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Augustinus (354-430) - Vom Glauben und von den Werken (De fide et operibus)

3. Kapitel: Der Apostel Paulus und der Herr selbst mahnen, aus Bruderliebe einen Fehlenden unter Umständen auch zu bestrafen

In welcher Gesinnung der Liebe aber jene barmherzige Strenge angewendet werden soll, das drückt der Apostel nicht bloß an der Stelle aus, wo er sagt: „damit die Seele am Tage der Ankunft des Herrn Jesus gerettet werde1 ", sondern das zeigt er auch ganz deutlich dort, wo er spricht: „Wenn aber jemand unsern in diesem Briefe niedergelegten Worten nicht gehorcht, den merkt euch und habt keine Gemeinschaft mit ihm, damit er beschämt werde; doch meine ich nicht, daß ihr ihn als Feind betrachten sollt: vielmehr weist ihn zurecht als euren Bruder2 !"

4. Auch der Herr, dieses unerreichte Vorbild der Geduld, der sogar unter seinen zwölf Aposteln bis zur Stunde seines Leidens einen Teufel duldete3 , hat gesprochen: „Laßt beides wachsen bis zur Ernte, damit ihr nicht, indem ihr das Unkraut sammeln wollt, zugleich auch den Weizen mitausreißt4 !" Er hat aber auch in dem bekannten Gleichnis von der Kirche vorhergesagt, daß die Netze bis ans Ufer, d.h. nämlich bis ans Ende der Welt, gute und schlechte Fische haben werden5 . So hat er noch mancherlei über die Vermischung der Guten und Bösen bald in klaren Worten, bald in Gleichnissen gesprochen; und doch glaubte er deshalb nicht, man dürfe die Zucht in der Kirche aufgeben. Nein, im Gegenteil: er fordert vielmehr zu ihrer Handhabung auf mit den Worten: "Sehet zu! Wenn dein Bruder gegen dich gesündigt hat, so gehe hin und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er aber nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei mit dir, damit jedes Wort im Munde zweier oder dreier Zeugen liege. Wenn er auf diese gleichfalls nicht hört, so sage es der Kirche; falls er nun aber auch auf die Kirche nicht hört, so sei er dir wie ein Heide oder wie ein Zöllner6 ". An diese Worte fügt er einen vollgültigen Grund zur Furcht vor jener Strenge bei, indem er sagt: Was ihr löset auf Erden, das wird gelöst sein auch im Himmel, und was ihr bindet auf Erden, das wird gebunden sein auch im Himmel7 ." Er verbietet auch, das Heilige den Hunden vorzuwerfen8 . Es besteht aber kein Widerspruch zwischen dem Apostel und dem Herrn, wenn Paulus sagt: „Die Sünder weise in Gegenwart aller zurecht, damit die übrigen Furcht bekommen9 !", während Christus befiehlt: „Weise ihn zurecht unter vier Augen10 !" Denn beides muß man tun, je nachdem es die verschiedene Krankheit derjenigen verlangt, deren Behandlung wir nicht zu ihrem Verderben, sondern zu ihrer liebevollen Besserung übernommen haben; es braucht aber dabei für einen jeden Menschen einen eigenen Weg der Heilung. So gibt es auch in der Kirche Gründe, einen Bösen manchmal zu dulden, als ob man ihn gar nicht sähe, und umgekehrt gibt es wieder Gründe, ihn durch Strafe zurechtzuweisen, ihn gar nicht zuzulassen oder ihn aus der kirchlichen Gemeinschaft wieder auszuschließen.

1: 1 Kor. 5,5.
2: 2 Thess. 3,14f
3: Dieser Teufol war Judas. Vgl. Joh. 6,71
4: Matth. 13,29f.
5: Ebd. 13,47 ff.
6: Matth. 18, 15 ff.
7: Ebd. 18, 18.
8: Ebd. 7, 6.
9: 1 Tim. 5 20.
10: Matth. 18,15.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Vom Glauben und von den Werken

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger