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Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)
Erstes Buch

13. Christi Taten unterliegen nicht (der Beurteilung durch) die natürlichen Sinne der (geschöpflichen) Geister.

Doch damit er nicht durch irgendeinen Irrtum weltlicher Klugheit gehemmt werde, wird er zum unerschütterlichen Glauben dieses demütigen Bekenntnisses überdies durch den Apostel mit gottgegebenen Worten belehrt: „Sehet zu, daß nicht jemand euch beraube durch die [S. 78] Philosophie und leere Täuschung, nach menschlicher Lehrart, nach den Grundsätzen dieser Welt, und nicht nach Christus; denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und in ihm seid ihr erfüllt, der das Haupt jeder Herrschaft und Gewalt ist; in ihm seid ihr auch beschnitten, nicht durch Beschneidung mit der Hand durch Beraubung körperlichen Fleisches, sondern durch die Beschneidung Christi, begraben mit ihm in der Taufe, in dem ihr auch wieder auferstanden seid durch den Glauben an die Macht Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat. Und euch, die ihr gestorben waret in den Vergehen und der Vorhaut eures Fleisches, euch hat er mit ihm zum Leben geweckt, indem er euch alle Vergehen erließ und den Schuldbrief vernichtete, der wider uns war, mit Urteilssprüchen; diesen (Schuldbrief) hat er getilgt, indem er ihn ans Kreuz heftete: und des Fleisches beraubt, hat er die Gewalten verächtlich gemacht, indem er über sie mit Vertrauen auf sich selbst triumphierte.”1 Die verfänglichen und unnützen Fragen der Philosophie verschmäht der standhafte Glaube, noch auch gibt die Wahrheit sich der Falschheit zur Beute hin, dadurch, daß sie den Täuschungen menschlicher Albernheiten erliege. Nicht nach der Art gewöhnlicher Erkenntnis hält er seinen Gott fest; und auch über Christus, in dem die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt, urteilt er nicht nach den Grundsätzen dieser Welt. Darum also, weil in ihm (Christus) die Unendlichkeit ewiger Macht ist, überragt die Macht der ewigen Unendlichkeit jeden Zugriff eines menschlichen Geistes. Er hat uns zum Wesen seiner Göttlichkeit hinaufgezogen, engt uns aber nicht auch jetzt noch mit der körperlich-äußerlichen Verpflichtung auf Gebote ein, noch hat er uns durch das Gesetz des Schattens auf die Feier der Beschneidung festgelegt. Er wollte vielmehr, daß der Geist durch die Beschneidung von den Lastern befreit werde und [S. 79] demgemäß durch die Reinigung von den Vergehen jeden naturhaften Drang des Körpers läutere; er wollte, daß wir in der Taufe mit seinem Tode begraben würden, um heimzukehren in das Leben der Ewigkeit, damit wir den Lastern abstürben und der Ewigkeit wiedergeboren würden, da ja der Tod aus dem Leben die Wiedergeburt zum Leben war; denn er selbst starb aus seiner Unsterblichkeit für uns, damit wir zugleich mit ihm aus dem Tode zur Unsterblichkeit auferweckt würden. Denn das Fleisch der Sünde nahm er an, um uns durch die Annahme unseres Fleisches die Vergehen zu erlassen, da er seiner (des Fleisches) nur durch Annahme, nicht durch Verschuldung2 teilhaft wird; er tilgte durch den Tod das Todesurteil, um durch die in sich selbst vollzogene Neuschaffung unseres Geschlechtes die Geltung der früheren (Straf-) bestimmung zunichte zu machen; die Kreuzigung ließ er zu, um durch den Fluch des Kreuzes3 alle Flüche irdischer Verurteilung als vergessen anzuheften; bis zum letzten Menschenmöglichen litt er, um die Machthaber zu beschämen, indem er als Gott gemäß der Schrift sterben wollte, und damit auch über diese das Selbstvertrauen des Siegers triumphiere, indem er, selbst unsterblich und vom Tode unbesiegbar, für die ewige Rettung der Toten sterben wollte.

Das also, was Gott getan hat, und was die Erkenntniskraft der menschlichen Natur übersteigt, unterliegt nicht wiederum den natürlichen Erfahrungen (geschöpflicher) Geister; denn Tat und Werk eines Unendlich-ewigen erfordert zur Beurteilung unendliche Einsicht, so daß es sich beim menschlichen Gott, beim gestorbenen Unsterblichen, beim begrabenen Ewigen nicht um die innere sinnvolle Möglichkeit handelt, sondern um eine machtvolle Ausnahmeleistung; so anderseits wiederum gehört es nicht zur (prüfbaren) Erfahrung, sondern zur inneren Kraft, daß ein Gott sei aus einem Menschen, daß ein [S. 80] Unsterblicher sei aus einem Verstorbenen,4 daß ein Ewiger sei aus einem Begrabenen. Mitauferweckt werden wir also von Gott in Christus durch seinen Tod. Da aber in Christus die Fülle der Gottheit ist,5 haben wir ein sichtbares Zeichen für Gott-Vater, der uns miterweckt in dem Gestorbenen, und haben Jesus Christus als nichts anderes denn als den Gott in der Fülle der Gottheit zu bekennen.

1: Kol. 2, 8―15.
2: durch die Verflechtung in den Zeugungszusammenhang von Adam her.
3: Vgl. Deut. 21, 23; Gal. 3, 10. 13.
4: in der Auferstehung.
5: Kol. 2, 9.

 

 

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