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Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
Neuntes Buch

4. Die Menschwerdung schließt das Gott-sein nicht aus.

Wenn es auch gegen das unbefangene Dafürhalten unseres Erkennens ist, daß jemand Gott bleibe und als [S. 69] Mensch geboren werde, so ist es doch vollends nicht gegen das Dafürhalten unserer Hoffnung, daß Gott bleibe, wer als Mensch geboren wurde. Denn das höherstehende Wesen ermöglicht uns durch seine Geburt zu einem niedrigeren den Glauben daran, daß ein niedrigeres Wesen als ein höherstehendes geboren werden könne. Freilich: nach dem Gesetz und der Gewohnheit der Welt ist eher die Verwirklichung unserer Hoffnung als die des göttlichen Geheimnisses einsichtig zur Hand. Denn in all dem, was geboren wird, hat die Welt ja wirklich die Kraft des Zunehmens, nicht aber die Fähigkeit des Abnehmens. Sieh nur hin auf die Bäume, die Saaten, das Vieh! Sogar den Menschen betrachte, der doch der Vernunft teilhaftig ist: immer wächst er durch Zunahme, niemals aber zieht er durch Minderung sich zusammen; noch auch enthält in sich einen Mangel, was in sich durch Wachstum zur Ausbildung gekommen ist! Denn wenn er auch im Alter hager wird oder vom Tode hingerafft wird, so erleidet er zwar tatsächlich in der Zeit eine Veränderung oder ein Ende seiner Lebensfähigkeit. Im übrigen aber hat er es nicht in der Gewalt, das nicht zu sein, was er ist, um aus derselben Person durch Schrumpfung zu einem Neuen sich zu bilden, d. h. aus einem Greis allmählich ein kleines Kind zu werden. Die zwangsläufige Gegebenheit unseres Wesens, die nach dem Welt (Natur-) gesetz immer zur Mehrung hinwächst, erwartet also in nicht unkluger Weise den Fortschritt zu einem höheren Wesen, dem das Wachstum ebenso wesensgemäß sei wie die Minderung wesenszuwider. Für Gott war also eigentümlich, etwas anderes zu sein, als was er blieb; nicht aber, dasjenige nicht zu sein, als was er immer gewesen war; also: im Menschen als Gott geboren zu werden, dennoch nicht aufzuhören, Gott zu sein; sich zu verengen bis zu Empfängnis und Wiege und Kindheit, dennoch nicht aus göttlicher Macht herabzugleiten.

Das ist nicht für ihn, wohl aber für uns ein [S. 70] Geheimnis.1 Unsere Annahme2 ist nämlich für Gott kein Fortschritt; sondern der Entschluß zu seiner Schmach ist unsere Erhöhung, da jener einerseits nicht sein Gott-sein verliert und anderseits dem Menschen das Gott-sein erwirkt.

1: Geheimnis: entweder hinsichtlich der Vollziehbarkeit und Erkennbarkeit der Menschwerdung oder aber hinsichtlich des Nutzens („das Geheimnis besteht nicht zu seinen, sondern zu unseren Gunsten”).
2: die Annahme unseres menschlichen Wesens.

 

 

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Einleitung zu: Des heiligen Bischofs Hilarius von Poitiers zwölf Bücher über die Dreieinigkeit
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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