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Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
Neuntes Buch

31. Die „Annahme” der Macht.

Um den Glauben dieses ganzen Geheimnisses auszusprechen, hat er zuletzt seine Augen zum Himmel erhoben und gesprochen: „Vater, die Stunde ist gekommen, verherrliche deinen Sohn, damit dein Sohn dich verherrliche! So wie du ihm Gewalt über alles Fleisch gegeben hast, damit er allem das ewige Leben gebe, allem, was du ihm gegeben hast.”1

Erscheint er dir etwa als schwach, da er um Verherrlichung bittet? Mag er immerhin schwach sein, wenn er nur nicht deswegen um Verherrlichung gebeten hätte, um denjenigen zu verherrlichen, der ihn verherrlicht. Von der Annahme und dem Erweis der Ehre haben wir in einem anderen Buch gehandelt2 und dasselbe zu wiederholen, ist sehr müßig. Ganz gewiß besteht kein [S. 101] Zweifel darüber, daß die Verherrlichung deswegen erbeten werde, damit derjenige verherrlicht werde, der sie gewähre.

Doch vielleicht ist er deswegen schwach, weil er die Macht über alles Fleisch empfangen hat. Schwäche soll auch die Annahme der Macht sein, wenn er nicht mächtig wäre, denjenigen das ewige Leben zu gewähren, die er empfangen hat. Aber auch schon wegen der bloßen Tatsache des Empfangens wird irgendeine Schwachheit des Wesens vorgeworfen. Mag immerhin die Annahme als Schwachheit bestehen, wenn eben nicht Christus mehr vermöge der Geburt als aus Ungeborensein wahrer Gott ist.

Daß es die Annahme der Macht (tatsächlich gibt), das ist nur eine Bezeichnung (für die Tatsache) der Geburt, in der er sein Dasein und Wesen empfangen hat; man darf die Tatsache des Gebens nicht der Schwachheit aufbürden, das überhaupt nur dies vollendet, daß der Sohn Gott ist. Da nämlich der ungewordene Gott für den eingeborenen Gott der Ursprung zu einer vollkommenen Geburt göttlicher Seligkeit ist, so ist es Geheimnis des Vaters, Ursprung der Geburt zu sein. Im übrigen hat es (das Annehmen) nichts Schmachvolles an sich, da es durch eine wirkliche Geburt dieses vollzieht, daß der Sohn Abbild seines Urhebers ist. Denn die Gewalt über alles Fleisch gegeben zu haben und zu dem Zweck gegeben zu haben, um ihm das ewige Leben zu geben, das schließt für den Geber ein, daß er Vater ist, und für den Empfänger, daß er Gott ist, da nämlich sein Vater-sein dadurch bezeichnet wird, daß er gegeben hat, und da der Sohn dadurch Gott bleibt, daß er die Gewalt überkommen hat, das ewige Leben zu verleihen.

Wesenseigen und angeboren ist also alle Gewalt für den Sohn Gottes. Trotz ihres Gegebenseins entfremdet sie ihn nicht deswegen von dem Urheber, weil sie gegeben ist; denn die Gabe war des Urhebers Eigentum, [S. 102] diese (Gabe), das ewige Leben zu geben und die Verderblichkeit zur Unverderblichkeit zu wandeln. Der Vater hat also alles gegeben, und der Sohn hat alles überkommen; denn das ist unzweifelhaft, da er doch gesagt hat: „Alles, was meinem Vater eignet, gehört mir.”3 Und zwar bezeichnet hier das vorliegende Wort nicht (mehrere) Arten von geschöpflichen Dingen und auch nicht verschiedene Setzungen von verschiedenen Grundstoffen.4 Es öffnet uns vielmehr die Herrlichkeit der seligen und in sich vollendeten Göttlichkeit und zeigt, daß man Gott in dem erkennen müsse, was ihm zu eigen ist, in seiner Kraft, in seiner Ewigkeit, in seiner Vorsehung, in seiner Macht, und nicht, daß Gott dieses so besitze, als ob man glauben müsse, daß er etwas außerhalb von diesem sei, sondern so, daß er in dem, was er besitzt, einigermaßen zur Erkenntnis unserer Fassungskraft (in seiner Eigenart) gekennzeichnet sei.

Der Eingeborene hat also damit gelehrt, daß er in demjenigen Dasein habe und bestehe, was dem Vater eignet; als er gesagt hatte, daß der Hl. Geist von ihm (Christus) nehmen werde, fügte er hinzu: „Alles, was meinem Vater eignet, gehört auch mir; deswegen habe ich gesagt, er wird von dem meinigen empfangen.”5 Aller Besitz des Vaters gehört ihm, ist freilich hingegeben und überkommen. Aber die Hingabe und das Hingegebene schwächen nicht die Gottheit, das sein (des Sohnes) Dasein in demjenigen begründet, worin der Vater sein Dasein hat.

1: Joh. 17, 1 f.
2: Buch III, 9―16.
3: Joh. 16, 15.
4: Vgl. Kap. 72 dieses Buches.
5: Joh. 16, 15.

 

 

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Einleitung zu: Des heiligen Bischofs Hilarius von Poitiers zwölf Bücher über die Dreieinigkeit
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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