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Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
Elftes Buch

17. Für Christus das Wort ist Vater derselbe, der für Jesus als Knecht Gott ist.

Des Apostels Wort spricht aber in solchen Ausdrücken, die weder unvorsichtig sind noch durch ihre Ungewißheit zu falschem Glauben Anlaß geben. So hat jetzt der Evangelist das Wort des Herrn von der Bekundung des Bruderseins her beginnen lassen; er hat dargetan, daß die Bekundung des ganzen Wortes auf die Gemeinsamkeit desjenigen Wesens hinweise, auf Grund dessen er Bruder ist, weil der Ausspruch für die Brüder bestimmt ist. Es sollte der Gottheit nicht als Schmach ausgelegt werden, was als rechtgläubiges Geheimnis verkündet wurde. Denn unsere Gemeinsamkeit mit ihm, gemäß deren er Vater für uns und Vater für ihn ist, Gott für uns und Gott für ihn ist, besteht auf [S. 247] Grund der Heilsfügung der Fleischesannahme, damit wir durch die Geburt des Körpers (Christi) als seine Brüder angesehen werden.

Niemand also zweifelt daran, Gott-Vater sei auch der Gott unseres Herrn Jesu Christi; aber dieses unser rechtgläubiges Bekenntnis gibt keinen Raum frei zu falschgläubigem Mißbrauch. Sein (Christi) Gott ist er (Gott-Vater); aber nicht deswegen, um ein von ihm verschiedenartiger Gott zu sein. Weil er aber als Gott aus dem Vater geboren und auf Grund der Heilsfügung Knecht ist, soll er ihn sowohl zum Vater haben, da er (Christus) als Gott aus ihm geboren ist, und auch als seinen Gott, sofern er Fleisch ist aus der Jungfrau her.

In kurzer und unbezweifelbarer Fassung hebt es der Apostel durch sein Wort hervor: „durch mein Gedenken in meinen Gebeten, daß der Gott unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Herrlichkeit, euch den Geist der Weisheit und der Offenbarung gebe.”1 Wo nämlich Jesus Christus ist, da ist sein Gott; wo aber Herrlichkeit ist, da ist der Vater. Wer also Vater ist für Christus gemäß der Herrlichkeit, derselbe ist Gott für Christus, sofern er Jesus ist. Christus dem Herrn, den Maria gebären würde, hat der Engel nämlich den Zunamen Jesus gegeben.2 Die Weissagung spricht übrigens von Christus dem Herrn als dem Geist.3 Sehr vielen erscheint dieses Wort wegen der Eigenart der lateinischen Sprache allzu dunkel; denn die lateinische Sprache benutzt nicht die Fürwörter,4 die die griechische in schmuckvollem und notwendigem Gebrauch immer anwendet. So nämlich heißt es in der Schrift: ὁ θεὸς τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χϱιστοῦ, ὁ πατὴϱ τῆς δόξης [ho theos tou kyriou hēmōn Iēsou Christou, ho patēr tēs doxēs]. Bei uns würde es etwa so lauten, wenn immer der Gebrauch der Fürwörter bestünde: „Jener Gott jenes unseres Herrn Jesu Christi, jener Vater jener Herrlichkeit”. Dadurch nämlich, daß [S. 248] „jener der Gott jenes Jesus Christus ist und jener der Vater jener Herrlichkeit”, so hat gemäß der Fassungskraft unserer Erkenntnis eine angeglichene Sprechweise der Einsicht ihren Ausdruck gefunden: daß dort, wo Christi Herrlichkeit ist, Gott sein Vater ist; daß dort aber, wo Christus als der Jesus ist, sein Vater Gott ist. Seinen Gott besitzt er in der Heilsfügung, sofern er Knecht ist; und den Vater in Herrlichkeit, sofern er Gott ist.

1: Eph. 1, 16 f.
2: Matth. 1, 21.
3: Nach Hilarius: Gott; vgl. Buch VIII 48.
4: in unserer Sprechweise: „Artikel”.

 

 

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Einleitung zu: Des heiligen Bischofs Hilarius von Poitiers zwölf Bücher über die Dreieinigkeit
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger