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Epiphanius v. Salamis († 403) - Anakephalaiosis (Auszug aus dem Panarion)

Häresien des ersten Abschnittes vom ersten Buche.

Wir geben nun nochmal eine andere Übersicht über den ersten Abschnitt des ersten Buches, der seine zwanzig Häresien umfaßt. Fürs erste sind nämlich die Nährmütter und vorbildlichen Formen aller Häresien die folgenden, aus denen die anderen hervorgegangen:

1. Der Barbarismus, der sich in seiner ersten Gestalt von den Tagen Adams über zehn Generationen oder bis auf Noë ausgebreitet hat. Barbarismus heißt er deshalb, weil die damaligen Leute weder einen bestimmten Anführer noch irgendeine Form sozialen Lebens hatten, sondern weil ein jeder für sich wandelte und als Gesetz nur die Willkür der eigenen Neigung kannte.

2. Der Skythismus bestand von den Zeiten Noës an und dann bis zum Turmbau von Babel1 und einige Jahre nach der Zeit des Turmbaues, d. i. bis auf Phaleg und Rhagau. Diese kamen nämlich nach Europa und drangen bis nach Skythien und anderen solchen Völkern vor, zu den Zeiten Thares und darüber hinaus, woher die Thraker abstammen.

3. Der Hellenismus begann mit den Zeiten Seruchs, nämlich mit der förmlichen Abgötterei. Während aber damals jeder für sich irgendeinem Aberglauben folgte, so haben später die Menschen angefangen, zu einer fei neren Form, zu bestimmten Sitten und Gesetzen des Götzendienstes fortzuschreiten. Auf diesem Wege bildeten sie sich ihre Götter, indem sie anfangs in Farben darstellten und nachbildeten diejenigen, welche von altersher bei ihnen in Ehren standen, Tyrannen oder Betrüger, die etwas besonders Denkwürdiges im Leben geleistet haben, durch Tapferkeit oder Körperstärke2 . Nachher aber, von den Zeiten Thares, des Vaters Abrahams, haben sie diesen Wahn des Götzendienstes durch Statuen und Götzenbilder weitergeführt Sie stellten nämlich ihre Ahnen, um sie zu verehren, zuerst in irdenen Statuen bildlich dar; später machten sie das in jeder Kunstform nach Die Baumeister bearbeiteten Steine, die Gold- und Silberschmiede verfertigten Bildwerke in ihrem Materiale, ebenso die Bildhauer usw. Die ersten Urheber dieses abergläubischen Kultus und der Bilder und der Mysterien waren die Ägypter, die Babylonier, dann die Phrygier und Phöniker, von denen diese Dinge schon seit Kekrops zu den Griechen gekommen sind Erst nach sehr langer Zeit haben sie dann angefangen, Kronos und Rhea und Jupiter und Apollo sowie die übrigen Götter zu verehren.

3. Die Hellenen haben ihren Namen von Hellen3 , der in Griechenland lebte und seinem Vaterlande seinen Namen gab. Einige wollen diesen Namen lieber ableiten von elaia, d. i. Ölbaum, welcher in Athen wuchs. Die Stammväter dieses Volkes waren die Joner, welche, wie die Geschichte lehrt, ihren Namen von Jon, dem Sohne eines von denen haben, welche den Turm zu Babel gebaut haben; deshalb heißen sie auch Meroper, von der Teilung der Sprachen her. In der Folgezeit spaltete sich aber der Hellenismus, nämlich in die Sekten der Pythagoräer, Stoiker, Platoniker, Epikureer usw. Aber auch die rechtmäßige Form der Gottesverehrung bestand gleichzeitig weiter mit dem Naturgesetz, das in Kraft blieb. Aber sie hat sich seit Beginn der Welt von diesen Völkern losgelöst und fristete sich hier mitten zwischen Barbarismus, Skythismus und Hellenismus fort, bis sie die Verbindung einging mit der Frömmigkeit Abrahams. Seit den Zeiten Abrahams hat der Judaismus seinen bestimmten Charakter angenommen, ist in Moses, in der siebenten Geschlechtslinie seit Abraham, durch das von Gott gegebene Gesetz auf eine breitere Unterlage gestellt worden und hat endlich nach Juda, dem vierten Sohne Jakobs oder Israels, durch David, den ersten König aus dem Stamme Juda, endgültig den Namen Judaismus erhalten. Die Sekten des Hellenismus sind folgende:

4. Die Pythagoräer oder Peripatetiker [sic!]. Ihre Schulsätze betreffen die Monade und die Vorsehung. Sie verbieten, den Göttern zu opfern, von lebenden Wesen etwas zu genießen, Wein zu trinken. Sie teilen die Welt vom Monde aus: das oberhalb nennen sie unsterblich, das unterhalb sterblich. Die Seelen wandern von einem Körper in den andern, sogar von Tieren und Bestien. Ihr Lehrer Pythagoras war ein Schweiger; sich selbst nannte er Gott.

5. Die Hauptbegriffe der Platoniker sind : Gott, Materie und Idee. Die Welt halten sie für geworden und vergänglich, die Seele aber für ungeworden, unsterblich und göttlich. Sie unterscheiden drei Teile der Seele: Vernunft, Mut [= Wille] und Begierde. Die Weiber sollten allen gemeinschaftlich sein, niemand seine ihm besonders angetraute Frau haben, sondern jeder sollte sich nach Wunsch mit dem Weibe, das ihm zu Willen ist, verbinden. Nach den Platonikern sollten auch die Seelen in verschiedene Leiber, sogar von Tieren, wandern. Ähnlich lassen sie aus einem Gotte mehrere entstanden sein.

6. Die Stoiker halten das All für einen Körper und die sichtbare Well für Gott. Einige suchen auch im Feuer die [letzte] Natur der Dinge; Gott ist ihnen Geist4 , und sie meinen, daß er gleichsam die Seele der ganzen ungeheuren Masse des Himmels und der Erde sei, dessen Leib das All, dessen Auge die Gestirne seien. Alles Fleisch gehe zugrunde, die Seele aber wandere von Körper zu Körper.

7. Die Epikureer lehren, daß kleinste, unteilbare gleichartige und zahllose Körper der Urgrund aller Dinge seien. Das Ziel der Glückseligkeit setzen sie in die Lust. Weder Gott noch Vorsehung hat auf den Lauf der Dinge Einfluß.

8. Der Samaritismus und die Samariter leiten ihren Ursprung aus dem Judentum her, ehe verschiedene Sekten unter den Hellenen entstanden und ihre Lehrsätze Gestalt gewannen, neben dem Bestand der griechischen Gottesverehrung und neben dem Judaismus, ungefähr um die Zeit des Nabuchodonosor und der jüdischen Gefangenschaft. Die ersten Begründer der Sekte wurden nach Judäa aus Assyrien verpflanzt. Sie nehmen nur die fünf Bücher des Moses an, welche der König durch den Priester Esdras ihnen von Babylon geschickt hat. Alles haben sie mit den Juden gleich, das ausgenommen, daß sie die übrigen Völker verabscheuen, niemanden berühren, die Auferstehung der Toten und die anderen Weissagungen nach Moses verwerfen. Der Samaritismus hat sich wieder in vier Sekten geteilt5 .

9. Die ersten sind die Gorthener, welche ihre Feste zu anderer Zeit als die Sebuäer feiern.

10. Die Sebuäer, welche sich eben durch diesen Punkt der Festfeier von den Gorthenern unterscheiden.

11. Die Essener, welche indifferent gegen beide Teile sind und die Festtage mit jenen, bei denen sie sich gerade aufhalten, feiern.

12. Die Dositheer schließen sich in ihren Einrichtungen an die Samariter an. Sie gebrauchen die Beschneidung, den Sabbat und das übrige; ebenso nehmen sie den Pentateuch an. Strenger als alles übrige beobachten sie die Enthaltung von dem Genüsse des Fleisches und fasten sehr lange. Einige unter ihnen pflegen die Jungfräulichkeit, andere die Enthaltsamkeit. Sie glauben an die Auferstehung der Toten, wodurch sie sich von der Lehre der Samariter unterscheiden.

13. Das Judentum hat sieben Sekten, und zwar:

14. Die Schriftgelehrten waren Gesetzesgelehrte und "Wiederholer" [Deuterotai] der Überlieferungen, welche sie von ihren Ältesten überkommen. Sie beobachteten mit übertriebenem Eifer Satzungen, die sie nicht aus dem Gesetze gelernt haben, sondern die sie sich selbst als besondere Satzungen und Zeremonien der Gesetzesgerechtigkeit auferlegt haben.

15. Die Pharisäer, was soviel bedeutet wie "die Abgesonderten", führen ein Leben der Vollkommenheit und wollen gerechter sein als die andern. Sie verteidigen mit den Schriftgelehrten eine Auferstehung der Toten, glauben an den Engel des Hl. Geistes6 Ihre ganze Lebensart ist distinguiert. Sie beobachten Enthaltsamkeit auf bestimmte Zeit, auch Jungfräulichkeit. Sie fasten den Sabbat über, pflegen Krüge, Schüssel und Becher fleißig zu "reinigen", wie das auch die Schriftgelehrten tun; sie geben Zehent und Erstlingsfrüchte, beten anhaltend, pflegen gerne eigene Gebräuche und besondere Kleidungsart, nämlich Dalmatiken oder Unterkleider mit kurzen Ärmeln, ferner breite Phylakterien, d. i. Purpurstreifen und Fransen, ebenso Granatäpfel, welche am Kleidersaume befestigt sind und ihre zeitweilige Enthaltsamkeit andeuten sollen. Sie haben auch die Lehre von einem unvermeidlichen Schicksale eingeführt.^ Auch die Schlagwörter "Entwicklung" und "Schicksal" haben sie sich zu eigen gemacht.

16. Die Sadduzäer heißen verdeutscht: Gerechteste. Sie sind von den Samaritern und haben ihren Ursprung von einem Priester Sadok. Sie verwerfen die Auferstehung der Toten, leugnen Engel und Geist, sind aber sonst Juden.

17. Die Hemerobaptisten unterscheiden sich in nichts anderem von den Juden, als daß sie glauben, es sei zum ewigen Leben unerläßlich notwendig, sich alltäglich zu waschen.

18. Die Ossener, ihrem Namen nach die Frechen, taten alles nach der Vorschrift des Gesetzes, gebrauchten aber noch andere Schriften neben dem Gesetze und verwarfen die meisten der späteren Propheten.

19. Die Nassaräer, was soviel heißt als: die Wilden, verbieten den Fleischgenuß und essen überhaupt nichts vom lebenden Tiere. Sie nehmen alle Patriarchen an, welche im Pentateuch bis zu den Zeiten des Moses und Jesus, des Sohnes des Nun, vorkommen und schenken ihnen Glauben; also Abraham, Isaak und Jakob und alle älteren, ebenso Moses, Aaron und Jesus. Übrigens glauben sie nicht, daß der Pentateuch von Moses her rühre, und rühmen sich, andere heilige Schriften neben diesem zu haben.

20. Die Herodianer waren solche Juden, welche Herodes für Christus hielten und ihm Christi Namen und Ehren beilegten7 .

Das ist der erste Abschnitt, welcher zwanzig Häresien enthält. In demselben wird letztlich gehandelt von der Menschwerdung Christi und von dem Bekenntnisse der Wahrheit, welche eben einzig und allein der wahre Gottesglaube ist.

Bis hierher wird [im Panarion die Wiederlegung jener zwanzig Häresien gegeben8 ] und [dann] vom wahren Glauben und der Menschwerdung Christi gehandelt.

Sofort aber erfolgte auf Erden die Erscheinung unseres Herrn Jesu Christi im Fleische, welche die eben erwähnten sieben Häresien in Jerusalem antraf. Seine Macht hat sie ausgelöscht und zerstreut. Die übrigen [Häresien entstanden] nach jener Ankunft Christi, nachdem nämlich Maria, die Jungfrau von Nazareth, vom Engel Gabriel die himmlische Botschaft erhalten hat und das Wort empfangen worden ist, das vom Himmel her kommt, aus dem Schoße des Vaters, gezeugt vor aller Zeit und von Ewigkeit her, das aber herniederstieg in den letzten Zeiten als der Logos Gott, der, von Gott Vater gezeugt, ebenderselben Wesenheit ist mit dem Vater, in nichts von demselben verschieden, sondern unveränderlich und unwandelbar und leidlos. Da er sich unseres Geschlechtes erbarmte, so stieg er vom Himmel herab, und empfangen durch den Hl. Geist, nicht durch Mannessamen, nahm er einen wahren Leib aus Maria an, indem er sich das Fleisch aus der heiligen Mutter bildete, und ebenso nahm er menschliche Seele und Geist an; kurz alles, was immer zum Menschen gehört, verband er mit sich und der Gottheit. Dann wurde er zu Bethlehem geboren, beschnitten, zu Jerusalem aufgeopfert, wo ihn Simeon in seine Arme nimmt, die Prophetin Anna, Phanuels Tochter, ihn preist und endlich nach Nazareth gebracht. Im folgenden Jahre wurde er dem Herrn dargestellt und kam nach Bethlehem, wegen der Verwandtschaft von der Mutter hingetragen, wurde dann wieder nach Nazareth gebracht; im zweiten Jahre kam er, getragen von seiner Mutter, nach Jerusalem. Da er nun zu Bethlehem mit seiner Mutter und Joseph, [der schon hochbetagt mit Maria lebte,] in einem Hause verweilte, wurde er von den Magiern besucht und reich beschenkt9 Da jedoch Joseph in einem Traume durch einen Engel ermahnt worden war, so wird er nach Ägypten gebracht. Von da kehrt er nach zwei Jahren, nachdem Herodes schon gestorben und Archelaus gefolgt war, wieder zurück.

Der Erlöser ist nämlich im Jahre dreiunddreißig des Herodes und im zweiundvierzigsten des Augustus zu Bethlehem in Juda geboren worden10 . Im Jahre fünfunddreißig des Herodes zog er nach Ägypten und kehrte nach dem Tode des Herodes wieder zurück. Das Todesjahr des Herodes, welcher im Jahre siebenunddreißig starb, muß also das vierte Lebensjahr unseres Heilandes gewesen sein. Nach Herodes herrschte Archelaus durch neun Jahre. Sobald Joseph gehört hatte, daß Archelaus herrschte, kehrte er mit Maria und dem Kinde aus Ägypten zurück, zog nach Galiläa und verblieb in Nazareth. Archelaus hatte einen Sohn, Herodes den Jüngeren, welcher dem Vater im neunten Jahre seiner Regierung in der Herrschaft folgte. Das ist also das Jahr dreizehn nach Christi Geburt. Im achtzehnten Jahre des Herodes Agrippa begann Jesus zu predigen, wurde von Johannes getauft und predigte ein Gnadenjahr, ohne daß ihn jemand von den Juden oder Heiden oder Samaritanern angefeindet hätte11 . Dann predigte er unter Widerspruch ein [weiteres] Gnadenjahr. Das war das neunzehnte Jahr des Herodes, das zweiunddreißigste Jahr Christi. Endlich im Jahre zwanzig des Vierfürsten Herodes hat Christus zum Heile des Menschengeschlechtes gelitten und doch auch nicht gelitten. Indem er nämlich den Tod, ja den Tod am Kreuze verkostet hat, hat er in Wahrheit gelitten, während er hingegen seiner Gottheit nach nicht gelitten hat. Darum sagt auch die Schrift: "Christus, der für uns dem Fleische nach gelitten hat"12 , und wieder: "Getötet dem Fleische nach, lebendig gemacht dem Geiste nach"13 usw. Er wird auf dem Kreuze erhöht und begraben, steigt mit Seele und Gottheit in die Vorhölle hinab und nimmt die Gefangenschaft gefangen, am dritten Tage wird er mit seinem heiligsten Leibe14 zum Leben auferweckt.

Den Leib verband er [wieder] mit seiner Gottheit, so daß er nicht mehr davon gelöst werden, nicht mehr leiden, nicht mehr vom Tode besiegt werden sollte, wie der Apostel sagt: "Der Tod herrscht ferner nicht mehr über ihn"15 . Eben diesen Leib in Wahrheit, eben das Fleisch, eben die Seele, genau das alles und nichts anderes als den wirklichen Leib, sondern diesen, wie er war, hat er mit Kraft erfüllt und zu einer Einheit und einer Gottheit vereint16 , so daß das Fleischliche unvergänglich, das Körperliche geistig, das Zusammengesetzte einfach, das Sterbliche unsterblich wurde und weiterhin keine Vergänglichkeit schauen konnte. Die Seele war ja keineswegs in der Vorhölle zurückgeblieben, weil eben weder der Leib irgendwie als Werkzeug zum Dienste der Sünde gedient hatte, noch auch die Seele durch irgendwelche Hinneigung zum Bösen sich befleckt hatte, sondern indem der Erlöser eine vollkommen menschliche Natur angenommen hat, hat er alles das vollkommen rein und unversehrt bewahrt, indem die Gottheit seine wahre Menschheit vollkommen ausgestattet hat hinsichtlich der zweckentsprechenden Lebensfunktionen, wie sie der körperlichen, seelischen und geistigen Natur eigen sind, wozu gehören: Hunger, Durst, Weinen, Traurigkeit, Tränen, Schlaf, Arbeit und Ruhe. Das alles ist bei ihm nicht Gestalt der Sünde, sondern einer wahren Menschheit, mit welcher die Gottheit wahrhaft verbunden war, ohne Menschliches zu erleiden; die Gottheit billigte vielmehr die zweckmäßige Auswirkung der Menschennatur und blieb ferne aller Sünde und verbotenen Neigung. Auferstanden von den Toten, erschien Christus bei verschlossenen Türen, um dadurch zu zeigen, daß der Leib, welcher bisher massiv und zusammengesetzt gewesen war, bei ebendemselben Fleische und Gebeine nunmehr fein und einfach sei. Denn allsogleich nach seinem Erscheinen hat er die Hände und die Füße und die durchstochene Seite, Nerven und Gebein und das übrige gezeigt, so daß also das Geschaute nicht bloß ein Scheingebilde war. Dadurch hat er unserem Glauben und Hoffen eine feste Grundlage gegeben, da er alles vollendete und mit seinen Jüngern aß und umging, nicht dem Scheine nach, sondern in Wahrheit. Als Meister lehrte er das Himmelreich, verkündete in Wahrheit das Größte und Wichtigste der Wunderzeichen den Jüngern und sprach: "Lehret alle Völker"17 , d. i. führt sie von der Gottlosigkeit zur Wahrheit, von den verschiedenen Sekten zur einen Gottheit, "indem ihr sie taufet auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes", auf den hehren Namen der göttlichen Dreifaltigkeit, das heilige und königliche Siegel. Durch diese namentliche Bezeichnung der Dreifaltigkeit wird angedeutet, daß keine Verschiedenheit [der Personen] in der einen Einheit [der Natur] sei. Denn wenn der Befehl ergeht, die Menschen zu taufen "auf den Namen des Vaters", so ist der Preis seiner Herrlichkeit [auch ohne ausführliche Bezeichnung als Gott so wie so schon] sicher; "auf den Namen des Sohnes", so ist das nicht die Anrufung eines, der [jener Würde] ermangelt; "auf den Namen des Hl. Geistes", so besteht die Einheit ungeteilt, ohne jede Verschiedenheit von der einen Gottheit.

Endlich ist er mit Leib und Seele und Geist in den Himmel aufgefahren, indem er alles dieses zu einer Einheit und zu einer geistigen Person verbunden und göttlich gemacht hat, und sitzt zur Rechten des Vaters. Als Glaubensboten hat er in die ganze Welt geschickt: Simon Petrus und seinen Bruder Andreas, Jakobus und Johannes, des Zebedäus Söhne, die er schon gleich anfangs auserwählt hatte, Philippus und Bartholomäus, Matthäus und Thomas, Judas und Thaddäus, Simon Zelotes und Judas Iskariot, von welchem er verraten worden. Ebenso schickte er andere Zweiundsiebzig aus, zu welchen jene Sieben gehörten, welche zum Dienste der Witwen auserlesen wurden: Stephanus, Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus; dazu kommt noch Matthias, welcher an Stelle des Judas in die Zwölfzahl der Apostel aufgenommen worden ist. Ferner kamen noch dazu: Markus, Lukas, Justus, Barnabas, Apelles, Rufus, Niger und der Rest jener Zweiundsiebzig. Nach diesen allen und mit ihnen setzte er den heiligsten Paulus durch seine Stimme vom Himmel zum Apostel und Lehrer der Völker und zum Erfüller des apostolischen Dienstes ein. Dieser fand den Lukas, einen der zweiundsiebzig Jünger, die sich in alle Welt zerstreuten, und nahm ihn zu seinem Begleiter und Mitarbeiter am Evangelium. In dieser Weise wurde das ganze evangelische Amt bis zu dieser Zeit verwaltet.

Soviel von jenen zwanzig Sekten und dem, was sich ordnungsgemäß anschließt und von mir in Kürze dargestellt wurde, nämlich vom Lichte des Evangeliums, welches von Christus dem Herrn und seinen Schülern dem Erdkreise gebracht worden ist. Man kann dem, was ich hier gegeben, noch gar viel Entsprechendes hinzufügen, insbesondere Prophezeiungen und Weissagungen aus dem alten Gesetze oder den Psalmen und den anderen Büchern zusammensuchen und ihre Reihenfolge und Anordnung nachsehen und von ihrer Genauigkeit sich überzeugen. Man wird daraus gar leicht und über allen Zweifel beweisen können, daß die Menschwerdung Christi nicht etwa eine angebliche, sondern eine wahre und wirkliche, im alten Gesetze bereits voraus verkündete sei. Um aber diesen Abschnitt nicht ins Ungebührliehe anwachsen zu lassen, wollen wir uns mit dem Gesagten zufrieden geben.

Weitergehend will ich der Reihe nach ebenso all die Lehrmeinungen beschreiben, die nachher unter falschem Aushängeschild in der Welt verbreitet wurden.

1: Petavius wundert sieh mit Recht, daß Noës Nachkommen bis zum Turmbau zu Babel Skythen genannt werden. Unserem Häresiologen schwebte wohl der Römerbrief vor, wo die Völker im I. Kapitel, freilich in ganz anderer Beziehung, vorkommen.[W.].
2: Epiphanius bietet hier eine Art Euemerismus. Vgl. c. 103 des "Festgeankerten".
3: Dem Sohne des Deukalion und der Pyrrha.
4: τὸν . . . θεὸν νοῦν δογματίζουσιν. . . nicht in dem Sinne, in welchem wir sagen : "Gott ist ein Geist." Gott und Materie ist vielmehr den Stoikern eine mit sich identische Substanz, eben die Welt, deren allgemeine Vernunft Gott ist. Analog der Auffassung früherer Naturphilosophen, speziell Heraklits, dachten sich die Stoiker diese allgemeine Weltvernunft nicht rein geistig, sondern in Form der "Lebenswärme", des Urfeuers. Gott ist darnach der vernünftige Lebensatem [πνεῦμα] der Welt oder das πῦρ τεχνικόν der Weltbildung.
5: Petavius bemerkt zu der folgenden Einteilung: aequum magis ac benignum lectorem exigit quam accuratum et severum.
6: Wahrscheinlich soll es heißen: glauben an Engel und Geister, im Gegensatz zu den Sadduzäern, von welchen es Apg. 23, 8 heißt, daß sie μήτε ἄγγελον μήτε πνεῦμα annehmen. Der Ausdruck "Engel des Geistes" findet sioh im Buch der Jubiläen 2, 2, aber in anderem Zusammenhange; es werden dort nämlich die Engel des Geistes des Feuers und die Engel des Geistes der Winde und die Engel des Geistes der Wolken usw. erwähnt. Vgl. Felten: NT. Zeitgeschichte II, 1910, S. 89.
7: Aus dem Neuen Testament kennen wir die Herodianer nur als politische Partei. Vgl. G. Felten 1, 371—410: Das jüdische Parteiwesen in NT. Zeitg.
8: Das mit καὶ angefügte περὶ πίστεως καὶ περὶ τῆς ἐνσάρκου τοῦ χριστοῦ παρουσίας sollte in Wirklichkeit die Überschrift für einen neuen Gegenstand bilden, zu dem sofort übergegangen wird. [Holl, T. U. 36. 2. S. 98.].
9: Epiphanius gibt hier und Haer. 51, 11; 78, 10 eine eigene Chronologie der Kindheitsgeschichte, in die sich indessen andere Ereignisse, speziell der Tod des Herodes, nicht widerspruchslos einarbeiten lassen.
10: Über die hier angedeutete, von E. haeres. 20, 2; 51, 22-30 näher ausgeführte Chronologie des Lebens Jesu vgl. u. a. J. B. Zellinger, Die Dauer der öffentlichen Wirksamkeit Jesu. Münster 1907. S. 41 ff.
11: Vgl. Luk. 4, 19.
12: 1 Petr. 4, 1.
13: Ebd. 3, 18.
14: Es ist doch σώματι statt πνεύματι zu lesen.
15: Rörn. 6, 9.
16: Der Pleonasmus ἑνώσας εἰς μίαν ἑνότητα καὶ εἰς μίαν θεότητα kehrt öfter wieder; hier beziehen sich alle Ausdrücke auf die verklärte Menschheit des Auferstandenen.
17: Matth. 28, 19.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger