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Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
Zehntes Buch

14. Der Grund für die körperliche Empfindbarkeit.

So ist nämlich das Wesen der [belebten] Körper, daß es, wegen der Verbindung mit der Seele zu einer gewissen Empfindungsfähigkeit einer empfindungsfähigen Seele beseelt, nicht etwa stumpfer und unbelebter Stoff ist, sondern daß es bei Berührung Tastempfindungen hat, beim Schlagen Schmerz empfindet, durch Kälte erstarrt, bei Wärme sich wohlfühlt, beim Hungern dahinsiecht, beim [übermäßigen] Essen zunimmt. Denn ver möge eines gewissen Durcheilens der Seele, die ihn [den Körper] besitzt und durchdringt, wird er nach ihrem jeweiligen Erleben erquickt oder verletzt. Wenn also Körper durch die Verletzung von Stechen oder Aufreißen Schmerz empfinden, dann ermöglicht das Empfindungsvermögen der die Körper durchdringenden Seele das Wahrnehmen des Schmerzes. So empfindet der Körper in diesen [Sinnen] eine Wunde schmerzlich, die Abschnitte der aus dem Fleisch herausragenden Fingernägel wissen nichts davon. Und wenn etwa durch eine befallende Krankheit irgendein angegriffener Teil der Glieder das Empfindungsvermögen lebendigen Fleisches verloren hat, der wird keinen Schmerz empfinden - so groß er auch sein mag -, wenn er [der Teil] abgeschnitten oder gebrannt wird, da in ihm die Durchdringung mit der Seele nicht fortdauert. Oder wenn eine dringende Notwendigkeit zu einem Schneiden des Körpers besteht, dann wird durch einen Heiltrank die lebendige Spannkraft der Seele eingeschläfert; der Geist, durch wirkungsvollere Säfte beansprucht, wird bis zum leblosen Vergessen seines Empfindungsvermögens abgetan. Dann werden die schmerz-unempfindlichen Glieder geschnitten; und das abgestorbene fleischliche Empfindungsvermögen entgeht jeglichen Qualen der tiefen Wunde, da sein seelisches Empfindungsvermögen bewußtlos ist. Der Leib, der zur Schwachheitsempfindung beseelt ist, verursacht Schmerz also durch die Beimischung der schwachheitsempfänglichen Seele.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger