saec. XIV.), ihrer Ausgabe zugrunde gelegt, wobei der erstere allerdings auch den Rotulus von Messina, [S. 81] den Rossan. und eine andere Pariser Hs (suppl. gr. 476) nebst dem textus receptus in Parallelkolumnen wiedergab. Die jüngeren Hss zeigen eine stark nivellierende Richtung zu der byzantinischen Chrysostomusliturgie hin.

Die älteste Handschrift gibt uns zugleich Anhaltspunkte dafür, wie diese Liturgie Antiocheias und Jerusalems mit dem Namen des Jakobus geschmückt wurde. Es darf als ausgeschlossen gelten, daß der Name des „Herrnbruders“ und Apostels von jeher mit dieser Liturgie verbunden war5, geschweige denn, daß er deren Apostolizität verbürge. Unsere Hs kennt überhaupt keinen andern Titel für die ganze Liturgie6 als τάξις σὺν θεῷ καὶ ἀκολουθία τῆς κατὰ τὴν σύνταξιν ἱερομύστου τελευτῆς [taxis syn theō kai akolouthia tēs kata tēn syntaxin hieromystou teleutēs]. Blättern wir weiter, so finden wir, daß in der Reihe von Gebeten ein Tropar (Lied) zum großen Eintritt (mit den Opfergaben) als solches τοῦ ἁγίου οὐρα νοβάμωνος [ = οὐρανοβάμωνος] Διονυσίου [tou hagiou oura nobamōnos ( = ouranobamōnos) Dionysiou] bezeichnet7 und ein dazu gehörendes Gebet dem θεσπέσιος Βασίλειος [thespesios Basileios] 8 beigelegt wird. Demselben hl. Basilius wird die Abfassung eines weiteren Gebetes in dem Teile vor dem großen Dankgebete zugeschrieben9. Dagegen wird der hl. Jakobus als Verfasser des Teiles genannt, der mit der Opferung beginnt10: ἀρχὴ τῆς προσκομιδῆς τοῦ ἁγίου Ἰακώβου τοῦ ἀδελφοθέου καὶ κλητοῦ ἀποστόλου καὶ δικαίου [archē tēs proskomidēs tou hagiou Iakōbou tou adelphotheou kai klētou apostolou kai dikaiou]. Darin ist aber unsere Handschrift nicht die erste, welche ihm die Abfassung dieses Teiles zuweist, bereits eine andere Liturgie Antiocheias, jene des achten Buches der Apostolischen Konstitutionen, läßt „Jakobus, den Bruder des Zebedaiden Johannes“ zu Beginn der Gläubigenmesse redend auftreten und dem Diakon Befehle erteilen11, während ebenda Andreas12 zu Beginn des Wortgottesdienstes seine Winke und Vorschriften für die sogen. Katechumenenmesse gibt. Ist diese Einkleidung oder Zuteilung gewisser Teile an die Apostel auch auf das Konto des Kompilators des pseudoapostolischen Buches zu schreiben, so war doch die Beilegung der Abfassung des wichtigsten Teiles der Messe, der Anaphora, an Jakobus nicht ohne Grund erfolgt. Hier lebt noch die Erinnerung an den ersten Bischof von Jerusalem fort, auf den allerdings weder die Liturgie des [S. 82] Teiles von AK VIII noch der Anaphora der Jakobusliturgie in dieser vollendeten Form zurückgeht13. War der wichtigste Teil der Messe mit seinem Namen versehen, so war es nur noch ein kleiner Schritt, die ganze Liturgie ihm beizulegen. In der Tat finden wir die Tradition von der Verfasserschaft der syrischen Liturgie durch Jakobus bereits auf dem trullanischen Konzil (32. Kanon) 692 bestätigt. Ebenso haben die Monophysiten14 bei ihrer Trennung Liturgie und Name mitgenommen und bei Übertragung derselben in die syrische Sprache beibehalten, sodaß wir ein ausgezeichnetes textkritisches Hilfsmittel daran haben.

Prüfen wir den sämtlichen Handschriftenbestand, so läßt sich zweierlei daraus ableiten. Die Jakobusliturgie weist im 7.—8. Jahrhundert denselben Ausbau auf wie die Liturgien Ägyptens, Kleinasiens und von Byzanz. Gewisse Neubildungen, die gerade von der Residenz ausgingen und die wir bei der Behandlung der Chrysostomusliturgie eingehender besprechen werden, scheinen bald ihren Weg nach Syrien wie Ägypten gefunden zu haben. Eine zweite Wahrnehmung besteht darin, daß je jünger die Handschriften sind, sie umsomehr von der byzantinischen Liturgie Ritus und Gebete aufnehmen, bis die einheimisch syrische Liturgie vollständig durch jene der Residenz ersetzt oder verdrängt wird.

Dieser Prozeß ist auch bei der griechischen Jakobusliturgie wahrzunehmen, welche in Jerusalem, Cypern und andern Orten nur noch am 23. Oktober, dem Feste des hl. Jakobus, im Gebrauch war. Am 30. Dezember 1900 wurde der Versuch gemacht, sie wieder öfters in der griechisch-orthodoxen Kirche ihrer Heimat zur Geltung15 zu bringen.

1: s. Brightman p. XLVIII f. Ausgabe von Guil. Morelius. Ich benützte die Ausgabe bei Fronto Ducaeus, Bibliotheca veter. Patrum tom. 2, 1624, S. 1―24.
2: (2.) A. B. und Th. Sch., Der älteste Text der griechischen Jakobusliturgie, Oriens christianus III 1903, 214―219.
3: (3.) Brightman p. XLIX f.
4: (4.) Brightman, S. 31 ff.
5: (5.) Papadopoulos, περὶ τῆς ἀποστολικῆς λειτουργίας τοῦ ἁγίου Ἰακώβου, ἐν Ἀθήναις [peri tēs apostolikēs leitourgias tou hagiou Iakōbou, en Athēnais] 1901. s. Theol. Literaturzeitung XXVIII, 1903, 105 f. Prinz Max von Sachsen, Praelectiones de liturgiis orientalibus tom. I. Freiburg 1908, 8.
6: (6.) Jetzt herausgegeben in Novae Patrum bibliothecae ab Angelo Cardin. Maio collectae tomus decimus edit. a Cozza-Luzi, Romae 1905 p. XIX und S. 31 ff., 37 ff.
7: (7.) Ebendiese Ausgabe S. 49.
8: (8.) Ebenda S. 51.
9: (9.) S. 61.
10: (10.) S. 57.
11: (11.) s. Brightman, Liturgies Eastern S. 13 Zeile 24.
12: (12.) Brightman ebenda S. 3 Zeile 10.
13: (13.) Vgl. W. K. Prentice, Fragments of an early christian liturgy in Syrian inscriptions, Transactions and Proccedings of the american philological association tom. XXXIII 1902 pag. 96 n. 16; P. Sixtus, Ephemerides liturgicae vol. XXIII 1909, 64 ff.
14: (14.) Über Drucke, Hss der syrischen Jakobusliturgie s. Brightman p. LVI und LX ff. Über syr. Lektionarien s. Agn. Sm. Lewis, Codex Climaci rescriptus (Horae semiticae No. VIII), Cambrigde 1909. Syrisches Lectionar des 6. Jahrh.
15: (15.) Anagnostes, La liturgie de S. Jacques à Jérusalem, Echos d’Orient IV 247 f. P. Anaisi, Oriens christianus I 1901 170—173. Brightman, appendix H S. 501 f. druckt noch Diptychen von Jerusalem aus dem Jahre c. 1166 ab.

 

 

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Die griechische Jakobusliturgie (Liturgien, Griechische)

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger