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Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
Elftes Buch

9. Die Menschwerdung ist ein großes Geheimnis.

Zwar ist jede Schmähung verwerflich, weil sie als Falschheit der Wahrheit widerspricht, wenn die Scham ihren Halt schon durchbrochen hat; dennoch schützt sie bisweilen eine Hülle von mehrdeutiger Entschuldigung vor, um züchtig in der Verteidigung (durch die Worte) sein zu lassen, was schamlos im Sinn ist.

In dem aber, was in falschgläubiger Weise zur Schmälerung der Göttlichkeit unseres Herrn vorgebracht wird, ist jetzt jede Möglichkeit zu Scheu und falscher Entschuldigung beseitigt. Denn mit dem Aufhören eben jener Entschuldigung des Nichtwissens wird allein schon der Wille zu ungläubiger Einsicht bloßgelegt. Um nämlich auf ein ganz weniges die ausführliche Darlegung jenes Evangelienwortes zu verschieben (frage ich nur): War etwa diese Lehre des Apostelwortes unbekannt: „Und es ist nach dem Bekenntnis aller ein großes Geheimnis des Glaubens, das offenbar wurde im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, sichtbar für die Engel, den Heiden verkündet, im Glauben angenommen in dieser Welt, aufgenommen in Herrlichkeit”?1 Ist immer noch jemand [S. 238] von so schwacher Einsicht, daß er die Fügung der Fleischesannahme durch den Herrn für etwas anderes ansieht als ein Geheimnis (rechten) Glaubens?

Und zunächst befindet sich außerhalb des Glaubens an Gott, wer sich außerhalb dieses Bekenntnisses befindet. Der Apostel ist nämlich in gar keinem Zweifel darüber, daß dies von allen insgesamt bekannt werden müsse, das Geheimnis unseres Heiles sei keine Schmähung für die Gottheit, sondern eines großen Glaubens Geheimnis. Dies(es Glaubensgeheimnis) sei also kein Zwang, sondern Gottesfurcht; keine Schwachheit, sondern eben eines großen Glaubens Geheimnis; und das Geheimnis sei nicht mehr in Verstecktheit verborgen, sondern im Fleische offenbar; es sei dazu auch nicht schwach vermöge des Wesens des Fleisches, sondern im Geist gerechtfertigt. Vermöge der Rechtfertigung durch den Geist sollte unserem Glauben die (vorgebliche) Schwachheit des Fleisches fern sein, und vermöge der Offenbarung des Fleisches sollte das Geheimnis nicht verborgen bleiben; und vermöge des Grundes des Geheimnisses, den man nicht wissen kann, sollte allein das Bekenntnis eines großen Glaubens im Geheimnis bestehen.

Auf diese Weise hat der Apostel die Ordnung des ganzen Glaubens festgehalten, daß zugleich mit (rechtem) Glauben das Geheimnis bestehe, daß zugleich mit dem Geheimnis die Erkenntnis im Fleisch vorhanden sei, daß zugleich mit der Erkenntnis im Fleisch die Rechtfertigung im Geist gelte. Denn das Geheimnis (rechten) Glaubens, das im Fleisch offenbar wird, empfängt seine Offenbarung im Fleisch durch die Rechtfertigung des Geistes, um in Wahrheit Geheimnis zu sein. Damit von jener Offenbarung im Fleisch keine Unkenntnis bestünde, was für eine Rechtfertigung im Geist sie sei, deswegen wurde das Geheimnis, das im Fleisch offenbar wurde und im Geist gerechtfertigt und den Engeln sichtbar und den Heiden verkündet und dem [S. 239] in dieser Welt Glauben geschenkt wurde ― deswegen ist eben dieses (Geheimnis) in Herrlichkeit aufgenommen worden. In allen eben sollte das Geheimnis des großen Glaubens vorhanden sein, wofern es im Fleisch geoffenbart, im Geist gerechtfertigt, von den Engeln erblickt, den Heiden verkündet und es in dieser Welt geglaubt, es in Herrlichkeit aufgenommen wird. Denn dem Sehen folgt die Verkündigung, der Verkündigung der Glaube, und alles bringt zur Vollendung die Aufnahme in Herrlichkeit. Denn einerseits ist die Erhebung zur Herrlichkeit ein Geheimnis großen Glaubens, und anderseits werden wir durch den Glauben an diese Fügung darauf vorbereitet, in Gleichgestalt mit der Herrlichkeit des Herrn aufgenommen zu werden.

Eines großen Glaubens Geheimnis ist also die Annahme des Fleisches, da durch die Annahme des Fleisches die Offenbarung des Geheimnisses im Fleische stattfindet. Dennoch aber ist die Offenbarung im Fleisch als nichts anderes denn als ein Geheimnis großen Glaubens zu bekennen, weil seine Offenbarung im Fleisch sowohl Rechtfertigung des Geistes als Annahme der Herrlichkeit ist. Mit welcher Aussicht endlich besteht in unserem Glauben das Geheimnis rechtgläubiger Heilsfügung als Schwächlichkeit der Gottheit, da es doch wegen der Annahme der Herrlichkeit ein Geheimnis großen Glaubens zu bekennen gilt?2

Weil es nunmehr keine Schwachheit gibt, sondern ein Geheimnis, keinen Zwang, sondern rechten Glauben: so geht es jetzt darum, nach dem Sinn des Evangelienwortes zu fragen, damit nicht als Anlaß zu falschgläubiger Lehre bestehen bleibe, was Geheimnis unseres Heiles und unserer Herrlichkeit ist.

1: 1 Tim. 3, 16.
2: Die Menschwerdung verursacht keine Minderung der Gottheit, wohl aber und ausschließlich unser Heil.

 

 

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Einleitung zu: Des heiligen Bischofs Hilarius von Poitiers zwölf Bücher über die Dreieinigkeit
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger