Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Augustinus (354-430) - Vom Glauben und von den Werken (De fide et operibus)

23. Kapitel: Beim Jüngsten Gericht wird es bloß zwei Arten von Menschen geben: Verdammte und Heilige; unter den ersteren werden sich in gleicher Weise Gläubige und Ungläubige befinden, ja die verdammten Gläubigen werden wegen der von ihnen mißbrauchten Gnade noch strenger bestraft werden

42. Man darf aber nun keineswegs dieser eben angeführten Schriftstelle zufolge denen, die zwar an Gott glauben, aber trotzdem in ihren verderbten Sitten beharren wollen, ein milderes Los in Aussicht stellen; und noch viel weniger darf man dies nach den Worten des Apostels [Paulus]: "Die ohne das Gesetz gesündigt haben, gehen ohne das Gesetz zugrunde; die aber im Gesetze gesündigt haben, die werden durch das Gesetz auch gerichtet werden1 ." Denn an dieser Stelle besteht kein Unterschied zwischen "zugrundegehen" und "gerichtet werden", sondern es ist nur mit zwei Ausdrücken ein und dieselbe Sache bezeichnet. In der Heiligen Schrift pflegt nämlich das Wort "Gericht" auch als gleichbedeutend mit dem Ausdruck "ewige Verdammnis" gebraucht zu werden. So sagt z.B. der Herr im Evangelium: "Es wird die Stunde kommen, wo alle, die in den Gräbern liegen, seine Stimme hören werden; die nun, die Gutes getan haben, werden hervorgehen zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichtes2 ." Es heißt da aber nicht: "die geglaubt haben" oder "die nicht geglaubt haben", sondern es heißt: "diejenigen, die Gutes getan haben" und "die Böses getan haben". Denn ein gutes Leben ist ja an sich schon unzertrennlich von einem durch die Liebe wirksamen Glauben3 . Denn ein solcher Glaube ist ja selbst schon das gute Leben. Wir sehen daher, daß der Herr den Ausdruck "Auferstehung des Gerichtes" für "Auferstehung der ewigen Verdammnis" gebraucht hat. Denn alle, die auferstehen werden, und dazu gehören doch wohl auch die ganz Ungläubigen, da sie ja gleichfalls in den Gräbern ruhen, hat er in zwei Gruppen eingeteilt, indem er erklärte, die einen würden zur Auferstehung des Lebens, die andern aber zur Auferstehung des Gerichtes auferstehen.

43. Aber, sagen sie, unter den Letzteren seien eben nicht die ganz Ungläubigen zu verstehen, sondern jene, die durch Feuer gerettet werden; denn diese haben wenigstens geglaubt, wenn sie auch schlecht gelebt haben. Und darum, sagen sie, sei nur deren vorübergehende Strafe mit dem Ausdruck "Gericht" bezeichnet. Aber diese Erklärung ist höchst unverschämt; denn der Herr teilt durchaus alle, die auferstehen werden und darunter ohne Zweifel auch die Ungläubigen, in zwei Gruppen: in solche, die des Lebens und in solche, die des Gerichtes teilhaftig werden und dabei will er, wenn er es auch nicht ausdrücklich hinzufügt, das Gericht geradeso aufgefaßt wissen, wie das Leben4 . Sagt er ja doch auch nicht [ausdrücklich]: "zur Auferstehung des ewigen Lebens", wenn er es gleich nicht anders verstanden wissen will. Sie mögen aber zusehen, was sie auf das Wort des Herrn antworten: "Wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet5 ." Denn hier müssen sie ohne Zweifel annehmen, daß der Ausdruck "Gericht" für "ewige Strafe" gebraucht ist, oder sie müssen es wagen, auch den Ungläubigen die Rettung durch Feuer zu versprechen. Denn da der Herr sagt: "Wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet," d.h. für das Gericht bestimmt, so können sie doch das Gericht nicht den schlecht lebenden Gläubigen gleichsam als große Wohltat6 versprechen, da ja auch die Ungläubigen nicht verdammt, sondern bloß gerichtet werden sollen7 . Wagen sie eine solche Behauptung aber nicht aufzustellen, dann sollten sie es auch nicht wagen, jenen, von denen es heißt: "sie werden durch das Gesetz gerichtet werden", ein milderes Los zu versprechen; denn bekanntlich pflegt "Gericht" auch für "ewige Verdammnis" gesetzt zu werden.

Aber wir finden ja sogar, daß diejenigen, die wissentlich sündigen, sich nicht bloß in keiner besseren, sondern sogar in einer schlimmeren Lage befinden. Es gehören dazu aber vor allem diejenigen, die das Gesetz empfangen haben; denn wie geschrieben steht, gibt es keine Übertretung, wo es kein Gesetz gibt8 . Hierher gehört auch die Stelle: "Ich würde keine Begierlichkeit kennen, wenn nicht das Gesetz sagte: Du sollst keine Begierde haben. Sobald darum einmal die Gelegenheit [zur Sünde] vorhanden ist, bewirkt durch das Gebot die Sündlichkeit in mir alle Lust9 ." Daneben gäbe es noch viele andere Stellen beim gleichen Apostel [Paulus]. Von dieser größeren Schuld befreit durch Jesus Christus, unsern Herrn, die Gnade des Heiligen Geistes, der die Liebe in unsere Herzen ausgießt10 und uns dadurch die Liebe zur Gerechtigkeit schenkt11 , damit so die ungemäßigte Begierlichkeit überwunden werde. Damit beschäftigt sich die Auffassung, daß diejenigen, von denen es heißt: "wer durch das Gesetz gesündigt hat, wird durch das Gesetz auch gerichtet werden12 ", nicht bloß nicht milder, sondern sogar noch strenger behandelt werden als diejenigen, die ohne Gesetz gesündigt haben und so auch ohne das Gesetz zugrunde gehen. Auch wird hier deren Gericht nicht eine bloß vorübergehende Strafe genannt, sondern es will als die nämliche Strafe aufgefaßt werden, wie die, mit der auch der Ungläubige gerichtet wird.

44. Diese Schriftstelle benützen diese Leute also dazu, um solchen Menschen, die zwar glauben, aber trotzdem ein ganz schlechtes Leben führen, das Heil durch Feuer zu versprechen, und sie verkünden ihnen: "Die ohne das Gesetz gesündigt haben, werden ohne das Gesetz zugrunde gehen, die aber im Gesetz gesündigt haben, werden durch das Gesetz gerichtet werden13 ", gerade als ob es hieße: "Sie werden nicht zugrunde gehen, sondern durch Feuer gerettet werden." Sie vermochten dabei aber nicht zu beachten, daß der Apostel wohl von solchen Leuten sprach, die ohne Gesetz oder die im Gesetz gesündigt haben, daß er sich aber dabei über den Unterschied zwischen Heiden und Juden äußerte und zeigen wollte, daß nicht bloß den Heiden, sondern beiden [den Juden und den Heiden] zu ihrer Befreiung die Gnade Christi notwendig sei. Das zeigt ja der ganze Römerbrief deutlich. Also auch den Juden, die im Gesetze sündigten und von denen es heißt, "sie werden durch das Gesetz gerichtet werden", wenn sie nicht die Gnade Christi befreit, sollen sie immerhin die Rettung durch Feuer versprechen, da es von ihnen heißt: "sie werden durchs Gesetz gerichtet werden". Tun sie das nicht, dann sollen sie sich hüten, daß sich gegen sie nicht Leute erheben mit der Behauptung, sie [meine Gegner] hätten sich in die schwere Sünde des Unglaubens verstrickt, da sie in einer den christlichen Glauben betreffenden Sache auf Gläubige und Ungläubige das übertrugen, was doch bloß von denen, die ohne Gesetz und denen, die im Gesetz sündigten, gesagt wurde und wobei es sich bloß darum handelte, Juden und Heiden zur Gnade Christi einzuladen.

1: Röm. 2,12.
2: Joh. 5,28ff.
3: Gal. 5,6.
4: Nämlich als ewigen Tod.
5: Joh. 3,18.
6: D.h. als bloß zeitliche, nicht ewig dauernde Strafe
7: Was ja nach ihrer Ansicht als eine bloß zeitliche Strafe wesentlich von der ewigen Verdammnis verschieden ist.
8: Röm. 4,15.
9: Ebd. 7,7f.
10: Ebd. 5,5.
11: Eine andere Lesart bietet delectationem für dilectionem.
12: Röm. 2,12.
13: Röm. 2,12.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Vom Glauben und von den Werken

Navigation
. . Mehr
. . 10. Kapitel: Die Worte ...
. . 11. Kapitel: Die Tatsache, ...
. . 12. Kapitel: Götzendienst ...
. . 13. Kapitel: Johannes ...
. . 14. Kapitel: Der Apostel ...
. . 15. Kapitel: Die Stelle ...
. . 16. Kapitel: Der heilige ...
. . 17. Kapitel: Unverbess...
. . 18. Kapitel: Daß schl...
. . 19. Kapitel: Unbußfer...
. . 20. Kapitel: Nur wer ...
. . 21. Kapitel: Unter ...
. . 22. Kapitel: Nur wer ...
. . 23. Kapitel: Beim Jün...
. . 24. Kapitel: Christliche ...
. . 25. Kapitel: Das vom ...
. . 26. Kapitel: Zusammenf...
. . 27. Kapitel: Rückblick ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger