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Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
Erstes Buch

6. Gott ist unendlich und geistig unerfaßbar.

Der Bezeichnung dieser Unendlichkeit schien sein Ausspruch Genüge getan zu haben: „Ich bin, der ich bin”;1 doch es oblag uns vielmehr die Erkenntnis seiner Erhabenheit und Macht. Denn da ihm das (schlecht-hinnige) Sein eigentümlich ist, ihm, der immerdar bleibt und nie auch einmal (zu sein) begonnen hat, deshalb wurde ein Wort des ewigen und unvergänglichen Gottes verkündet, das seiner würdig ist: „Der den Himmel mit der Hand hält und die Erde mit seinem Griff”;2 und [S. 70] wiederum: „Der Himmel ist mein Thron, die Erde aber Schemel meiner Füße. Welches Haus wollt ihr mir bauen, oder was soll die Stätte meiner Ruhe sein? Hat das nicht meine Hand gemacht?”3 Die gesamte Weite des Himmels wird von Gottes Hand gehalten, und die gesamte Ferne der Erde von seinem Griff umschlossen. So gewiß aber auch das Wort Gottes zur Bildung einer rechtgläubigen Erkenntnis hilft, so enthält es doch mehr an deutlicher Klarheit durch das Erfahren des nach innen gerichteten Blickes als durch das äußerlich-aufnehmende Hören. Denn der mit der Hand umschlossene Himmel ist wiederum Gottes Thron; und die Erde, die von seinem Griff gehalten wird, ist ebenso auch Schemel seiner Füße. Doch soll man nicht bei Thron und Schemel, nach der Haltung eines Sitzenden, die Ausdehnung eines körperlichen Wesens verstehen können; denn eben jene mächtige Unendlichkeit würde das, was ihr Thron und Schemel ist, wiederum auch mit Hand und Griff umschließen. In all diesen geschöpflichen Dingen soll vielmehr innerhalb und außerhalb (von ihnen) Gott als der Erhabene und Innere, d. h. als der alles Umgebende und alles Durchdringende erkannt werden, da die umschließende Hand und der (haltende) Griff auf die Beherrschung der äußeren Natur hinweisen soll, da er, was außerhalb seiner ist, von innen her inne hat und er ebenso selbst als äußerer wiederum das Innere umschließt4; da er so in seiner Ganzheit innerhalb und außerhalb seiner alles umfaßt, so ist er in seiner Unendlichkeit durchaus nicht allem (Außergöttlichen) fern; es ist vielmehr alles durchaus in ihm, dem Unendlichen, enthalten.

Also durch diese ganz gläubig-ehrfürchtigen Gedanken über Gott fand der Geist, ganz gefangen in seinem Streben nach Wahrheit, sein freudiges Genügen. Und auch nichts anderes hielt er Gottes für würdig, als außerhalb geschöpflicher Erkenntniskraft zu sein, daß [S. 71] in demselben Maß, wie ein (vermeintlich) unendlicher Geist bis zu der Grenze einer wenn auch willkürlich angenommenen Einsicht sich erstrecke, auch schon die Unendlichkeit unbegrenzter Ewigkeit (nämlich Gott) jegliche Unendlichkeit eines Wesens überrage, das ihn (Gott) einzuholen versuchte.

Obwohl wir nur mit allem Vorbehalt diese Erkenntnis wiedergeben, so wurde sie doch von dem Wort des Propheten ganz offensichtlich bekräftigt:

„Wohin soll ich wegfliehen vor Deinem Geist
oder wohin vor Deinem Angesichte mich flüchten?
Stieg ich zum Himmel hinauf, wärest Du da;
stieg ich in die Unterwelt hinab, wärest Du dort;
nähme ich meine Flügel vor der Morgenröte,
nähme ich Wohnung am äußersten Meer,
auch dorthin würde Deine Hand mich führen,
Deine Rechte mich fassen.”5

Kein Platz ist, in dem nicht Gott, und keiner, der nicht in Gott wäre. Er ist im Himmel, er ist in der Tiefe, er ist jenseits der Meere. Von innen her erfüllt er sie, nach außen hin überragt er sie. So also: indem er hat, wird er auch gehabt; weder ist er irgendworin eingeschlossen, noch auch fehlt er in einem einzigen Ding.

1: Exod. 3, 14.
2: Is. 40, 12.
3: Is. 66, 1 f.
4: Gregor d. Gr. († 604), Moral. 2, 12 (20); PL 75, 565.
5: Ps. 138, 7―10 [hebr. Ps. 139, 7―10].

 

 

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Einleitung zu: Des heiligen Bischofs Hilarius von Poitiers zwölf Bücher über die Dreieinigkeit
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger