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Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
Neuntes Buch

25. Dieser Schriftgelehrte ist nicht fern vom Gottesreich.

„Da Jesus aber sah, daß er mit Klugheit geantwortet hatte, sagte er zu ihm: Du bist nicht weit vom Gottesreich entfernt.”1 Was will aber die Erklärung einer so maßvollen Antwort, daß dieser Schriftgelehrte noch nicht im Gottesreich sei, sondern nicht weit vom Gottesreich entfernt, da doch dieser Glaube den Menschen zum Himmelreich vollendet, an einen Gott zu glauben, ihn aus ganzer Seele und aus allen Kräften und aus ganzem Herzen zu lieben, auch den Nächsten wie sich selbst zu lieben?2 In anderer Sprechweise wird es (das [S. 94] Gottesreich) denen gegeben, die den Nackten bekleiden, den Hungernden sättigen, den Durstigen erquicken, den Kranken besuchen, zu den Gefangenen öfters hingehen:3 „Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt das Reich in Besitz, das euch seit Gründung der Welt bereitet ist!”4 Oder jenen, die diesen Lohn für die Armut des Geistes empfangen: „Selig die Armen im Geiste, denn ihnen gehört das Himmelreich!”5 Das ist vollkommener Lohn und endgültiger Besitz und die ganz gewisse Übergabe des vorbereiteten Reiches.

Oder sprach etwa der Jüngling6 von etwas Geringerem als diesem? Denn was hatte er nicht in Besitz zur Vollendung des guten Werkes, wenn die Nächstenliebe gleich seiner Eigenliebe betätigt war? Denn (nur) bisweilen nachsichtig und hilfsbereit zu sein, ist noch nicht Zeichen einer vollkommenen Liebe; vollkommene Liebe hat aber jede Pflicht zu jeglicher Nachsicht erfüllt, da derjenige nichts mehr an Schuld gegenüber einem anderen zurückgelassen hat, der dem anderen ebensoviel wie sich selbst zukommen läßt.

Doch bei dem Schriftgelehrten, der in Unkenntnis des vollendeten Geheimnisses befangen war, hat der Herr das Bekenntnis zum Glauben gelobt und ihm in seiner Antwort gesagt, er sei nicht weit entfernt vom Gottesreich; nicht aber hat er ihm zugesichert, er sei schon im Besitz der seligen Hoffnung. Er strebte nämlich noch in glückhaftem, wenn auch unkundigem Lauf,7 da er die Gottesliebe allem voranstellte und die Nächstenliebe seiner Eigenliebe gleichordnete. Da er aber doch die Gottesliebe der Nächstenliebe vorangestellt hatte, war er nicht mehr in den Vorschriften der Brandopfer und Opfergaben befangen. Und das war nicht weit entfernt von dem Geheimnis der Evangelien.

1: Mark. 12, 34.
2: Vgl. Mark. 12, 29 f.
3: Matth. 25, 35 f.
4: Matth. 25, 34.
5: Matth. 5, 3.
6: Matth. (22, 35), Mark. (12, 28) und Luk. (10, 25) sprechen von einem „Schriftgelehrten”. Hilarius dachte vielleicht an den „reichen Jüngling” (Matth. 19, 22).
7: Vgl. 1 Kor. 9, 24.

 

 

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Einleitung zu: Des heiligen Bischofs Hilarius von Poitiers zwölf Bücher über die Dreieinigkeit
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger