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Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
Drittes Buch

20.

Doch wer du auch seiest, der du Unerreichbarem nachstrebst und der du göttlicher Geheimnisse und Wunder gewichtiger Richter bist, dich bitte ich um Belehrung, daß du mir wenigstens die Erklärung jener Tatsache beibringst, mir, dem Unerfahrenen, der Gott über alles nur so seinen Glauben schenkt, wie es von ihm gesagt wurde. Auf den Herrn höre ich; und weil ich dem glaube, was geschrieben steht, so weiß ich, daß er nach der Auferstehung vielen Ungläubigen sich oft in seinem Körper sichtbar gezeigt hat, sicherlich dem Thomas, der nur dann glauben wollte, wenn er seine Wunden geprüft habe, wie er ja auch sagt: „Wenn ich in seinen Händen nicht die Wundstelle der Nägel gesehen und meinen Finger nicht an die Stelle der Nägel gelegt habe und meine Hand nicht in seine Seite senke, so werde ich nicht glauben.”1

Der Herr gleicht sich jeder Schwachheit unserer Erkenntniskraft an; und um der Zweifelsucht der Ungläubigen ein Genüge zu tun, wirkt er das Geheimnis eines unsichtbaren Wunders: setze die Erklärung der Tatsache auseinander, wer immer du Erforscher himmlischer Dinge sein magst! Die Jünger befanden sich in einem [S. 159] geschlossenen Raum, und heimlich saßen sie nach dem Leiden des Herrn beisammen. Der Herr trat zu Thomas hinzu, um seinen Glauben unter Gewährung der Bedingungen zu festigen, und bot ihm die Möglichkeit, den Körper zu fassen und die Wunden zu prüfen. Jedenfalls: wer durch Erfassen wiedererkannt werden soll, der muß den Körper mitgebracht haben, in dem er erfaßt wurde. Ich frage also, durch welche Teile des verschlossenen Hauses er sich hineinbegeben habe. Denn sorgfältig hat der Evangelist es mit seinen Worten festgestellt: „Es kam Jesus bei verschlossenen Türen herein und stand in der Mitte.”2 Oder hat er das Gefüge der Mauern und die Dichte des Holzes durchdrungen und so deren undurchdringliche Festigkeit durcheilt? Denn er stand in seiner Körperlichkeit da, nicht etwa (nur) scheinbar oder (sogar) trügerischer Weise. Die Augen deines Geistes mögen also dem Hineinkommen dessen folgen, der (Geschlossenes) durchdringt, und mit ihm möge der Blick das verschlossene Haus deiner Einsicht betreten. Unversehrt ist alles und wohlverriegelt: doch er tritt hinzu, um mitten darunter zu sein, er, dem vermöge seiner Wunderkraft alles durchdringbar ist.

Du mäkelst über Unsichtbares, ich fordere von dir die Erklärung von Sichtbarem. Nichts weicht aus dem festen Gefüge, noch auch lassen die Hölzer und Steine vermöge ihrer Undurchdringlichkeit für irgend etwas einen Zugang. Der Leib des Herrn löst sich nicht auf, um sich wieder aus dem Nichts zu bilden: und von wo kommt, der doch in der Mitte steht? Hier versagt Wissen und Wort, und außerhalb der (Reichweite der) menschlichen Vernunft besteht die Wirklichkeit der Tatsache. Wie wir also hinsichtlich der Geburt Falsches lehren, so wollen wir auch über den Eintritt des Herrn Lügen verbreiten.3 Wir wollen sagen, die Tatsache habe nicht bestanden, weil wir die Erkenntnis der Tatsache nicht fassen; und wenn unser Erkennen versagt, dann soll auch die [S. 160] Tatsache des Geschehens selbst verschwinden. Doch unseren Trug überwindet die Glaubwürdigkeit der Tatsache. Der Herr stand bei verschlossenem Haus inmitten seiner Jünger: und der Sohn ist aus dem Vater geboren. Wolle es nicht leugnen, daß er wirklich dagestanden hat, weil du wegen der Schwachheit der Erkenntnis nicht die Art des Einganges erfaßt, dessen, der dasteht! Wolle es nicht ablehnen, daß vom ungewordenen und vollkommenen Gott als Vater der eingeborene und vollkommene Sohn als Gott geboren sei, weil das Wunder des Ursprungs Wissen und Wort der menschlichen Einsichtskraft übersteigt!

1: Joh. 20, 25.
2: Joh. 20, 26.
3: Ironisch.

 

 

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Einleitung zu: Des heiligen Bischofs Hilarius von Poitiers zwölf Bücher über die Dreieinigkeit
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