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Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
Zweites Buch

6. Der Begriff des Vaters.

Vater ist, aus dem alles, was ist, Dasein und Ursprung hat. Er ist in Christus und durch Christus Ursprung von allem. Im übrigen: sein Sein beruht in sich selbst; er nimmt nicht anderswoher, was er ist; sondern was er ist, ist er und hat er in sich. Unendlich ist er, weil er nicht [S. 110] in irgend etwas, sondern alles in ihm enthalten ist; immer außerhalb des Raumes, weil er nicht umschlossen wird; immer vor aller Zeit, weil die Zeit von ihm erst (durch die sichtbare Schöpfung) ihren Ursprung hat. Eile vor mit deiner Vorstellungskraft, wenn du glaubst, es gebe für ihn ein Letztes, immer wirst du ihn finden; denn wenn du immer strebst, ist immer etwas vorhanden, dem du noch zuzustreben hast. Sein „Wo” auszuforschen, ist dir immer nur in der genau gleichen Weise möglich, wie sein Sein ohne Grenze ist.1 Die Sprache versagt dabei, nicht aber findet das Wesen (Gottes) einen Abschluß. Ebenso: laß die Zeit ihre Kreise ziehen, immer wirst du sein Dasein finden; und wenn auch die sprachliche Bezeichnung für die Zahl der Berechnung versagt, Gott mangelt nie das Immersein. Setze dein (ganzes) Erkennen in Bewegung, umfasse ganz ihn mit deinem Geist: du erfaßt (im Grunde) nichts (von ihm). Dieses Ganze hat einen Rest, aber dieser Rest ist immer innerhalb des Ganzen. Also ist dasjenige nicht das Ganze, für das es einen Rest gibt; noch auch ist Rest alles, was das Ganze ist. Denn Rest ist Teil; alles aber ist, was das Ganze ist. Gott aber ist überall, und genau ebenso als ganzer überall. So also übersteigt er die Reichweite der Erkenntniskraft, er, außerhalb dessen nichts ist, und dem das Immersein immer zukommt.

Diese Wahrheit wurzelt im Geheimnis Gottes, dies ist der Ausdruck des undurchschaubaren Wesens (, das) im Vater (ist). Gott ist unsichtbar, unaussprechlich, unendlich: ihn auszusprechen, schweige die Sprache; ihn zu erforschen, werde die Erkenntnis schwach; ihn zu erfassen, die Einsicht eng. Dennoch hat er, wie wir sagten, die Bezeichnung seines Wesens in „Vater”; aber er ist auch nur Vater. Denn nicht nach menschlicher Art hat er es anderswoher, Vater zu sein. Allein vom Sohn ist er erkannt: denn den Vater kennt niemand, es sei denn der [S. 111] Sohn, und wem der Sohn es offenbaren will,2 noch auch (erkennt) den Sohn (jemand) als nur der Vater. Ihr Wissen ist wechselseitig, ihre gegenseitige Erkenntnis ist vollkommen. Und weil den Vater niemand kennt als der Sohn, darum wollen wir über den Vater in Übereinstimmung mit dem Sohn eines Sinnes sein, mit ihm, der allein zuverlässiger Zeuge3 ist.

1: Ebensowenig wie für sein Sein, findet man für sein „Wo” eine angebbare Grenze.
2: Matth. 11, 27.
3: Offenb. 1, 5; vgl. Ps. 88, 38 (Vulg.) [hebr. Ps. 89, 38].

 

 

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Einleitung zu: Des heiligen Bischofs Hilarius von Poitiers zwölf Bücher über die Dreieinigkeit
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger