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Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
Elftes Buch

47. Gott ist eine undurchforschliche Tiefe.

Weil immer nur dasjenige der Erkenntnis zugänglich ist, was im Verhältnis zum Erfassen später ist, deswegen hat der Apostel zuerst die Tiefe der Weisheit Gottes, die Unendlichkeit der unerforschlichen Gerichte, das Geheimnis der unaufspürbaren Wege, das Nichtwissen des unerkannten Sinnes, die Nichterkennbarkeit des nichtmitgeteilten Ratschlusses hervorgehoben und danach erst hinzugefügt: „Wer nämlich hat zuvor gegeben, und es wird ihm vergolten? Denn aus ihm und durch ihn und in ihm besteht alles; ihm sei Herrlichkeit in alle Ewigkeit!”1 Der immerseiende Gott ist nicht einem Maß unterworfen worden, noch auch kommt ihm jemand mit irgendeiner Regung des Geistes oder der [S. 276] Erkenntnis zuvor, der früher ist als er. Deswegen ist er in seiner Ganzheit eine unerforschliche und unaufspürbare Tiefe. In seiner Ganzheit nicht aber in der Weise, daß er dadurch in ein Maß eingegrenzt sei, sondern als im Unermeßlichen seiend erkannt ist. Denn von niemandem hat er übernommen, was er ist, noch hat ein früherer es ihm übergeben, so daß er seine Stellung dem Geber zurückzuerstatten hätte. Aus ihm nämlich und durch ihn und in ihm hat alles sein Dasein. Es bedarf nicht solcher Dinge, die aus ihm und durch ihn und in ihm bestehen, weder wer Ursprung, noch wer Gestalter, noch wer der Umfassende und für das Innere der Äußere und für das Geschaffene der Begründer ist; und seines Eigenbesitzes leidet er niemals einen Mangel. Nichts besteht vor ihm, nichts von anderswoher, nichts außerhalb von ihm.

Welchen Fortschrittes der Fülle entbehrt er also, damit er im Ablauf der Zeit bis jetzt als Gott alles sei in allem? Oder woher soll er nehmen, er, außerhalb dessen nichts ist? Nichts aber so, daß er selber immer ist. Durch welche Zunahme soll er ausgefüllt, durch welchen Zuwachs abgeändert werden, er, der immer ist, außerhalb dessen nichts ist? Der da sagt: „Ich bin, und ich ändere mich nicht”?2 Es bleibt doch weder Raum für eine Änderung noch ein Anlaß zu einer Entwicklung noch etwas, das früher als die Ewigkeit ist, noch etwas anderes Gottbezogenes als Gott selbst.

Nicht also durch die Unterwerfung des Sohnes wird Gott alles sein in allem; auch wird derjenige nicht durch irgendein Ding zur Vollendung gebracht, aus dem und durch den und in dem jedes Ding besteht. Er bleibt also immer, wie er ist: Gott; noch bedarf derjenige der Entwicklung, der aus sich und für sich immer das ist, was er ist.

1: Röm. 11, 35 f.
2: Mal. 3, 6.

 

 

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Einleitung zu: Des heiligen Bischofs Hilarius von Poitiers zwölf Bücher über die Dreieinigkeit
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger