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Augustinus (354-430)
Enchiridion oder Buch vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe
(De fide, spe et caritate)

 1. Kapitel: Alles, was Laurentius von Augustinus wissen will, geht letzten Endes auf eine richtige Auffassung der drei göttlichen Tugenden: des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, zurück

1.1 Ich kann es dir gar nicht sagen, mein geliebtester Sohn Laurentius, wie sehr ich mich über deine Gelehrsamkeit freue und wie gerne ich dich unter den Weisen sehe. Ich meine damit aber nicht den großen Haufen jener Weisen, von denen es heißt: „Wo ist denn ein Weiser, wo ein Schriftgelehrter, wo ein Forscher dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht2?“ Nein, sondern diejenigen Weisen meine ich, denen das Schriftwort gilt: „Eine große Zahl von Weisen bedeutet Heil für die Erde3“, oder die [S. 392] der Apostel (Paulus) denen als Vorbild empfiehlt, von denen er sagt: „Ich wünsche nur, daß ihr immer weise handelt, wo es das Gute gilt, dagegen vom Bösen euch behutsam ferne haltet4.“

2. Des Menschen Weisheit aber ist seine ehrfurchtsvolle Gesinnung. So findet man im Buch des heiligen Job geschrieben; denn dort liest man den Ausspruch, der von der (göttlichen) Weisheit selbst an die Menschheit ergangen ist: „Siehe, die ehrfurchtsvolle Gesinnung ist Weisheit5.“ Fragst du aber, welche Art von ehrfurchtsvoller Gesinnung denn die Weisheit an dieser Stelle gemeint hat, so findest du dafür im griechischen Text das deutlichere „θεοσέβεια“ [theosebeia] gesetzt, was so viel heißt wie „Gottesverehrung“. Man kann freilich im Griechischen für Pietät auch noch anders sagen, nämlich „εὐσέβεια“ [eusebeia]. Dieses Wort deutet soviel wie „rechte Verehrung“, wird aber auch vorzugsweise für „Gottesverehrung“ gebraucht. Doch der treffendste Ausdruck ist θεοσέβεια [theosebeia], was an der Stelle, wo eine Begriffsbestimmung der menschlichen Weisheit gegeben wird, ganz klar und deutlich soviel bedeutet wie Gottesverehrung.

Du verlangst von mir, ich solle einen großen Inhalt mit kurzen Worten umschreiben: Wünschest du einen noch prägnanteren Ausdruck (als Gottesverehrung)? Oder willst du vielleicht, ich solle dir gerade den Punkt, wie Gott denn zu ehren sei, kurz auseinandersetzen und in eine knappe Darlegung zusammenfassen?

3. Wenn ich dir nun darauf antworte, Gott müsse mit Glaube, Hoffnung und Liebe verehrt werden, so wirst du mir gewiß gleich erwidern, damit sei allerdings meine Antwort in eine kürzere Form gefaßt als dir selbst lieb ist; und du wirst dann sofort weiter bitten, [S. 393] ich solle dir wenigstens in Kürze darlegen, was denn zu jedem dieser drei Stücke gehöre, das heißt, was man denn glauben, hoffen und lieben müsse. Gehe ich aber auf diese Fragen ein, so habe ich damit auch schon alle Fragen deines Briefes beantwortet. Falls du also noch eine Abschrift davon in Händen hast, so kannst du sie ganz leicht noch einmal durchgehen und nachlesen, andernfalls magst du sie dir mit meiner Unterstützung ins Gedächtnis zurückrufen.

4. Du willst nämlich, wie du mir schreibst, ich solle für dich ein Buch verfassen, das dir, wie man so sagt, als Handbuch dienen und als solches nicht aus der Hand kommen soll. Dieses Buch soll alle gewünschten Antworten enthalten, beispielsweise, wonach man vor allem streben und wovor man wegen der verschiedenen Irrlehren hauptsächlich fliehen müsse, inwieweit die Vernunft der Religion zu Hilfe kommt, oder wieweit es gegen die Vernunft verstoße, wenn einer bloß einen Glauben (ohne Vernunftüberzeugung) habe, worauf es in erster Linie und worauf es letzten Endes ankomme, was das Wesentliche des ganzen (christlichen) Lehrgebäudes sei und schließlich, worin die sichere und recht eigentliche Grundlage des katholischen Glaubens bestehe. Über all diese deine Fragepunkte wirst du ganz sicheren Bescheid wissen, sobald du dir einmal darüber klar wirst, was Gegenstand unseres Glaubens, unserer Hoffnung und unserer Liebe sein muß. Denn das ist die hauptsächliche, ja einzige Richtschnur unseres religiösen Lebens. Wer sich damit in Widerspruch setzt, der steht Christus entweder gänzlich fremd gegenüber oder ist wenigstens ein Irrgläubiger. Soweit diese Wahrheiten entweder aus unserer körperlichen Sinneswahrnehmung oder aus der Erkenntniskraft unseres Geistes stammen, muß man sie mit Vernunftgründen verteidigen. Was wir aber weder dank der Sinne unseres Körpers wissen, noch auch kraft unseres Verstandes begreifen könnten oder begreifen können, das müssen wir fest und unbezweifelt glauben auf das Zeugnis derer hin, von denen die mit Recht göttlich genannte (Heilige) Schrift verfaßt worden ist und denen es durch Gottes [S. 394] Beistand gegeben war, jene Dinge entweder mit den Augen des Leibes oder des Geistes zu schauen oder auch vorherzusehen.

5. Ist aber die Seele einmal zu den Anfängen des Glaubens vorgedrungen, der durch die Liebe tätig ist6, dann strebt sie, durch ein gutes Leben auch zu jenem Schauen zu gelangen, worin die heiligen und vollendeten Seelen jene unaussprechliche Schönheit erkennen, in deren vollkommener Anschauung die höchste Seligkeit besteht. Damit ist auch bereits deine Frage beantwortet, worauf es in erster Linie und worauf es letzten Endes ankomme: der Glaube ist der Anfang, das Schauen die Vollendung7. Das ist auch das Wesentliche der ganzen (christlichen) Lehre. Die sichere und recht eigentliche Grundlage des katholischen Glaubens aber ist Christus: „Denn einen anderen Grund“, sagt der Apostel (Paulus), „kann niemand legen als den, der (durch Paulus von Gott selbst) gelegt worden ist, nämlich Christus Jesus8.“ Daß dieses die eigentliche Grundlage des katholischen Glaubens ist, läßt sich auch nicht darum in Abrede stellen, weil man vielleicht meinen könnte, wir hätten diese Grundlage mit verschiedenen Irrgläubigen gemeinsam. Denn wenn man sorgfältig erwägt, was eigentlich zu Christus gehört, so findet sich Christus allerdings bei all den Irrgläubigen, die sich Christen nennen lassen; er findet sich aber nur dem Namen nach bei ihnen, in Wirklichkeit ist er es aber nicht. Dies im einzelnen darzulegen, das würde gar zu weit führen; denn sonst müßte man alle Irrlehren aufzählen, die früheren sowohl wie die gegenwärtigen und alle diejenigen, die sich überhaupt unter christlichem Namen hätten bilden können. Bei all diesen Irrlehren müßte man die Wahrheit unserer Behauptung nachweisen: eine solche Arbeit würde aber so viele Bücher erfordern, daß sie geradezu als endlos erschiene.

6. Ein Enchiridion verlangst du also von mir, das heißt ein handliches Büchlein, nicht einen dicken [S. 395] Folianten, der den Bücherschrank belastet. Um also auf jene drei Stücke zurückzukommen, wodurch, wie wir gesagt haben, Gott verehrt werden muß, nämlich auf den Glauben, die Hoffnung und die Liebe, so ist es ganz leicht zu sagen, was den Gegenstand des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe ausmachen muß; aber wie man ihre Verteidigung gegen die Verleumdung Andersdenkender führen soll, das darzulegen wäre Sache einer mühevolleren und umfassenderen Gelehrsamkeit. Will jemand in deren Besitz gelangen, so darf er nicht bloß ein kleines Enchiridion zur Hand nehmen, sondern er muß seine Brust mit einem mächtig glühenden Eifer entflammen.

1: Ich folge der Kapiteleinteilung Scheels.
2: 1 Kor. 1, 20.
3: Weish. 6, 26.
4: Röm. 16,19. Den Satz: „Wie aber niemand aus sich selbst das Sein haben kann, so kann auch niemand aus sich Weisheit haben, sondern nur aus der Erleuchtung durch den, von dem geschrieben steht: ,Alle Weisheit ist von Gott’ (Ekkli. 1,1) [= Ekklisiastikus = Sirach]“, den man vielfach an dieser Stelle findet, haben nur jüngere Handschriften.
5: Job 28, 28.
6: Gal. 5, 6.
7: Vgl. 1 Kor. 13, 12.
8: 1 Kor. 3, 11.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Enchiridion d.h. Handbüchlem für den Laurentius oder Buch vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger