Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
Siebtes Buch

3. Wer die eine Irrlehre widerlegt, entgeht kaum dem Verdacht einer anderen. Sabellius, Arius, Hebion, Photinus.

[S. 332] Nichts ist für das Menschenwesen bedrückender als das Wissen um die Gefahr, weil für denjenigen schon die bloße Bedrängnis eine leidvolle Strafe ist, der um das weiß, was ihn trifft; das, was unvorhergesehen oder unvermutet kommt, trifft auf eine Unbekümmertheit, die zwar beklagenswert ist, die aber doch wenigstens keine Besorgnis wegen der Zukunft hat. Ich fahre nicht etwa aus Unkenntnis über die Gefahr eines Schiffbruches aus dem Hafen auf die hohe See; ich beginne nicht meine Reise, als ob ich nicht wüßte, daß die Waldschluchten von Wegelagerern bedroht sind; ich durchwandere auch nicht die Sandwüsten Libyens, als ob ich nicht sicher wäre, daß überall Skorpionen, Nattern und Basilisken1 seien: in keiner Weise ist meine wohlbedachte Sorgfalt, in keiner Weise mein klares Wissen davon frei. Denn ich spreche unter dem Spähen aller Irrlehrer, die mir am Munde hängen, um in jedem einzelnen Wort einen Anlaß (zur Anklage) zu finden; der ganze Weg meiner Darlegung ist durch Engpässe steil eingeklemmt oder durch Fallgruben aufgerissen oder mit Fangschlingen bespannt. Daß er steil und schwierig ist, das beklage ich weniger: gehe ich doch nicht meine Wege, sondern in den Spuren der Apostel. Daß ich aber in den Schluchten den rechten Weg verfehle oder daß ich in eine Fallgrube stürze, daß ich in den Schlingen eingefangen werde, das droht mir ständig, das fürchte ich ständig.

Denn wenn ich nach dem Gesetz und den Propheten und den Aposteln nur einen Gott lehre, dann steht Sabellius mir zur Seite, der mich wegen des Bekenntnisses dieses Wortes mit Haut und Haar wie eine ersehnte Atzung mit übergierigem Biß verschlingt. Wenn ich aber anderseits gegen Sabellius den einen Gott [S. 333] leugne und lehre, der Sohn Gottes sei wahrer Gott, dann wartet meiner eine neue Irrlehre,2 um mich der Zweigötterlehre zu zeihen. Wenn ich weiterhin die Geburt des Gottessohnes aus Maria behaupten will, dann stimmt mir Hebion bei ― das heißt Photinus3 ―, um aus dem wahren Bekenntnis einen Gewährsmann für seine Lügenlehre zu gewinnen. Von den übrigen schweige ich, weil von ihnen jedermann weiß, daß sie sich außerhalb der Kirche befinden.

Wenn das auch schon oft verurteilt und verworfen ist, so ist es doch bis auf den heutigen Tag noch ein inneres Übel. In falschgläubiger Weise hat Galatien4 viele zum Bekenntnis des nur-einen Gottes genährt. In übler Weise hat Alexandrien5 die Zwei-götterlehre in fast die ganze Welt hinausgehen lassen, die es doch ablehnt. In giftiger Weise verficht Pannonien6 eine (eigene) Lehre von der Geburt Jesu Christi aus Maria.

Bei all dem ist die Kirche in Gefahr, die Wahrheit durch das Wahre nicht in der Hand zu behalten, da man gerade das mit dem Ziele des Falschglaubens in sie einzuführen versucht, wodurch der Glaube zugleich Schutz und Verderben erfährt. Denn wir können nicht in rechtgläubiger Weise nur einen Gott lehren, wenn wir ihn als einzigen lehren, weil dann der Sohn beim Bekenntnis der (zahlenmäßigen) Einzigkeit nicht Gott sein wird. Wenn wir aber lehren, der Sohn Gottes sei Gott ― was er doch in Wahrheit ist ―, dann sind wir in Gefahr den Glauben an den nur-einen Gott nicht zu wahren. Dieselbe Gefahr ist es, die Einheit zu leugnen, wie die Einzigkeit zu lehren. Und das gerade erfaßt die Torheit der Welt nicht: da es den Anschein hat, als werde mit dem Nicht-einzigen der Eine nicht bezeichnet, und ebenso nicht in dem Einen der Nicht-einzige.

1: Vgl. Ps. 90, 13 [hebr. Ps. 91, 13]; Is. 11, 8.
2: die Arianer.
3: Bischof von Sirmium (Mitrowitza an der Save) in Pannonien, † 375/6.
4: durch Marcellus, Bischof von Ancyra.
5: durch Arius.
6: Photinus.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu: Des heiligen Bischofs Hilarius von Poitiers zwölf Bücher über die Dreieinigkeit
Bilder Vorlage

Navigation
. Erstes Buch
. Zweites Buch
. Drittes Buch
. Viertes Buch
. Fünftes Buch
. Sechstes Buch
. Siebtes Buch
. . 1. Größere Wichtigkeit ...
. . 2. Die geheime Absicht ...
. . 3. Wer die eine Irrlehre ...
. . 4. Die Wucht der Wahrheit. ...
. . 5. Der Irrtum des Sabe...
. . 6. Sabellius und Arius ...
. . 7. Die Zwietracht des ...
. . 8. Bisheriges Ergebnis. ...
. . 9. Wege zur Erkenntnis ...
. . 10. Gott als Beiname ...
. . 11. Der Grund für ...
. . 12. Thomas bekennt ...
. . 13. Der Vater und der ...
. . 14. Der Sohn hat wegen ...
. . 15. Derjenige ist in W...
. . 16. Des Sohnes Lehre ...
. . 17. Auf die Anklage ...
. . 18. Wenn er immer das ...
. . 19. Die Darlegung der ...
. . Mehr
. Achtes Buch
. Neuntes Buch
. Zehntes Buch
. Elftes Buch
. Zwölftes Buch

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger