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Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Paidagogos (Paedagogus)
Zweites Buch
IX. Kapitel. Wie man sich beim Schlafen verhalten soll.

81.

1. Das Rülpsen der vom Wein Berauschten aber und das Schnarchen der von den Speisen Vollgestopften und das schwere Atmen, wenn man ganz in die Decken eingewickelt ist, und das Kollern im Bauch, wenn er übermäßig angefüllt ist, all das verdunkelt das zum Schauen bestimmte Seelenauge 1 und füllt das Denkvermögen mit unzähligen Vorstellungen an.

2. Schuld daran trägt aber das Übermaß von Nahrung, das die Denkkraft bis in den Zustand der Unempfindlichkeit hinabzieht. „Denn viel Schlaf bringt weder für unseren Körper noch für unsere Seele Nutzen und entspricht auch im ganzen nicht der auf die Wahrheit gerichteten Tätigkeit, mag er auch etwas Natürliches sein.“2

3. Auch der gerechte Lot (ich will jetzt die Deutung auf den Heilsplan der Wiedergeburt übergehen) wäre nicht zu jener ungesetzlichen [S. 90] Verbindung verführt worden, wenn er von seinen Töchtern nicht trunken gemacht worden und in tiefen Schlaf versunken gewesen wäre.3

4. Wenn wir also die Ursachen des Versinkens in tiefen Schlaf beseitigen, werden wir uns nüchterner zum Schlafen niederlegen. Denn „nicht darf die ganze Nacht hindurch schlafen“,4 wer den Logos, den Wachenden, in sich wohnen hat. Vielmehr muß man nachts aufstehen, zumal wenn die Tage abnehmen.

5. Und der eine soll wissenschaftlich arbeiten, der andere soll beginnen, in seinem Gewerbe tätig zu sein, die Frauen sollen sich an das Wollespinnen machen; wir alle aber müssen, um es mit einem Wort zu sagen, gegen den Schlaf ankämpfen und uns so unmerklich nach und nach daran gewöhnen, daß wir infolge des Wachseins von unserem Leben mehr Zeit bekommen (denn der Schlaf gleicht einem Zolleinnehmer und nimmt uns die halbe Lebenszeit weg);5 aber gar nicht daran zu denken ist, daß wir denen gestatten würden, unter Tags zu schlafen, die auch von der Nacht den größten Teil für das Wachsein in Anspruch nehmen.6 Langeweile und Schläfrigkeit und Sichdehnen und Gähnen sind Zeichen des Unbehagens einer Seele, die keinen festen Halt hat.

1: Vgl. Platon Staat VII p. 533 CD.
2: Platon, Gesetze VII p. 808 B (= Stob. Flor. 1, 96; 30, 17 Mein.).
3: Vgl. Gen. 19, 32 ff.
4: Hom. Il. 2, 24.
5: Nach Plut. Moral, p. 958 D Äußerung des Ariston von Chios (Fr. 403 v. Arnim).
6: Maximus Cap. 29; Floril. Monacense f. 70 v. 71 r.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger