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Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
Neuntes Buch

75. Die Apostel haben Christi Nichtwissen als freigewolltes Schweigen erkannt.

Dem Sohn ist also nicht unbekannt, was dem Vater nicht unbekannt ist. Auch ist es nicht so, daß der Sohn deswegen etwas nicht wisse, weil allein der Vater es weiß, da Vater und Sohn dauernd in der Einheit des Wesens bestehen. Daß aber der Sohn etwas nicht wisse, in dem doch alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen sind,1 das ist seine Absicht zu schweigen, wie der Herr selbst es bezeugt hat, als er den Aposteln auf ihre Frage nach der (End) zeit die Antwort gab: „Es kommt euch nicht zu, die Zeit oder den Augenblick zu kennen, den der Vater in seiner Macht festgesetzt hat.”2 Die Erkenntnis wird verweigert, aber nicht nur verweigert, sondern auch das Bemühen um die Erkenntnis wird gehindert, da das Wissen um diese Zeiten ihnen nicht zukomme. Nach der Auferstehung fragen gerade diejenigen nach der Zeit, denen bei einer früheren Frage die Antwort wurde, daß nicht einmal der Sohn sie wisse;3 und sie können nicht den Anschein erwecken, es ganz wörtlich verstanden zu haben, der Sohn wisse es nicht, da sie ihn als den Wissenden ja wiederum befragen. Sie erkennen vielmehr, daß das Geheimnis des Nichtwissens der Entschluß zum Schweigen ist; und nach der Auferstehung stellen sie wieder die Frage, in dem Glauben, die Zeit zu sprechen sei gekommen. Ihnen sagt der Sohn nicht etwa, er wisse es nicht, sondern das Wissen komme ihnen nicht zu, da der Vater in seiner Macht die Festsetzung getroffen habe.

Wenn also die Apostel das Nichtwissen des Sohnes um den Tag als freien Entschluß und nicht als [S. 156] Schwachheit erkennen: da sagen wir, der Sohn wisse nur deswegen den Tag nicht, weil er nicht Gott sei? Hat Gott-Vater den Tag doch deswegen in seiner Gewalt festgesetzt, damit er nicht zur Kenntnis menschlichen Wissens gelange; und hat der Sohn doch bei der früheren Frage von seinem Nichtwissen gesprochen, und gibt er jetzt nicht die Antwort, daß er nicht wisse, sondern nicht zu wissen, daß es ihnen zukomme, daß der Vater aber den Zeitablauf nicht in seinem Wissen, sondern kraft seiner Macht festgesetzt habe. Da nämlich Tag und Augenblick unter den Ausdruck Zeit fallen, so kann offensichtlich eben jener nicht in Unkenntnis über den Tag und den Augenblick der Wiederherstellung des Reiches Israels sein, der es wieder verwirklichen wird. Uns jedoch hat er durch die ausschließliche Hervorhebung der väterlichen Gewalt zur Erkenntnis seiner Geburt hinführen wollen und deswegen geantwortet, daß auch er (den Tag) nicht kenne; und durch seinen Hinweis, daß ihnen die Befähigung zum Wissen nicht anvertraut sei, hat er deutlich gesagt, daß es im Geheimnis der väterlichen Macht beruhe.

Man4 darf also nicht deswegen bei dem Sohn an ein Nichtwissen denken, weil er davon spricht, den Tag und den Augenblick nicht zu kennen; wie man auch nicht deswegen, wenn er gemäß seiner Menschennatur weint oder schläft oder traurig ist, lehren darf, Gott sei den Tränen oder der Furcht oder dem Schlaf unterworfen. Unbeschadet vielmehr der Wahrheit des Eingeborenen muß man von ihm erkennen, er habe gemäß der Schwachheit des Fleisches wie das Weinen, den Schlaf, den Hunger, den Durst, die Ermüdung, die Furcht, (so auch) in gleicher Wesensäußerung gemäß seiner Menschheit das Nichtwissen des Tages und der Stunde bekundet. Zehntes Buch

1: Kol. 2, 3.
2: Apg. 1, 7.
3: Mark. 13, 32.
4: Dieser folgende Abschnitt steht nur in wenigen Handschriften und stammt vielleicht nicht von Hilarius.

 

 

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Einleitung zu: Des heiligen Bischofs Hilarius von Poitiers zwölf Bücher über die Dreieinigkeit
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger