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Augustinus (354-430) - Enchiridion oder Buch vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe (De fide, spe et caritate)

24. Kapitel: Von der Freiheit Gottes, jeden Menschen zu retten oder zu verwerfen nach freiem Willen

94. Während also die verworfenen Engel und Menschen in der ewigen Strafe verbleiben müssen, werden die Heiligen um so vollkommener erkennen, was für ein Glück ihnen die Gnade erworben hat. Dort wird ihnen durch die Tatsachen selbst so recht einleuchtend klar werden, was die Psalmworte bedeuten: „Von [S. 477] Barmherzigkeit und Gericht will ich dir singen, o Herr1!“ Denn niemand wird befreit als nur dank der ungeschuldeten Barmherzigkeit (Gottes), niemand aber auch verdammt als nur durch das selbstverschuldete Gericht. (95.) Alsdann werden uns die Fragen nicht mehr verborgen sein, die uns heute noch verborgen sind. Z. B. wenn von zwei Kindern das eine durch Gottes Barmherzigkeit (zur Seligkeit) aufgenommen, das andere aber durch das Gericht verworfen wird, und wenn dann das aufgenommene Kind erkennt, was auch ihm im Gericht verdienterweise zuteil geworden wäre, wäre ihm nicht die Barmherzigkeit zu Hilfe gekommen: warum wird jenes und nicht dieses aufgenommen, da doch beide in gleichen Verhältnissen standen? Oder warum wurden an den einen Menschen die Wundertaten Gottes nicht gezeigt und doch hätten sie diese Menschen zur Buße angetrieben, wenn sie vor ihnen geschehen wären? Warum sind sie vielmehr vor solchen Menschen geschehen, von denen vorauszusehen war, daß sie nicht glauben würden? Solche Fälle gibt es nach dem ganz klaren Wort des Herrn: „Wehe dir, Corozain, wehe dir, Bethsaida! Denn wenn in Tyrus und Sidon die Wunder geschehen wären, die in euch geschehen sind, so hätten sie schon längst in Sack und Asche Buße getan2.“ Und doch ist gewiß das Nichtwollen Gottes bezüglich ihrer Seligwerdung nicht ungerecht, obwohl sie hätten selig werden können, wenn er gewollt hätte3“. Alsdann wird im klarsten Licht des Wissens geschaut werden, was jetzt, wo es noch nicht in offenbarer Erkenntnis geschaut werden kann, der fromme Glaube für wahr hält, wie feststehend nämlich, wie unveränderlich und im höchsten Grad wirksam der Wille Gottes ist, was er alles kann, aber nicht will, [S. 478] wie er aber nichts will, was er nicht auch kann und wie wahr es ist, was im Psalm gesungen wird: „Unser Gott aber ist im Himmel oben; im Himmel und auf Erden hat er alles gemacht, was er gewollt hat4.“ Das wäre sicherlich nicht wahr, wenn Gott einmal etwas gewollt, aber dann nicht gemacht hätte oder, was noch unwürdiger wäre, wenn er es deshalb nicht gemacht hätte, weil menschlicher Wille das Werden dessen verhinderte, was der Allmächtige doch machen wollte.

Nichts also geschieht, wenn der Allmächtige nicht will, daß es geschehe, sei es nun, indem er zuläßt, daß etwas geschieht oder daß er selbst etwas tut. (96.) Ohne Zweifel handelt Gott auch dann gut, wenn er zuläßt, daß irgend etwas Böses geschieht. Denn nicht anders, als nach gerechtem Ratschluß läßt er dies zu: Alles aber, was gerecht ist, das ist doch auch gut. Wenn also auch das Böse, insoferne es böse ist, nicht gut ist, so ist doch nicht bloß das gut, daß es Gutes, sondern auch, daß es Böses gibt. Denn wäre das Vorhandensein auch des Bösen nicht gut, dann würde es unbedingt nicht zugelassen werden von dem allmächtigen Guten, für den es doch zweifelohne ebenso leicht ist, das nicht zuzulassen, was er nicht will, wie es ihm ein Leichtes ist, das zu machen, was er will. Wenn wir das nicht glauben, dann gerät schon der erste Satz unseres Glaubensbekenntnisses in Gefahr, wo wir doch bekennen, daß wir an Gott, den allmächtigen Vater, glauben. Denn es gibt ja gar keinen anderen Grund, ihn den Allmächtigen zu nennen, als weil er alles kann, was er will, und weil die Wirksamkeit des allmächtigen Willens durch keinen Willen irgendeines Geschöpfes behindert wird.

97. Wir müssen darum etwas näher zusehen, wie es denn von Gott heißen kann: „. . . der will, daß alle Menschen selig werden5.“ Denn auch so hat der Apostel mit voller Wahrheit gesagt. Da nämlich doch nicht alle Menschen selig werden, ja sogar der größere Teil der Menschen nicht selig wird, so schaut es doch ganz so aus, als geschehe nicht, was Gott will, und [S. 479] zwar deshalb, weil der menschliche Wille dem Willen Gottes im Wege steht. Die Antwort auf die Frage, warum denn nicht alle selig werden, pflegt nämlich so zu lauten: weil sie es selbst nicht wollen. Das paßt nun zwar wenigstens nicht für die kleinen Kinder, die weder wollen noch nicht wollen können. Denn wenn wir die äußeren Bewegungen der kleinen Kinder, die sich beispielsweise bei der Taufe manchmal aus Leibeskräften gegen die Taufhandlung sträuben, als einen Ausdruck ihres Willensentschlusses erklären wollten, so müßten wir ja annehmen, daß sie sogar gegen ihren Willen gerettet würden. Indessen spricht der Herr im Evangelium klar genug, da er die gottlose Stadt (Jerusalem) anredete: „Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, wie die Henne ihre Küchlein, aber du hast nicht gewollt6.“ Das ist doch gerade, als ob der Wille Gottes durch den Willen des Menschen überwunden und der Allmächtigste durch das Nichtwollen der Schwächsten gehindert worden wäre das zu tun, was er wollte. Und wo bleibt da jene Allmacht, kraft deren er „im Himmel und auf Erden alles gemacht hat, was er wollte7“, wenn er zwar den Willen hatte, die Kinder Jerusalems zu sammeln, es aber dann doch nicht getan hat? Oder ist es nicht vielmehr so, daß Jerusalem selbst es nicht wollte, daß seine Kinder von ihm gesammelt würden? Allerdings, aber er selbst hat doch auch gegen den Willen Jerusalems diejenigen von seinen Kindern tatsächlich gesammelt, die er sammeln wollte; so hat er ja überhaupt im Himmel und auf Erden nicht nur einiges gewollt und auch wirklich getan, anderes aber zwar gewollt, aber nicht getan: sondern er hat alles getan, was nur immer er wollte.

1: Ps. 100, 1 [hebr. Ps. 101, 1].
2: Matth. 11, 21; Luk. 10, 13.
3: Die Handschriften haben hier teils vellent, teils vellet; „wir haben hier zweifelsohne eine von den wenigen dogmatisch bedeutsamen Varianten der Schriften Augustins vor uns“ (Scheel S. 77). Man vgl. zu dieser Stelle: P. Odilo Rottmanner, Der Augustinismus. Geistesfrüchte aus der Klosterzelle (München 1908, S. 99―103) ― Theologische Revue 1903, Sp. 478 ff.
4: Ps. 113, 11 [hebr. Ps. 115, 3].
5: 1 Tim. 2, 4.
6: Vgl. Matth. 23, 37.
7: Ps. 113, 11 [hebr. Ps. 115, 3].

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Enchiridion d.h. Handbüchlem für den Laurentius oder Buch vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger