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Augustinus (354-430) - Enchiridion oder Buch vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe (De fide, spe et caritate)

20. Kapitel: Almosengeben ohne Selbstbesserung ist wertlos

75. Wer indes ein ganz schlechtes Leben führt und sich auch nicht bemüht, ein Leben mit solchen Sitten zu bessern, wer aber dabei doch mitten in seinen schändlichen Verbrechen nicht aufhört, fleißig Almosen zu geben, der schmeichelt sich ganz vergeblich, wenn er deshalb das Wort des Herrn auf sich anwenden möchte: „Gebt Almosen! Und siehe, alles ist euch rein1.“ Denn so klar diese Worte auch sind, so fassen sie solche Leute doch nicht richtig auf. Damit dies aber geschehe, beachte so einer einmal, zu wem denn der Herrn eigentlich so gesprochen hat. Im Evangelium heißt es nämlich: „Während er (Jesus) redete, bat ihn ein Pharisäer, er solle bei ihm das Frühmahl nehmen. Und er trat ein und ließ sich nieder. Der Pharisäer aber war darüber befremdet und sprach bei sich, warum er sich denn vor dem Essen nicht gewaschen habe. Der Herr aber sprach zu ihm: „Ihr Pharisäer reinigt jetzt die Außenseite des Bechers und der Schüssel; euer eigenes Innere aber ist voll von Raub und Schlechtigkeit. Ihr Toren, hat denn nicht der, welcher das Auswendige geschaffen hat, auch das Inwendige geschaffen? Jedoch, was übrig ist, das gebt als Almosen! Und siehe, alles ist euch rein2.“ werden wir dies etwa so verstehen müssen, daß für die Pharisäer, die den Glauben an Christus nicht hatten, alles rein war, trotzdem sie nicht an ihn glaubten und nicht wiedergeboren waren aus dem Wasser und dem [S. 462] Heiligen Geiste3, wenn sie nur Almosen gaben in der Gesinnung, wie der oben Geschilderte sie beim Geben haben zu müssen glaubte? Es sind ja doch alle unrein, die der Glaube an Christus nicht reinigt, von dem geschrieben steht, „daß durch den Glauben (an ihn) ihr Herz gereinigt wird4“, und von dem der Apostel sagt: „Den Befleckten und Ungläubigen ist jedoch nichts rein, sondern befleckt ist ihr Herz und ihr Gewissen5.“ Wie könnte also den Pharisäern alles rein sein, wenn sie nur Almosen geben, dabei aber nicht gläubig sind? Oder wie könnten sie gläubig sein, wenn sie nicht an Christus glauben und nicht in seiner Gnade wiedergeboren werden wollten? Und doch bleibt das Wort wahr, das sie hörten: „Gebt Almosen! Und siehe, alles ist euch rein6.“

76. Wer nämlich in geordneter Weise Almosen geben will, muß bei sich selbst den Anfang machen und solches zuerst sich selbst geben. Almosengeben ist nämlich ein Werk der Barmherzigkeit, und ganz wahr ist es auch, wenn es heißt: „Erbarme dich deiner Seele und du wirst Gott gefallen7.“ Um Gott zu gefallen, werden wir wiedergeboren, dem mit Recht die Sünde mißfällt, die wir uns durch die Geburt zugezogen haben. Dies ist das erste Almosen, das wir uns gegeben haben, daß wir uns selbst in unserem Elend durch die Erbarmung des barmherzigen Gottes aufgesucht haben; denn wir haben sein Urteil als recht anerkannt, durch das wir elend geworden sind und von dem der Apostel sagt: „Wegen der einen Sünde (Adams) lautet sein Urteil auf Verdammnis8“; und wir haben auch seiner großen Liebe gedankt, von der wiederum jener Herold der Gnade (der heilige Paulus) sagt: „Es bewährt aber Gott seine Liebe zu uns darin, daß, trotzdem wir noch Sünder waren, Christus für uns gestorben ist9.“ Wir sollen nämlich auch selbst über unser Elend ein wahres Urteil fällen und Gott mit der Liebe, die er uns selbst eingegossen hat, lieben und demgemäß fromm und gerecht [S. 463] leben. Die Pharisäer nun kümmerten sich um ein solches Urteil und um eine solche Liebe nicht; sie bestimmten zwar den Zehnten sogar von den geringsten Feldfrüchten10 zu ihrem Almosen, sie fingen aber bei ihrem Almosengeben nicht bei sich selbst an und übten nicht zuerst an sich selbst Barmherzigkeit. Mit Rücksicht auf jene rechte Ordnung der Liebe heißt es: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst11.“ Nachdem also Christus die Pharisäer getadelt hatte, weil sie sich bloß äußerlich wuschen, innerlich aber voll Raub und Schlechtigkeit waren, belehrte er sie zuerst darüber, daß das Innere durch eine Art Almosen gereinigt werde, das der Mensch vor allen Dingen sich selbst schulde: „Was aber übrig ist, das gebt als Almosen, und alles ist euch rein12.“ Um ihnen aber dann zu zeigen, was er mit dieser Lehre wolle, worum sie sich selbst aber nicht kümmerten, und damit sie nicht glaubten, er kenne ihr Almosen nicht, sprach er das Fluchwort: „Wehe euch, ihr Pharisäer13!“ Damit wollte er ihnen gleichsam sagen: „Ich habe euch nun zwar ermahnt, Almosen zu geben, auf daß euch dadurch alles rein werde. Aber wehe euch! Ihr verzehntet ja wohl die Minze und die Raute und alles Kraut14; diese Art eueres Almosens kenne ich gar gut und ihr dürft nicht glauben, ich wolle euch jetzt hierüber noch belehren; aber an dem Rechte und an der Liebe Gottes geht ihr vorbei15.“ Und doch wäre nur das wirklich ein Almosen, wodurch ihr von jeder inneren Befleckung rein werden könnt; dadurch würde euer Leib wirklich rein, den ihr wascht. Dieses Doppelte ist nämlich unter dem Worte „alles“ zu verstehen: das Innere und das Äußere. In diesem Sinne liest man an einer anderen Stelle: „Reinigt nur einmal, was inwendig ist, dann wird auch das, was auswendig ist, rein sein16!“ Damit nun aber die Pharisäer nicht meinen möchten, er habe damit das Almosen verworfen, das von den Früchten der Erde gespendet wird, sprach er zu ihnen: „Das eine hättet ihr tun, das andere aber [S. 464] nicht lassen sollen17“; d. h. das Gericht und die Liebe Gottes hättet ihr im Auge behalten und dabei auch von den Früchten der Erde Almosen geben sollen.

77. Es sollen sich also diejenigen nicht täuschen, die meinen, sie könnten sich durch ein noch so reichliches Almosen an Früchten oder Geld Straflosigkeit für ihr Verharren im Greuel ihrer Sünden und in ihren Schandtaten erkaufen. Dergleichen böse Taten vollbringen sie wirklich; und dazu lieben sie ihre Sünden auch noch so sehr, daß sie immerdar darin zu verharren wünschten, wenn es nur ohne Strafe geschehen könnte. „Wer aber Unrecht liebt, der haßt seine Seele18“, und wer seine Seele haßt, der ist nicht barmherzig gegen sie, sondern grausam; denn die Seele lieben nach dem Geiste der Welt, heißt sie hassen nach dem Geiste Gottes. Wollte einer seiner Seele Almosen geben, so daß ihr alles rein wäre, der müßte sie hassen nach dem Geiste der Welt, sie aber lieben nach dem Geiste Gottes. Es gibt aber keiner auch nur das kleinste Almosen, es sei denn, daß er die Mittel hiezu von dem empfängt, der an nichts Mangel hat. In diesem Sinne steht geschrieben: „Seine Barmherzigkeit wird mir zuvorkommen19.“

1: Luk. 11, 41.
2: Ebd. [Luk. 11, 41].
3: Joh. 3, 5.
4: Vgl. Apg. 15, 9.
5: Vgl. Tit. 1, 15.
6: Luk. 11, 41.
7: Ekkli. 30, 24 [= Ekklisiastikus = Sirach].
8: Röm. 5, 16.
9: Vgl. ebd. [Röm.] 5, 8.
10: Luk. 11, 42.
11: Ebd. [Luk.] 10, 27.
12: Ebd. [Luk.] 11, 41.
13: Ebd. [Luk.] 11, 42.
14: Ebd. [Luk. 11, 42].
15: Ebd. [Luk. 11, 42].
16: Vgl. Matth. 23, 26.
17: Luk. 11, 41.
18: Ps. 10, 5 [Septuag. = Ps. 10, 5; Vulg. = Ps. 10, 6; hebr. = Ps. 11, 5].
19: Ebd. [Ps.] 58, 11 [hebr. Ps. 59, 11].

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Enchiridion d.h. Handbüchlem für den Laurentius oder Buch vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger