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Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
Neuntes Buch

59. Dem Urheber von allem ist es unmöglich, etwas nicht zu wissen.

[S. 136] Ehe Sinn und Anlaß des Wortes angeführt werden, gilt es nach dem Entscheid allgemeinen Urteils vorerst zu entscheiden, ob es glaubhaft sein könne, daß derjenige irgend etwas von allem nicht kenne, der für alles der Urheber zu seinem gegenwärtigen und zukünftigen Dasein ist. Wenn nämlich alles durch Christus und in Christus besteht und in der Weise durch ihn besteht, daß alles in ihm ist: wie kann denn dasjenige nicht in seinem Wissen sein, was weder außerhalb seiner noch auch nicht durch ihn ist, da doch meist sein Wissen vermöge der Kraft des sehr kundigen Wesens dasjenige erfaßt, was weder in ihm noch durch ihn ist? Wie kann aber dasjenige außerhalb seines wesenhaften Wissens sein ― durch das und in dem die zu erfüllende Leistung beschlossen ist ―, was seinen Ursprung nur aus ihm herleitet und die Bewegung zu seinem gegenwärtigen und zukünftigen Sein nur innerhalb seiner (Christi) gewinnt? Der Herr Christus kennt nämlich sehr wohl die Gedanken der Menschen, nicht nur diejenigen, die in gegenwärtiger Regung geweckt werden, sondern auch, die auf Anlaß eines zukünftigen Entschlusses noch erwogen werden sollen; er kennt sie nach dem Zeugnis des Evangelisten: „Jesus wußte nämlich von Anfang an, wer nicht glauben und wer ihn verraten würde.”1

Die Kraft seines Wesens erfaßt also die Erkenntnis der nichtseienden Dinge und kennt sehr wohl die Bewußtseinsregungen, die später erst in die Seelen eintreten, die noch in Ruhe sind. Soll man da glauben, er habe kein Wissen von dem gehabt, was durch ihn und in ihm ist? Des Fremden mächtig, seiner selbst unmächtig ist derjenige, über den uns das Wort wohl gegenwärtig ist: „Alles ist durch ihn und in ihm erschaffen, und er besteht vor allen”2 oder jenes: „Denn in ihm, [S. 137] so hat ihm gefallen, wohnt die ganze Fülle und durch ihn wird alles auf ihn hin versöhnt”?3 Da in ihm also jegliche Fülle ist, da alles durch ihn und in ihm versöhnt wird, da jener Tag die Erwartung unserer Versöhnung ist: da kennt jener diesen Tag nicht, dessen Zeit (festsetzung) in ihm ruht und nur durch seine geheimnisvolle Fügung4 hervortritt?

Jener Tag ist nämlich der Tag seiner Ankunft, von dem der Apostel sagt: „Wenn aber Christus, euer Leben, erscheinen wird, dann werdet auch ihr mit ihm in Herrlichkeit erscheinen.”5 Niemand ist ja doch ohne Wissen von dem, was durch ihn und in ihm ist. Christus wird zugegen sein, und er kennt nicht den Tag seiner Ankunft? Sein Tag ist es, nach demselben Apostel: „weil der Tag des Herrn wie ein Dieb in der Nacht kommen wird”.6 Und man soll im Ernst annehmen, er sei darüber in Unkenntnis befangen? Was die Menschen zu tun sich vorsetzen, das wissen sie im voraus, soweit es ihnen möglich ist, und die Erkenntnis der zukünftigen Taten folgt erst dem Entschluß zum Handeln nach. Der geborene Gott aber weiß nicht, was in ihm und durch ihn ist? Durch ihn nämlich besteht der Zeitablauf, in ihm der Tag; denn durch ihn wird die Grundlage der Zukunft vollzogen, und in ihm ruht die Verfügung über seine Ankunft. Er soll von solcher Schwachheit sein, daß er in der Empfindungslosigkeit trägen Wesens dasjenige nicht kennt, was für ihn besteht, wie die Tiere in Stall und Wald, die ohne die Einsicht vorschauenden Planes beseelt sind und tun, was sie nicht wissen, die sozusagen von der Regung stumpfer Begierde angetrieben und nur durch zufälliges und unsicheres Hingeraten zu etwas herangebracht werden?

1: Joh. 6, 65.
2: Kol. 1, 16 f.
3: Kol. 1, 19 f.
4: der Menschwerdung, da Christus als Gottmensch Richter sein wird.
5: Kol. 3, 4.
6: 1 Thess. 5, 2.

 

 

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Einleitung zu: Des heiligen Bischofs Hilarius von Poitiers zwölf Bücher über die Dreieinigkeit
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger