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Augustinus (354-430) - Enchiridion oder Buch vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe (De fide, spe et caritate)

27. Kapitel: Inwiefern heißt es 1 Tim. 2, 4: „Gott will, daß alle Menschen selig werden“?

[S. 486] 103. Wenn dem aber wirklich so ist, dann dürfen wir auch dann, wenn wir hören und in der Heiligen Schrift lesen, daß Gott will, es sollten alle Menschen selig werden1, der unendlichen Allmacht des göttlichen Willens doch nicht die geringsten Schranken ziehen, auch wenn wir noch so sicher sind, daß in Wirklichkeit nicht alle Menschen selig werden. Wir müssen vielmehr die Stelle: „. . . der da will, daß alle Menschen selig werden2“, so verstehen, als hieße es: Kein Mensch wird selig, außer von wem Gott will, daß er es werde. Das ist nicht so zu verstehen, als ob es keinen Menschen gebe als nur solche, von denen er wirklich will, daß sie selig werden, sondern so muß man es verstehen, daß kein anderer Mensch selig wird als nur ein solcher, von dem er es will, und daß man deshalb zu ihm flehen muß, damit er es will; wenn er nämlich einmal etwas will, dann muß es auch geschehen. Denn vom Gebet sprach ja der Apostel gerade, als er unsern Ausspruch tat. So fassen wir auch jene andere Schriftstelle: „. . . der einen jeden Menschen erleuchtet3“, nicht in dem Sinne auf, als ob es gar keinen Menschen gebe, der nicht erleuchtet würde, sondern so, daß kein Mensch erleuchtet wird als nur durch ihn. Oder es heißt wenigstens nicht in dem Sinn: „. . . der will, daß alle Menschen selig werden4“, als ob es keinen Menschen gebe, von dem der nicht wollte, daß er selig werde, der seine Wunderkraft bei denen nicht äußern wollte, die, wie er sagte, in diesem Falle Buße getan hätten5; jenes Schriftwort muß vielmehr so aufgefaßt werden, daß wir unter „allen Menschen“ jede Menschenklasse verstehen, so verschieden sie auch sein mögen: Könige oder Privatleute, Adelige oder Nichtadelige, Hohe oder Niedrige, Gelehrte [S. 487] oder Ungelehrte, Gesunde oder Gebrechliche, Menschen von Geist oder von langsamer Fassungskraft oder von Geistesschwäche, Reiche oder Arme oder mäßig Bemittelte, Männer oder Frauen, Kinder oder Knaben, Jünglinge oder junge Männer, Männer von reifem Alter oder schon Greise, Menschen aller Sprachen und Sitten, aller Künste und Berufe, Menschen von den verschiedensten Willensrichtungen und von der verschiedensten Gewissensverfassung und was es sonst noch für einen Unterschied unter den Menschen geben kann. Denn was gibt es für Menschenklassen, aus denen nicht Gott durch seinen Eingeborenen, unsern Herrn, unter allen Völkern Menschen zur Seligkeit führen wollte und an denen er nicht darum, weil sein Wollen doch kein leeres sein kann, auch wirklich all das erfüllte, was er will. Der Apostel hatte befohlen, es solle „für alle Menschen6“ gebetet werden und hatte hinzugefügt, in Sonderheit „für die Könige und für die Obrigkeiten, die an leitender Stelle sind7“, von denen man hätte glauben können, sie wollten infolge des weltlichen Prunkes oder Hochmutes von der Demut des christlichen Glaubens nichts wissen. Der Apostel fährt dann weiter: „denn das ist gut vor dem Heiland, unserm Gott8“ ― er meint nämlich, daß für solche Menschen gebetet werde ―; und um jede Hoffnungslosigkeit zu beseitigen, fügt er sofort bei: „(Gott,) der da will, daß alle Menschen selig werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen9.“ Denn das hat Gott für gut erachtet, daß durch das Gebet der Niedrigen das Heil der Hochstehenden bewirkt werde, was sich, wie wir jetzt sehen, in der Tat erfüllt hat. ― Jener Ausdrucksweise hat sich auch der Herr im Evangelium bedient, wo er zu den Pharisäern sagte: „Ihr verzehntet die Minze und die Raute und jedes Kraut10“ Denn auch die Pharisäer verzehnteten ja doch nicht alle fremden Kräuter und alle Kräuter aller anderen Völker aller Länder. Wie wir nun hier an dieser Stelle unter [S. 488] „jedem Kraut“ nur alle Arten von Kräutern verstehen, so können wir an jener Stelle unter „allen Menschen11“ alle Klassen von Menschen verstehen. Man kann die Stelle schließlich auch noch irgendwie anders verstehen, wenn wir durch diese Auffassung nur nicht zu dem Glauben genötigt werden, der Allmächtige habe etwas geschehen lassen wollen und es sei dann doch tatsächlich nicht geschehen; denn wenn Gott, wie die Wahrheit von ihm singt, „im Himmel und auf Erden alles getan hat, was nur immer er wollte12“, dann hat er sicherlich all das, was er nicht getan hat, auch wirklich nicht tun wollen.

1: 1 Tim. 2, 4.
2: a. a. O.
3: Joh. 1, 9.
4: a. a. O.
5: Vgl. Luk. 10, 13.
6: 1 Tim. 2, 1.
7: Ebd. [1 Tim.] 2, 2.
8: Ebd. [1 Tim.] 2, 3.
9: Ebd. [1 Tim.] 2, 4.
10: Luk. 11, 42.
11: 1 Tim. 2, 1.
12: Ps. 113, 11 [hebr. 115, 3].

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Enchiridion d.h. Handbüchlem für den Laurentius oder Buch vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger