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Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
Siebtes Buch

22. Der Glaube der Arianer ist ihrer eigenen Lehre zuwider. Christi Macht, Geburt aus Gott, göttliches Wesen und Dasein im Vater.

Zu all dem möge noch das Selbstzeugnis seiner göttlichen Lehre kommen. Denn er sagt: „Die zu meinen Schafen gehören, hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden in Ewigkeit nicht zugrunde gehen, noch auch wird irgend jemand sie aus meiner Hand rauben. Was der Vater mir gegeben hat, ist größer als alles; [S. 359] niemand wird es aus der Hand meines Vaters rauben können. Ich und der Vater sind eins.”1

Ich frage: was für eine Schwerfälligkeit trägen Geistes stumpft unsere Erkenntniskraft ab, daß diese völlig eindeutigen Worte in unseren Sinn nicht eingehen? Oder was für eine Aufgeblasenheit kecken Geistes treibt mit der menschlichen Schwachheit ihr Spiel, daß sie daraus die Erkenntnis Gottes gewinnen und dann doch glauben will, man könne Gott aus dem nicht erkennen, woraus er doch schon erkannt ist? Denn entweder muß man die anderen Evangelien beibringen, die belehren sollen, oder aber: warum glauben wir nicht so, wie wir belehrt werden, wenn sie allein über Gott uns belehrt haben? Wenn aber die Erkenntnis nur aus ihnen geschöpft ist, warum nehmen wir nicht von da unseren Glauben, von wo wir die Erkenntnis nehmen? Da aber der Glaube als Gegner der Erkenntnis sich enthüllt, so gehört jener Glaube schon nicht mehr zur Erkenntnis, sondern zu schuldbarer Verfehlung, indem er sich eine falschgläubige Lehre gegen die Lehre der bekannten Wahrheit aneignet. Der eingeborene Gott war sich seines Wesens bewußt und lehrte das, wenn auch unsagbare, Geheimnis der eigenen Geburt dennoch zur Belehrung unseres Glaubens mit aller nur möglichen Bestimmtheit der Worte, damit seine Geburt erkannt, an sein göttliches Wesen geglaubt werde, an seine Einheit mit dem Vater; daß er aber nicht durch das Bekenntnis seiner Einheit mit dem Vater als einzig oder als Vater erkannt werde und so es verliere, selber Sohn zu sein.2

Zuerst bezeugt er nämlich die Macht seines Wesens, wenn er von seinen Schafen sagt: „Auch wird nicht irgendwer sie aus meiner Hand rauben.”3 Das ist die Sprache einer selbstbewußten Macht, die Freiheit unerschütterlicher Macht in dem Sinne zu verkünden, daß niemand die Schafe aus seiner Hand wegreißen könne. Um aber die Geburt seines Wesens aus Gott erkennen zu [S. 360] lassen, obwohl er göttliches Wesen besitzt, deswegen fügte er hinzu: „Was der Vater mir gegeben hat, ist größer als alles.”4 Er verbirgt es nicht, aus dem Vater geboren zu sein; was er nämlich vom Vater empfangen hat, „ist größer als alles”. Derjenige, der empfangen hat, besitzt sein Dasein in dem, was er durch die Geburt empfangen hat, nicht später; dennoch stammt er von einem anderen her, eben weil er empfangen hat. Doch wer sein Dasein aus einem anderen hat, der hat es empfangen; damit man nicht glaube, er habe ein andersartiges Dasein und nicht ein solches in dem Wesen dessen, von dem er es empfangen hat, deswegen sagte er: „Niemand wird sie aus der Hand meines Vaters rauben können.” Aus seiner Hand raubt niemand, weil er vom Vater empfangen hat, was größer als alles ist. Was will denn dieses so andere Bekenntnis, daß anderseits auch aus der Hand seines Vaters (sie) niemand rauben kann? Hand des Sohnes ist, die vom Vater empfing; Hand des Vaters, die dem Sohne gab: wie nun wird aus der Hand des Vaters nicht geraubt, was aus der Hand des Sohnes nicht geraubt wird? Wenn du nach diesem Wie fragst, so vernimm: „Ich und der Vater sind eins.”5 Sohnes Hand ist Vaters Hand. Das Wesen verliert nämlich durch die Geburt nicht an Würde, so daß es also nicht mehr dasselbe sei; anderseits aber tritt diese Gleichheit der Erkenntnis nicht der Geburt zu nahe, weil Geburt nichts Fremdartiges in sich zuläßt. Um aber durch eine sinnlich-faßbare Bezeichnung die Macht desselben Wesens erkennbar zu machen, wurde die Hand des Sohnes Hand des Vaters genannt, da ja Wesen und Macht des Vaters im Sohn war.

Um zuletzt durch das Geheimnis der Geburt die Wahrheit des nichtunterschiedenen Wesens erkennen zu lassen, heißt es: „Ich und der Vater sind eins”; was eins ist, sollte also nicht als verschieden, auch nicht als vereinzelt geglaubt werden, da doch in beiden kein andersartiges [S. 361] Wesen vermöge der Eigenart der Geburt und der Zeugung vorhanden ist.

1: Joh. 10, 27―30.
2: so Sabellius.
3: Joh. 10, 28.
4: Joh. 10, 29.
5: Joh. 10, 30.

 

 

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Quellenangabe
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Einleitung zu: Des heiligen Bischofs Hilarius von Poitiers zwölf Bücher über die Dreieinigkeit
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger