Athanasius (295-373) - Vier Reden gegen die Arianer (Orationes contra Arianos) Zweite Rede
49. Aus der sichtbaren Schöpfung der Welt aber nehmen wir das Unsichtbare in ihr wahr, indem wir es aus den gemachten Dingen begreifen1. Und auch da sehen wir nicht jedes einzelne Ding für sich entstehen, nicht das eine zuerst und ein anderes hernach, sondern alles ist gattungsweise zugleich entstanden. Denn nicht jedes einzelne Ding zählt der Apostel auf, so daß er gesagt hätte: "Sei es ein Engel oder Thron oder eine Herrschaft oder Macht", sondern er führt alle zusammen der Reihe nach auf: "Seien es Engel oder Erzengel oder Herrschaften"2; das ist also der Ursprung der Geschöpfe. Wenn also, wie gesagt, das Wort ein Geschöpf wäre, so hätte es nicht vor ihnen entstehen dürfen, sondern mit den andern Mächten entstehen müssen, wenn es auch an Herrlichkeit die andern noch so sehr überragt. Denn auch bei den andern Wesen findet man < s 188>diese Erscheinung, daß sie zugleich entstanden sind, und es kein erstes noch ein zweites gibt3 und daß sie doch voneinander an Glanz verschieden sind, und die einen zur Rechten, andere ringsum und wieder andere zur Linken sind, und alle miteinander lobsingen und dem Herrn dienend zur Seite stehen. Wenn also das Wort ein Geschöpf ist, ist es wohl nicht das erste von den übrigen Wesen noch auch deren Anfang. Wenn es aber vor allen existiert, wie es nun wirklich der Fall ist, und es allein das erste Wesen und Sohn ist, dann ist es seiner Substanz nach auch nicht Anfang aller Dinge; denn bei allen Dingen wird auch der Anfang von allen mitgezählt. Wenn es aber nicht der Anfang ist, dann ist es auch kein Geschöpf, vielmehr ist es doch wohl ganz klar, daß es der Substanz und Natur nach sich von den Geschöpfen unterscheidet und anders ist als sie, daß es ein Gleichnis und Bild des Einen und wahren Gottes und selbst auch einzig ist. Darum nun setzen es die Schriften auch den Geschöpfen nicht gleich, vielmehr läßt David die, welche so etwas auch nur zu denken wagen, an mit den Worten: "Wer ist Dir ähnlich unter den Geschöpfen, o Herr?"4 und: "Wer wird dem Herrn gleichgesetzt werden unter den Gottessöhnen?"5 Und Baruch schreibt: "Dieser ist unser Gott, es wird kein anderer neben ihm beachtet werden"6. Denn Er schafft7, dieses aber wird geschaffen, Er ist des Vaters wesenseigenes Wort und wesenseigene Weisheit, die entstandenen Dinge aber, die zuvor nicht waren, sind durch das Wort selbst gemacht worden. 1: Röm. 1,20. 2: Kol. 1,16. 3: Nämlich der Zeit nach. 4: Ps. 82,2 u. 85,8. 5: Ps. 88,7. 6: Bar. 3,36. 7: Der Sohn.
|