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Athanasius (295-373) - Vier Reden gegen die Arianer (Orationes contra Arianos)
Zweite Rede

6.

Ihr seht also, welch ein Irrtum es ist, zu behaupten, das Wort Gottes sei ein Geschöpf. Es sagt Salomo irgendwo im Ecclesiastes: "Jedes geschaffene Wesen wird Gott vor Gericht ziehen wegen alles Verborgenen, sei es gut oder böse"1 . Wenn also das Wort ein [S. 126] Geschöpf ist, wird es nach eurer Ansicht auch vor Gericht geführt werden? Und wo ist dann das Gericht, wenn der Richter gerichtet wird? Wer wird den Gerechten die Segnungen und den Unwürdigen die Strafen zuteilen, wenn nach eurer Ansicht der Herr wie alle vor Gericht steht? Und nach welchem Gesetze wird der Gesetzgeber selbst gerichtet werden? Dies ist das Los der Geschöpfe, gerichtet, vom Sohne gesegnet und gestraft zu werden. Fürchtet nunmehr den Richter und hört auf die Worte Salomos! Denn wenn Gott jegliches Geschöpf vor Gericht ziehen wird, der Sohn aber nicht zu denen gehört, die gerichtet werden, sondern vielmehr selbst der Richter aller Geschöpfe ist, ist es dann nicht sonnenklar, daß der Sohn nicht ein Geschöpf, sondern das Wort des Vaters ist, in dem die Geschöpfe entstehen und gerichtet werden? Wenn sie aber wegen des Schriftworts: "Der treu ist"2 aufs neue in Verwirrung geraten und glauben, daß, wie von allen, so auch von ihm das "treu" ausgesagt sei, insofern er mit seinem Glauben den Lohn für den Glauben empfange, dann müssen sie auch deshalb wieder gegen Moses Vorwürfe erheben, der sagt; "Treu und wahrhaft ist Gott"3, und gegen Paulus, der schreibt: "Treu ist Gott, der euch nicht über eure Kraft wird versuchen lassen"4. Die Heiligen hatten aber, wenn sie so sprachen, von Gott keine menschliche Vorstellungen, sondern sie wußten, daß das Wort "treu"5 in der Schrift einen doppelten Sinn habe, einmal den von "vertrauend" und dann den von "vertrauenswürdig", so daß der erstere auf den Menschen, letzterer auf Gott passe. Treu ist also Abraham, weil er dem Worte Gottes geglaubt hat, treu aber Gott, weil, wie David singt, "der Herr in allen seinen Worten treu ist"6 und glaubwürdig und unmöglich trügen [S. 127] kann. Und "wenn eine Gläubige Witwen hat"7, so wird sie wegen ihres richtigen Glaubens gläubig genannt. "Wahrhaft aber ist das Wort"8, weil man glauben muß, was es gesagt hat; denn so ist es und nicht anders. Wenn also geschrieben steht: "Der dem treu ist, der ihn dazu gemacht hat", so hat er damit keine Ähnlichkeit mit andern, und nicht, weil er glaubt, ist er wohlgefällig geworden, sondern weil er als Sohn des wahren Gottes auch selbst wahrhaft ist, und man ihm in allem, was er sagt und tut, glauben muß, da er selbst unveränderlich bleibt und in der menschlichen Heilsordnung und in der leiblichen Erscheinung keine Umwandlung erfährt.

1: Eccl. 12,14.
2: Hebr. 3,2.
3: Deut. 32,4.
4: 1 Kor. 10,13.
5: Dem Deutschen fehlt ein solch vieldeutiges Wort, wie es der Grieche in "πιστὸς" hat, und er muß daher den verschiedenen Bedeutungen dieses Wortes entsprechend im Ausdruck abwechseln
6: Ps. 144,13.
7: 1 Tim. 5,16.
8: Tit. 3,8; l Tim. 3,1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger