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Augustinus (354-430) - Vom Glauben und von den Werken (De fide et operibus)

27. Kapitel: Rückblick auf die wichtigsten in dieser Abhandlung erörterten Fragen

49. Zur Genüge habe ich jetzt, wie ich glaube, meine persönliche Ansicht über den vorliegenden Gegenstand dargelegt. Drei Fragen haben sich dabei ergeben:

Die erste betrifft die Vermischung der guten und schlechten Menschen in der Kirche: diese sind ihr Weizen und ihr Unkraut. Dabei heißt es sich recht sorglich vor dem Glauben hüten, als seien uns dergleichen Gleichnisse, das vorliegende [vom Weizen und vom Unkraut] so gut wie das von den unreinen Tieren in der Arche1 oder irgendein anderes mit gleichem Inhalt, dazu gegeben worden, damit die kirchliche Zucht2 einschlafe, von der es ja unter dem Bilde des bekannten Weibes heißt: "Streng ist die Zucht ihres Hauses3 ." Doch darf man auch nicht so weit gehen, daß man nun in verwerflicher Spaltung die Guten von den Schlechten trennen wollte; denn das wäre wahnwitzige Verwegenheit und nicht strenge Sorgfalt. Durch diese Gleichnisse und Weissagungen wird nämlich den Guten nicht der Rat gegeben, in träger Untätigkeit etwas zu verabsäumen, was sie vielmehr verhindern müssen, sondern es wird ihnen damit nur der Rat gegeben, in aller Geduld, aber ohne Gefährdung der wahren Lehre, das zu ertragen, was sie nun einmal nicht verbessern können. Aber obwohl geschrieben steht, daß auch unreine Tiere in die Arche des Noe eintraten, so müssen die Vorsteher der Kirche doch dagegen einschreiten, wenn noch ganz unreine Menschen tanzend zur Taufe hinzutreten wollen4 , und das wäre doch gewiß eine geringere Sünde als Ehebruch. Durch dieses Vorbild, das uns die Geschichte bietet, ist vorausverkündet, daß es in der Kirche immer auch Unreine geben werde nach den Grundsätzen der Duldung, aber nicht wegen einer Verderbnis der Lehre oder wegen einer Auflösung der kirchlichen Zucht. Denn nicht wo es den unreinen Tieren gerade beliebt, brachen sie ein Loch in die Arche durch das sie sich Eingang verschafften, sondern alle gingen durch ein und dieselbe Türe ein, die der Baumeister gemacht hatte.

Die zweite Frage besteht darin, daß meine Gegner glauben, man solle den Täuflingen nur einmal den Glauben übergeben, über die Sitten sollten sie dann spater nach der Taufe unterrichtet werden. Doch wenn ich mich nicht täusche, ist hinreichend gezeigt, daß es dann vor allem Aufgabe des Wächters ist, nicht von der Strafe zu schweigen, die der Herr einem sündhaften Leben androht, wenn alle, die um das Sakrament der Gläubigen bitten mit viel größerer Aufmerksamkeit auf alles hört was man ihnen sagt [d.h. im Tauf Unterricht]. Denn sonst würden sie gerade durch die Taufe zu der sie ja kommen, um Vergebung für die Schuld aller Sunden zu erlangen, der schwersten Verbrechen schuldig werden.

Die dritte Frage ist die gefährlichste. Denn bloß daraus, daß diese zu wenig erwogen und nicht nach dem Worte Gottes behandelt wurde, scheint mir jener Wahn entstanden zu sein, daß man Menschen, die ein höchst ruchloses und schändliches Leben führen und in einem solchen Leben auch verharren wollen, ewiges Heil und Leben verspricht, wenn sie nur an Christus glauben und seine Sakramente empfangen. Das ist aber doch dem ganz klaren Ausspruch des Herrn zuwider, der dem nach dem ewigen Leben verlangenden Jüngling antwortete: "Willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote5 !", und dann die Gebote aufzählte, durch deren Beobachtung gerade jene Sünden vermieden werden, denen unbegreiflicherweise wegen des Glaubens, der doch ohne Werke tot ist, das ewige Leben versprochen wird.

Über diese drei Fragen glaube ich nun genug gesagt zu haben. Ich habe dabei gezeigt, daß man in der Kirche die bösen Menschen ertragen müsse, doch so, daß darunter die kirchliche Zucht nicht leiden muß. Ferner habe ich gezeigt, daß der Taufunterricht so zu geben sei, daß man den Kompetenten nicht bloß das zu hören gibt, was sie glauben müssen, sondern auch, wie sie zu leben haben. Sie müssen davon überzeugt werden, daß den Gläubigen das ewige Leben nur so versprochen wird, daß keiner zu der Meinung kommen kann, er vermöchte auch durch einen bloß toten Glauben, der ohne Werke nicht retten kann, zu diesem Leben gelangen, sondern einzig und allein durch jenen von Gottes Gnaden geschenkten Glauben, der durch die Liebe wirksam ist6 . Man beschuldige also nicht treue Ausspender wegen ihrer [vermeintlichen] trägen Nachlässigkeit, sondern man beschuldige lieber die Verstocktheit gewisser Menschen, die das [echte] Geld des Herrn nicht annehmen, dafür aber die Diener des Herrn zwingen wollen, ihr falsches Geld auszugeben. Und dabei wollen sie nicht einmal bloß solche Bösewichter sein, wie der heilige Cyprian7 erwähnt, die der Welt wenigstens mit Worten, wenn auch nicht in der Tat widersagen: denn sie weigern sich sogar, den Werken des Teufels auch nur mit Worten zu widersagen, da sie ja ganz offen erklären, in ihrem Ehebruch [auch nach der Taufe] verharren zu wollen. — Wenn diese Leute vielleicht noch einen Einwurf zu machen pflegen, den ich in dieser Abhandlung nicht berührt habe, so hielt ich eine Antwort darauf für überflüssig, weil er entweder mit unserer Frage nichts zu tun hatte oder weil er so geringfügig war, daß er von jedermann selber leicht widerlegt werden kann.

1: Gen. 7,2.
2: bei dem Gedanken, es müsse nun einmal auch schlechte Menschen in der Kirche geben.
3: Sprichw. 2,18.
4: Augustinus hat hier die kirchlichen Bestimmungen über die Aufnahme der Mimiker, Schauspieler u. dgl. im Auge. Deren Abweisung hielt damals jedermann für selbstverständlich, und doch waren sie, wie Augustinus hier sagt, gewöhnlich auf keine grösseren Sünder als die Ehebrecher.
5: Matth. 19,17.
6: Gal. 5,6.
7: Cypr., de lapsis c. 5.

 

 

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Einleitung: Vom Glauben und von den Werken

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger