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Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Paidagogos (Paedagogus)

Drittes Buch

I. Kapitel. Über die wahre Schönheit.

1.

[S. 134] 1. Es ist also, wie es scheint, die wichtigste von allen Erkenntnissen, sich selbst zu erkennen; denn wenn sich jemand selbst erkennt, dann wird er Gott erkennen. Wer aber Gott erkennt, wird Gott ähnlich werden,1 nicht dadurch, daß er goldenen Schmuck oder [S. 135] feierliche Gewänder trägt, sondern dadurch, daß er Gutes tut und so wenig Bedürfnisse als möglich hat; bedürfnislos ist aber Gott allein2 , und er freut sich am meisten wenn er uns durch den Schmuck der reinen Gesinnung ausgezeichnet sieht; dann aber auch, wenn unser Körper geschmückt ist, indem er das heilige Gewand, die Sittsamkeit, angelegt hat.

2.3 Da nun die Seele aus drei Teilen besteht, so ist die Denkkraft (τὸ νοερόν), die auch λογιστικόν genannt wird, der innere Mensch, der über den sichtbaren Menschen hier herrscht; jenen selbst aber leitet ein anderer, Gott. Die Leidenschaft (τὸ θυμικόν) aber, die etwas Tierisches ist, wohnt nahe bei der Raserei; vielgestaltig ist aber das dritte, das Begehrungsvermögen (τὸ ἐπιθυμητικόν), mehr noch als der Meergott Proteus veränderlich;4 es nimmt bald diese, bald jene Gestalt an und macht sich für Unzucht und Wollust und Schändung bereit.5

3. „Wahrlich zuerst erschien er als Löwe mit mächtigem Barte!“
noch kann ich die Freude am Schmuck ertragen;6 das Haar am Kinn ist das Kennzeichen des Mannes;
„Aber darauf als Drache, als Panther, als mächtiges Wildschwein;“
zur Zuchtlosigkeit ist die Prunkliebe hinabgesunken; nicht mehr ertrage ich es; als ein Tier erscheint der Mensch.

4. „Wurde zum flüssigen Wasser und Baum mit Blättern hoch oben.“7
Die Leidenschaften strömen dahin, die Lüste sprudeln hervor; die Schönheit verwelkt, und schneller als die [S. 136] Blätter des Baums fällt sie zu Boden, wenn über sie die Stürme der Liebeswut hereinbrechen; und bevor der Herbst kommt, verwelkt sie und geht zugrunde; denn zu allem wird die Begierde, und sie verstellt sich und will täuschen, um den Menschen zu verbergen.

5. Jener Mensch aber, in dem der Logos wohnt, verändert sich nicht, verstellt sich nicht, hat die Gestalt des Logos, wird Gott ähnlich, ist schön, will sich nicht künstlich schön machen; er ist die wahre Schönheit; denn auch Gott ist diese; zu Gott wird aber jener Mensch, weil er will, was Gott will.

1: Vgl. 1 Joh. 3, 2.
2: Vgl. Strom. II 81, 1; Philon, De virtut. (De fort.) 9.
3: Zu der Dreiteilung der Seele vgl. z. B. Platon, Staat IV p.
4: Die Veränderlichkeit des Meergottes Proteus war sprichwörtlich; vgl. A. Otto, Sprichw. d. Römer S 289.
5: Die drei Verse Hom. Od. 4, 456—458.
6: Es ist φέρω und dann οὐκέτι καρτερῶ· Θηρίον α.φ. mit J. Jackson zu lesen.
7: Die drei Verse Hom. Od. 4, 456—458.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger