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Augustinus (354-430) - Enchiridion oder Buch vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe (De fide, spe et caritate)

16. Kapitel: Der Satan und die Menschen. ― Die Wirkung der Erlösung auf das Verhältnis zwischen triumphierender und streitender Kirche; vom Frieden des Himmels

60. Wichtiger ist es dagegen, das ganz klar und deutlich zu erkennen, wann sich der Satan in einen Engel des Lichtes1 verwandelt; denn sonst könnte er uns täuschen und zu etwas Verderblichem verführen. Darin liegt nämlich keine Gefahr für das religiöse Leben, wenn er zwar die leiblichen Sinne täuscht, die Seele aber nicht von den wahren und richtigen Grundsätzen, auf denen sich für jedermann das christliche Leben aufbaut, abwendig macht; oder wenn er sich als ein guter Geist verstellt und nur solche Taten und Worte zeigt, wie sie guten Engeln zukommen und wenn er daraufhin sogar für gut gehalten wird, so ist das ein Irrtum, der für den christlichen Glauben nicht gefährlich und nicht schädlich ist. Sobald er aber durch ein solches, seinem wirklichen Wesen fremdes Benehmen zu dem hinführen will, was ihm so recht eigentümlich ist, dann wird es notwendig, mit großer Sorgfalt auf seiner Hut zu sein, damit man ihn durchschaue und seinen Weg nicht gehe. Doch wo ist denn so ein Mensch, der imstande wäre, all seinen todbringenden Ränken zu entgehen, wenn nicht Gott sein Leiter und Beschützer ist? Aber gerade diese Schwierigkeit hat wieder das Gute, daß der Mensch lernt, sich nicht auf sich selbst oder auf andere Leute, sondern in all seinen Angelegenheiten nur auf Gott zu verlassen. Und daß uns dieses Gottvertrauen mehr nützt (als falsches Vertrauen auf sich und auf die Mitmenschen), das wird gewiß kein frommer Christ bezweifeln.

61. Soweit demnach die Kirche die heiligen Engel und Herrschaften Gottes in sich begreift, wird sie uns erst dann in ihrem Wesen klar werden, wenn wir am Ende (unseres Lebens) mit ihnen vereinigt sein werden, [S. 449] um in ihrer Gemeinschaft die ewige Seligkeit zu genießen. Der andere Teil der Kirche aber, der noch auf Erden pilgert, ist uns deshalb besser bekannt, weil wir ja selber noch auf Erden leben und weil er eine Kirche von Menschen ist, wie auch wir es sind. Diese Kirche ist durch das Blut des sündelosen Mittlers von jeglicher Sünde erlöst worden und ihre Stimme ist es, die da sagt: „Wenn Gott für uns ist, wer ist dann wider uns? Hat er ja seinen eigenen Sohn nicht geschont, sondern ihn für uns alle dahingegeben2.“ Denn nicht für die Engel ist Christus gestorben. Insoferne jedoch erstreckt sich auch auf die Engel alles, was durch Christi Tod zur Erlösung und Reinigung der Menschen vom Bösen geschieht, als die Menschen bei den Engeln gewissermaßen auch wieder zu Gnaden kommen; denn (durch die Erlösung) schwindet die Feindschaft, welche die Sünde zwischen den Menschen und den heiligen Engeln geschaffen hatte. Zudem werden ja gerade aus der erlösten Menschheit auch jene Schäden wieder geheilt, die der Sturz der Engel zur Folge gehabt hatte.

62. Denn sicherlich wissen auch die heiligen Engel, wie zahlreich der Ersatz sein muß, den ihr Reich bis zu seiner vollen Ergänzung aus dem Menschengeschlecht zu erwarten hat; darüber wird sie Gott wohl belehrt haben, dessen Wahrhaftigkeit ewig anzuschauen ihre Seligkeit ausmacht. In diesem Sinn sagt der Apostel, „alles, was im Himmel und auf Erden ist, werde in Christo erneuert3“. Das, was im Himmel ist, wird nämlich dann erneuert, wenn die Lücke, die durch den Fall der Engel entstanden ist, aus der Zahl der Menschen wieder ausgefüllt wird; was aber auf Erden ist, das wird erneuert, wenn die Menschen, die zum ewigen Leben vorherbestimmt sind, aus ihrer alten Verderbnis wieder hergestellt werden. Auf solche Weise wird durch jenes einzigartige Opfer, in dem der Mittler (Christus) sich opfert4, und auf welches allein die Opfer des Gesetzes [S. 450] vorbildlich hinwiesen, das Himmlische und das Irdische gegenseitig in Frieden geeinigt. Denn also spricht der gleiche Apostel (Paulus): „Gefallen hat es (dem Vater), in ihm (dem Sohne) die ganze Fülle (der Gottheit) wohnen zu lassen und durch ihn die gesamte Kreatur des Himmels und der Erde mit sich zu versöhnen, indem er durch seines Sohnes blutigen Kreuzestod den Frieden wiederherstellte5.” (63.) Dieser Friede übersteigt, wie geschrieben steht, jeden Begriff6 und kann von uns erst dann wirklich erkannt werden, wenn wir zu ihm gelangt sind. Denn wie kann Friede im Himmel werden, wenn er nicht mit uns geschlossen wird, d. h. wenn der Himmel nicht mit uns eines Herzens wird? Dort herrscht nämlich ewiger Friede, sowohl aller geistigen Geschöpfe unter sich als auch mit ihrem Schöpfer. Es übersteigt also dieser Friede, wie gesagt, jeden Begriff, natürlich nur den unsrigen, nicht aber den Begriff derer, die immerdar das Antlitz des Vaters schauen7. Im Gegensatz zu diesen ist unsere Einsicht bei aller Größe menschlicher Erkenntnis doch nur eine teilweise und unser Schauen nur ein unvollkommenes, wie durch einen Spiegel8. Wenn wir aber dereinst einmal den Engeln gleich sein werden9, dann wird auch unser Schauen ein Schauen von Angesicht zu Angesicht sein, wie bei ihnen, und der Friede, den wir mit ihnen haben werden, wird ebenso groß sein wie der, den sie mit uns haben; denn dann wird unsere Liebe zu ihnen ebenso groß sein wie die ihrige zu uns. Darum wird uns dann ihr Friede kund sein, weil auch unser Friede ebenso groß und so tief sein wird und weil dann ihr Friede unsern Begriff nicht mehr übersteigen wird10. Gottes Friede jedoch, der dort über uns herrschen wird, wird zweifellos sowohl unseren als auch ihren Begriff übersteigen. Aus ihm schöpft ja jede vernünftige Kreatur ihre Seligkeit, mag sie auch noch so selig sein; er dagegen schöpft seine Seligkeit nicht aus der Kreatur. Die Stelle: „Der Friede Gottes, der jeglichen Begriff [S. 451] übersteigt . . .11“, ist somit wohl am richtigsten so zu verstehen, daß in den Ausdruck „jeglich“ sogar auch der Begriff der heiligen Engel und nur einzig nicht der Begriff Gottes eingeschlossen ist. Denn seinen eigenen Begriff kann Gottes Friede ja doch nicht übersteigen.

1: Vgl. 2 Kor. 11, 14.
2: Röm. 8, 31 f.
3: Vgl. Eph. 1, 10.
4: Vgl. Hebr. 10, 12―14.
5: 1 Kol. 1, 20; vgl. 2, 9.
6: Vgl. Phil. 4, 7.
7: Matth. 18, 10.
8: 1 Kor. 13, 12.
9: Vgl. Luk. 20, 36.
10: Vgl. Phil. 4, 7.
11: Vgl. Phil. 4, 7.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Enchiridion d.h. Handbüchlem für den Laurentius oder Buch vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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