Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Augustinus (354-430) - Enchiridion oder Buch vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe (De fide, spe et caritate)

28. Kapitel: Der freie Wille des Menschen wurde durch die Sünde beschränkt und bedarf jetzt in allem des helfenden Beistandes der durch Christi Erlösungstat verdienten Gnade

104. Demnach hätte Gott auch den ersten Menschen in seiner ursprünglich anerschaffenen Seligkeit auch erhalten und ihn zu seiner Zeit nach Erzeugung von Kindern ohne Dazwischentreten des Todes in ein besseres Sein hinüberführen wollen, wo er nicht bloß keine Sünde mehr begehen, sondern nicht einmal mehr den Willen zu sündigen hätte haben können, wenn eben Gott vorausgewußt hätte, der Mensch würde entsprechend seiner Erschaffung für immer den Willen haben, ohne Sünde zu bleiben. Weil er aber vorauswußte, der Mensch werde seinen freien Willen mißbrauchen, d. h. sündigen, so hat er lieber seinen Willen dahin gerichtet, daß er (Gott) Gutes wirkte durch den, der Böses tat und daß so die gute Absicht des Allmächtigen nicht durch den bösen Willen des Menschen vereitelt, sondern darum nicht weniger in Erfüllung gebracht wurde. (105.) Denn der Mensch mußte von Anfang an so geschaffen werden, daß er das Gute und auch das Böse wollen konnte, nicht ohne Lohn, wenn er das Gute, aber auch nicht ohne Strafe, wenn er das Böse wollte. Später aber wird es so sein, daß er das Böse [S. 489] gar nicht einmal mehr wollen kann. Allein auch in diesem Zustand wird er des freien Willens nicht entbehren. Im Gegenteil, der Wille wird sogar noch viel freier sein, weil er der Sünde überhaupt nicht mehr wird dienen können. Denn über einen Willen, mit dem wir so glücklich sein wollen, daß wir nicht unglücklich sein wollen, ja nicht einmal imstande sind, unglücklich sein zu wollen, darf man sich nicht beklagen; sonst wäre er überhaupt kein Wille, wenigstens dürfte man ihn nicht einen freien Willen nennen. Wie also unsere Seele in unserm jetzigen Zustand das Unglücklichsein nicht will, so wird sie dereinst für immer das Bösesein nicht wollen. Doch auch eine solche Ordnung der Dinge war notwendig, wo Gott uns zeigen wollte, wie gut ein vernunftbegabtes Wesen sei, das die Fähigkeit besitzt die Sünde auch nicht zu wollen (non peccare posse), wenngleich ein Wesen, das die Fähigkeit, die Sünde zu wollen, gar nicht besitzt (peccare non posse), an sich besser ist. So war es auch eine geringere Stufe der Unsterblichkeit ― immerhin war aber auch dies schon eine ―, die Fähigkeit zu besitzen, auch nicht zu sterben (posse non mori), wenn es gleich ein höherer Grad der Unsterblichkeit sein wird, die Fähigkeit zu sterben überhaupt nicht zu besitzen (non posse mori). (106.) Die erstere Art von Unsterblichkeit hat die Menschennatur durch ihren freien Willen verloren, die letztere Art wird sie empfangen durch die Gnade; diese hätte sie im Falle, daß sie nicht in Sünde gefallen wäre, als Verdienst empfangen, obgleich es auch in diesem Falle ohne Gnade keinerlei Verdienst hätte geben können. Denn wenn auch die Sünde einzig und allein im freien Willen ihre Begründung hatte, so genügte doch der freie Wille nicht dazu, die Gerechtigkeit zu bewahren. Es mußte vielmehr die teilnehmende Liebe des (trotz aller Beleidigung) unveränderlich gut bleibenden Gottes Hilfe bringen. So liegt es auch in der Gewalt des Menschen, zu sterben, wenn er will; denn es gibt, um kein anderes Beispiel anführen zu müssen, keinen Menschen, der sich nicht durch bloße Enthaltung vom Essen selbst ums Leben bringen könnte; um aber das Leben zu erhalten, dazu genügt der bloße Wille nicht: es darf auch die [S. 490] Hilfe der Nahrung und all der anderen Schutzmittel nicht fehlen. Geradeso war der Mensch im Paradies kraft seines Willens imstande, die Gerechtigkeit zu verlassen und sich das Leben zu rauben; allein um das Leben der Gerechtigkeit zu bewahren, dazu reichte sein Wille noch nicht aus; es mußte ihm derjenige, der ihn geschaffen hatte, auch wieder zu Hilfe kommen. Aber seit jenem Fall ist die Barmherzigkeit Gottes noch größer; muß ja doch jetzt sogar auch noch der Wille selbst befreit werden, über den nun neben dem Tod auch noch die Sünde Herrschaft gewonnen hat. Davon wird der Wille aber durchaus nicht von selber befreit, sondern ganz allein durch die Gnade Gottes, die im Glauben an Christus ihre Begründung hat. So wird also der Wille selbst nach dem Worte der Schrift1 von Gott vorbereitet, damit er die übrigen Gaben Gottes aufnehmen kann, durch die der Mensch erst zur Gabe der ewigen Seligkeit gelangt.

107. Daher kommt es, daß auch das ewige Leben, das doch gewiß der Lohn für die guten Werke ist, vom Apostel eine Gnade Gottes genannt wird. „Der Sold der Sünde“, sagt er, „ist der Tod; eine Gnade Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn2.“ Ein Sold wird als (schuldiger) Lohn für einen Kriegsdienst bezahlt, er wird nicht geschenkt. Darum sagt der Apostel: „Der Sold der Sünde ist der Tod.“ Damit will er zeigen, daß der Tod nicht als etwas Unverschuldetes, sondern als der ihr gebührende Lohn über die Sünde verhängt ist. Gnade3 aber ist überhaupt keine Gnade mehr, wenn sie nicht ein Gnadengeschenk ist. Damit ist zu verstehen gegeben, daß auch die guten Verdienste des Menschen Geschenke Gottes sind. Und wenn man dafür ewiges Leben erhält, was ist das anderes, als daß eine Gnade mit einer anderen vergolten wird4? So also ist der Mensch in seiner (ursprünglichen) Gerechtigkeit geschaffen worden, daß er [S. 491] in dieser Gerechtigkeit ohne den Beistand Gottes nicht beharren und andererseits nicht ohne seinen eigenen Willen zu Fall kommen konnte. Er mochte das eine oder das andere wollen, in jedem Fall geschah Gottes Wille, entweder auch von ihm (indem er tat, was Gott wollte) oder wenigstens an ihm. Weil er nun aber lieber seinen eigenen Willen erfüllen wollte als den Willen Gottes, so ging der Wille Gottes an ihm in Erfüllung, der aus ein und derselben Masse der von Adam abstammenden verdammten Menschheit bald ein Gefäß der Ehre, bald ein Gefäß der Schande5 macht, und zwar eines zur Ehre in seiner Barmherzigkeit, eines zur Unehre aber in seinem Gericht: es soll sich darum niemand eines Menschen und infolgedessen auch nicht seiner selbst rühmen.

108. Auch selbst durch den einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, durch den Menschen Jesus Christus, würden wir nicht erlöst werden, wäre er nicht auch zugleich Gott. Damals aber, als Adam, der Mensch der Gerechtigkeit, geschaffen wurde, bedurfte es keines Mittlers. Nachdem aber die Sünden das Menschengeschlecht weit von seinem Gott getrennt hatten, mußten wir allein durch den Mittler, der allein sündenlos zur Welt kam, lebte und starb, wieder mit Gott versöhnt werden, (und zwar mußte sich diese Versöhnung erstrecken) bis zur Auferstehung des Fleisches zum ewigen Leben. So mußte Menschenstolz durch die Demut eines Gottes beschämt und geheilt werden. Dem Menschen mußte dadurch, daß er durch einen fleischgewordenen Gott wieder zurückgeführt wurde, gezeigt werden, wie weit er von Gott abgewichen war; dem Eigenwillen des Menschen mußte durch den Gottmenschen ein Beispiel des Gehorsams gegeben werden. Indem der Eingeborene Knechtsgestalt annahm6, die vorher ohne alles Verdienst gewesen war, sollte sich eine Quelle der Gnaden öffnen, und die den Erlösten verheißene Auferstehung auch des Leibes sollte an dem Erlöser selbst [S. 492] zum voraus Wahrheit werden. Der Teufel sollte durch dieselbe menschliche Natur, über deren Verführung er sich freute, besiegt werden; der Mensch aber sollte sich nicht rühmen, damit sich der Stolz nicht abermals erhebe. Vielleicht ließe sich über das große Geheimnis vom Erlöser noch manches andere von denen, zu deren Nutzen es geschehen ist, erdenken und sagen oder vielleicht auch bloß erdenken, wenn auch nicht aussprechen.

1: Sprichw. 8, 35.
2: Röm. 6, 23.
3: Im Lateinischen ein Wortspiel: gratia – gratis.
4: Vgl. Joh. 1, 16.
5: Röm. 9, 21.
6: Vgl. Phil. 2, 7.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Enchiridion d.h. Handbüchlem für den Laurentius oder Buch vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe
Bilder Vorlage

Navigation
. . Mehr
. . 16. Kapitel: Der ...
. . 17. Kapitel: Sün...
. . 18. Kapitel: Notw...
. . 19. Kapitel: Ein ...
. . 20. Kapitel: Almo...
. . 21. Kapitel: Von ...
. . 22. Kapitel: Nach...
. . 23. Kapitel: Aufe...
. . 24. Kapitel: Von ...
. . 25. Kapitel: Gott...
. . 26. Kapitel: Gott...
. . 27. Kapitel: Inwi...
. . 28. Kapitel: Der ...
. . 29. Kapitel: Fegf...
. . 30. Kapitel: Von ...
. . 31. Kapitel: Von ...
. . 32. Kapitel: Die ...
. . 33. Kapitel: Schl...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger