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Augustinus (354-430) - Enchiridion oder Buch vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe (De fide, spe et caritate)

15. Kapitel: Vom Heiligen Geist und von der Kirche; die Kirche Gottes ist ein zweifacher Tempel Gottes. ― Von der triumphierenden Kirche im Himmel; Streitfragen in der Lehre von den Engeln

[S. 444] 56. Wir haben nunmehr von Jesus Christus, Gottes eingeborenem Sohn, unserm Herrn, soviel gesagt, als ein kurzes Glaubensbekenntnis nur gestattet. Um aber die Lehre von der göttlichen Dreifaltigkeit vollständig abzuschließen, fügen wir jetzt auch noch das Bekenntnis hinzu: „Wir glauben auch an den Heiligen Geist.“ Sodann tun wir auch der heiligen Kirche Erwähnung. Dadurch wird uns zu verstehen gegeben, daß die vernünftige, für das freie Jerusalem1 bestimmte Schöpfung erst nach der Erwähnung des Schöpfers, d. h. nach Erwähnung der allerhöchsten Dreifaltigkeit folgen dürfe. Denn alles, was (zuvor) von dem Menschen Christus gesagt ist, das betrifft ja auch die eine Person des Eingeborenen. Die rechte Ordnung (in der Reihenfolge) des Glaubensbekenntnisses forderte also, daß erst nach der Dreieinigkeit die Kirche genannt wird, geradeso wie man das Haus erst nach seinem Bewohner2, den Tempel erst nach seinem Gott und die Stadt erst nach ihrem Erbauer nennt. Diese Stadt Gottes kommt aber hier in ihrer Gesamtheit in Betracht, nicht bloß in dem Teil, wo sie auf der Pilgerfahrt auf Erden3 von Sonnenaufgang bis zum Sonnenniedergang4 den Namen des Herrn lobpreist und nach Ablauf ihrer alten Gefangenschaft ihr neues Lied singt5, sondern sie kommt auch in dem Teil in Betracht, der im Himmel allezeit mit Gott, seinem Schöpfer, verbunden blieb und niemals an sich erfahren mußte, daß ein Glied von ihm zu Falle kam. Dieser Teil lebt in den heiligen Engeln in ewiger Seligkeit und kommt, wie es auch nur recht ist, dem andern noch auf Erden pilgernden Teil zu Hilfe; diese beiden Teile (die streitende und die triumphierende Kirche) werden [S. 445] einstmals auch eins sein im gemeinsamen Genuß der Ewigkeit, ja sie sind bereits eins durch das Band der Liebe, eine Vereinigung, die keinen anderen Zweck hat als die Verehrung Gottes. Darum will weder die ganze Kirche noch einer ihrer Teile an Gottes Stelle verehrt werden; auch will sie nicht, daß jemand, der zum Tempel Gottes gehöre, selber Gott sei; denn dieser Tempel baut sich auf aus Göttern6 (Gläubigen), die der unerschaffene Gott erschafft. Und eben darum wäre auch der Heilige Geist, wenn er ein Geschöpf und nicht vielmehr selbst Schöpfer wäre, sicherlich ein vernünftiges Geschöpf; denn die vernünftige Schöpfung ist die Krone der Schöpfung. In diesem Falle wäre von ihm in der Glaubensregel7 nicht schon vor der Kirche die Rede, weil er ja dann selbst zur Kirche gehörte, und zwar zu dem Teil von ihr, der im Himmel wohnt. Auch hätte er dann keinen Tempel, sondern auch er wäre dann selbst ein Tempel. Er hat aber nun wirklich einen Tempel, von dem der Apostel sagt: „Wisset ihr nicht, daß euere Leiber Tempel des Heiligen Geistes sind, der in euch ist und den ihr von Gott habt8?“ Von diesen Leibern sagt er an einer anderen Stelle: „Wisset ihr nicht, daß euere Leiber Glieder Christi sind9?“ Wie sollte also derjenige nicht Gott sein, der einen Tempel hat? Oder ist er vielleicht kleiner als Christus, dessen Glieder er zum Tempel hat? Es besteht auch wirklich kein Unterschied zwischen seinem Tempel und dem Tempel Gottes; sagt ja doch der nämliche Apostel Paulus: „Wisset ihr nicht, daß ihr ein Tempel Gottes seid10?“ Um dies zu beweisen fährt er fort: „. . . und daß der Geist Gottes in euch wohnt11?“ Gott also wohnt in seinem Tempel, d. h. nicht bloß der Heilige Geist, sondern auch der Vater und der Sohn. Auch dieser letztere sagt von seinem Leib, durch den er das Haupt der aus Menschen bestehenden Kirche ist ― [S. 446] „damit er in allem den Vorrang habe12“―: „Brechet diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn wieder aufbauen13!“

Der Tempel Gottes also, nämlich der Tempel der ganzen allerhöchsten Dreifaltigkeit, ist die heilige Kirche, d. h. die Kirche in ihrer Gesamtheit im Himmel und auf Erden. (57.) Was können wir aber von jener Kirche im Himmel weiteres sagen, als daß es in ihr keine Bösen gibt und daß in ihr von dem Zeitpunkt an, wo nach dem schriftlichen Zeugnis des Apostels Petrus Gott „nicht einmal die Engel schonte, als sie sündigten, sondern sie in den Kerker der höllischen Finsternis schleuderte und sie dahingab, daß sie bewahrt würden zur Strafe im Gerichte14“, kein Glied mehr der Zugehörigkeit zu dieser Kirche verlustig gegangen ist, noch auch verlustig gehen wird. (58.) Welches ist aber nun der Zustand dieser erhabenen, hochseligen Schar? Wie unterscheiden sie sich hinsichtlich ihres Vorranges? Wie kann dort von Erzengeln die Rede sein, wo doch all diese Himmelsbewohner mit dem Gesamtnamen „Engel“ bezeichnet werden? So lesen wir z. B. im Hebräerbrief: „Denn zu welchem der Engel hat Gott jemals gesprochen: Setze dich zu meiner Rechten15?“ Damit hat der Apostel doch wohl zu erkennen gegeben, daß alle den Gesamtnamen „Engel“ tragen. Werden ferner jene Erzengel zugleich auch Heerscharen genannt und heißt es in dem Sinne: „Lobet ihn, all seine Engel! Lobet ihn, all seine Heerscharen16!“, als ob gesagt sei: „Lobet ihn, all seine Engel! Lobet ihn, all seine Erzengel“? Was für ein Unterschied liegt endlich in jenen vier Bezeichnungen, womit der Apostel die ganze himmlische Heerschar zusammenzufassen scheint mit den Worten: „Seien es nun Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten17“? All diese Fragen mögen diejenigen beantworten, die es können, vorausgesetzt, daß sie auch imstande sind, für ihre Behauptungen einen Beweis zu bringen. Ich für meine Person muß schon [S. 447] gestehen, daß ich darüber nichts weiß. Ja nicht einmal das weiß ich ganz bestimmt, ob zu diesen Scharen nicht auch Sonne und Mond und all die anderen Gestirne gehören, obgleich sie manche nur für leuchtende Körper ohne Sinne und Verstand halten. (59.) Wer möchte ferner erklären wollen, welcher Art die Körper waren, in denen die Engel den Menschen erschienen sind, so daß man sie nicht bloß schauen, sondern sogar berühren konnte; oder wie es kommt, daß die Engel anderseits wieder nicht in körperlicher Gestalt, sondern durch geistige Beeinflussung nicht dem körperlichen, sondern dem geistigen Auge, dem inneren Sinn, gewisse Erscheinungen zeigen und wie sie denn dann nicht zu dem äußeren Ohr, sondern inwendig in der Menschenseele sprechen. Denn auch da (in der Menschenseele) wohnen sie; steht ja doch in dem Buche der Propheten geschrieben: „Und es sprach zu mir der Engel, der in mir redete18.“ Der Prophet sagt nicht: „Der zu mir redete“, sondern: „Der in mir redete“; oder es soll einer erklären, wie die Engel auch im Schlafe erscheinen und da wie im Traum zu uns sprechen. Es gibt hiefür eine Stelle im Evangelium: „Siehe, ein Engel des Herrn erschien ihm (dem Joseph) im Schlafe und sprach19.“ ― Auf solche Weise geben die Engel gewissermaßen zu verstehen, daß sie keinen greifbaren Körper haben und es gestaltet sich darum die Frage sehr schwierig, wie ihnen denn dann die Patriarchen die Füße waschen20 und wie Jakob in jener bekannten kräftigen Berührung mit dem Engel ringen konnte21“. An solcherlei Fragen, wo ein jeder nach Kräften seinen Scharfsinn spielen läßt, bildet sich der Geist nicht ohne Nutzen; nur darf der Streit die Grenzen der Mäßigung nicht überschreiten und muß der falsche Glaube ferngehalten werden, man wisse etwas, wovon man in Wirklichkeit nichts weiß. Denn was hat es schließlich für einen Wert, dieses oder jenes zu behaupten oder zu verneinen oder mit einem Aufwand von Scharfsinn auseinanderzusetzen, [S. 448] wenn es keinen Schaden bedeutet, davon nichts zu wissen.

1: Vgl. Gal. 4, 26.
2: Vgl. 1 Tim. 3, 15.
3: Vgl. Hebr. 13, 14.
4: Ps. 112, 3 [hebr. Ps. 113, 3].
5: Vgl. Offenb. 14, 3.
6: Vgl. Ps. 81, 6 [hebr. Ps. 82, 6]; Joh. 10, 34.
7: D. h. im apostolischen Glaubensbekenntnis.
8: 1 Kor. 6, 19.
9: Ebd. [1 Kor.] 6, 15.
10: Ebd. [1 Kor.] 3, 16.
11: Ebd. [1 Kor. 3, 16].
12: Kol. 1, 18.
13: Joh. 2, 19.
14: Vgl. 2 Petr. 2, 4.
15: Hebr. 1, 13.
16: Ps. 148, 2 [hebr. Ps. 148, 2].
17: Kol. 1, 16.
18: Zachar. 1, 9.
19: Matth. 1, 20.
20: Gen. 18, 4; 19, 2.
21: Ebd. [Gen.] 32, 25 ff.

 

 

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Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Enchiridion d.h. Handbüchlem für den Laurentius oder Buch vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger