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Augustinus (354-430) - Vom Glauben und von den Werken (De fide et operibus)

10. Kapitel: Die Worte des Apostels Paulus, er wisse nur Christus den Gekreuzigten, schließen auch die ganze Lehre vom Werke Christi, von der Selbstkreuzigung und der Liebe in sich

15. Geradeso1 läßt sich auch das von meinen Gegnern angeführte Wort des Apostels Paulus auffassen: "Ich behauptete nicht, unter euch etwas anderes zu wissen als Christus Jesus, und zwar den Gekreuzigten2 ." Diese Stelle verstehen sie so, als sei damit den Korinthern nur eingeschärft worden, zunächst einmal zu glauben und erst nach der Taufe die Anforderungen eines sittlichen Lebens kennen zu lernen. Dies, sagen sie, habe dem Apostel vollständig genügt. [Es ist das der gleiche Apostel,] der ihnen auch gesagt hat, sie hätten wohl viele Lehrmeister in Christus, aber nicht viele Väter; denn er selbst habe sie ja in Christus Jesus durch das Evangelium gezeugt3 . Dieser Apostel hat sie also durch das Evangelium gezeugt, obwohl er Gott dankt, daß er keinen aus ihnen getauft habe als den Crispus, den Caius und das Haus des Stephanas4 . Wenn er nun die Korinther wirklich über nichts anderes unterrichtet hat, als nur über Christus den Gekreuzigten, was soll man dann einem entgegenhalten, der infolgedessen behauptet, sie hätten bei ihrer Erzeugung durch das Evangelium nicht einmal von der Auferstehung Christi etwas gehört? Warum sagt aber Paulus zu ihnen: "Ich habe euch zunächst überliefert, daß Christus gestorben ist nach dem Zeugnis der Schrift und daß er begraben worden ist und daß er am dritten Tage auferstanden ist nach der Schrift5 ", wenn er sie über nichts anderes belehrt hat, als nur über den Gekreuzigten? Wenn sie aber die Stelle nicht so verstehen und zugeben6 , daß auch noch diese Glaubenstatsachen zur Lehre von Christus dem Gekreuzigten gehören, dann sollen sie auch wissen, daß der Begriff "Christus der Gekreuzigte" den Menschen gar vieles zu sagen hat, und zwar vor allem, daß unser alter Mensch zugleich mit ihm gekreuzigt wurde, damit der Leib der Sünde ausgezogen werde und wir nicht mehr weiterhin der Sünde dienen7 . Daher sagt der Apostel auch über sich selbst: "Ferne sei es von mir, mich in etwas anderem zu rühmen als im Kreuze unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt8 ." Sie sollen daher nur recht achtsam darauf sehen, wie denn Christus der Gekreuzigte gelehrt und gelernt wird, und sie werden erkennen, daß es zu seinem Kreuze gehört, daß auch wir in seinem Leib der Welt gekreuzigt werden. Man versteht aber darunter jede Bezähmung "böser Gelüste: es ist daher unmöglich, daß denjenigen, die durch das Kreuz Christi gebildet werden9 , offenkundiger Ehebruch erlaubt wird.

Denn auch der Apostel Petrus erinnert bezüglich des Sakramentes dieses Kreuzes, d. h. des Leidens Christi, daran, es müßten jene, die durch dasselbe geweiht werden, zu sündigen aufhören. Er spricht nämlich also: "Da nun Christus dem Fleische nach gelitten hat, so waffnet euch mit dem nämlichen Gedanken; denn wer dem Fleische nach gestorben ist, der hat aufgehört zu sündigen, um fortan nicht mehr nach den Gelüsten der Menschen, sondern nach dem Willen des Herrgottes die noch übrige Zeit im Fleische zu leben10 usw." Damit zeigt er ganz richtig, daß zu Christus dem Gekreuzigten, d.h. der im Fleische gelitten hat, nur jener gehört, der an seinem eigenen Leib seine fleischlichen Gelüste gekreuzigt hat und gut lebt durch das Evangelium.

16. Was soll man aber dazu sagen, daß nach der Ansicht meiner Gegner auch jene zwei Gebote, an denen nach dem Worte des Herrn das ganze Gesetz und die Propheten hängen11 , für die Wahrheit ihrer Meinung sprechen? Sie sagen nämlich, weil es im ersten Gebot heiße: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Gemüte12 !", so bezieht sich dieses erste, die Liebe zu Gott vorschreibende Gebot auf die Täuflinge, während sich das zweite Gebot, das dem ersten ähnlich ist: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst13 !" auf schon Getaufte beziehe, weil es sich hier, wie sie glauben, um sittliche Gebote fürs menschliche Leben handle. Dabei vergessen sie aber ganz jene Schriftstelle: "Wenn du deinen Bruder nicht liebst, den du doch siehst, wie wirst du da Gott lieben können, den du nicht siehst14 ?" und jene andere, die in dem gleichen Johannesbrief steht: "Wenn jemand die Welt liebt, in dem wohnt die Liebe zum Vater nicht15 ." Wohin anders aber gehört jegliche Schandtat böser Sitten, als zur Liebe zu dieser Welt? Darum kann auch jenes erste Gebot, das sich ihrer Ansicht nach an die Täuflinge wendet, ohne gute Sitten durchaus nicht beobachtet werden. Doch ich will mich dabei nicht mehr länger aufhalten: denn bei sorgfältiger Betrachtung zeigt sich, daß diese beiden Gebote so enge miteinander verbunden sind, daß weder die Gottesliebe ohne Nächstenliebe, noch die Nächstenliebe ohne Gottesliebe im Menschen bestehen kann. Für unsere Frage genügt aber auch das schon, was wir über diese beiden Gebote jetzt gesagt haben.

1: Nämlich als kurze Fassung einer umfangreichen Lehre.
2: 1 Kor. 2,2.
3: 1 Kor. 4,15.
4: Ebd. 1,14 u. 16.
5: 1 Kor. 15,3f.
6: So nach der emendierten Leseart concedunt; die Handschriften haben contendunt.
7: Rom. 6,6.
8: Gal. 6,14.
9: Gemeint sind die Katechumenen, die bei ihrer Aufnahme ins Katechumenat mit dem Kreuz bezeichnet zu werden pflegten. Sie nennt der hl. Augustinus im folgenden Satz: „qui cruce consecrantur".
10: 1 Petr. 4,1f.
11: Matth. 22,40.
12: Ebd. 22,37.
13: Matth. 22,39.
14: 1 Joh. 4,20.
15: Ebd. 2,15.

 

 

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Einleitung: Vom Glauben und von den Werken

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger