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Augustinus (354-430) - Vom Glauben und von den Werken (De fide et operibus)

16. Kapitel: Der heilige Augustinus gibt seine Erklärung der berühmten Stelle von der Prüfung durch das Feuer

27. Doch da möchte mich vielleicht jemand fragen, was denn ich selbst von jener Stelle des Apostels Paulus halte und wie ich meine, daß man sie auffassen müsse. Ich muß aber gestehen, es wäre mir viel lieber, wenn ich einsichtsvollere und gelehrtere Männer hören könnte, die sie so erklären, daß mein ganzerobiger Erklärungsversuch und was man sonst noch hiezu anführen könnte, als unumstößlich wahr feststünde. Durch solche Stellen [wie ich sie dort anführte] bezeugt aber die Heilige Schrift ganz unzweideutig, daß nur der vom Apostel umschriebene Glaube von Nutzen sei, nämlich der Glaube, der durch die Liebe wirksam ist1 ; fehlten aber die Werke, dann könne er nicht retten, und zwar weder mit noch ohne Feuer; denn würde er wenn auch nur durch Feuer retten, dann gereichte er ja immerhin zur Rettung. Es heißt aber ganz bedingungslos und deutlich: "Was nützt es, wenn einer sagt, er habe den Glauben, wenn er aber keine Werke besitzt? Wird ihn ein solcher Glaube retten können2 ?"

Aber ich will doch so kurz als möglich meine eigene Ansicht über diesen so schwer verständlichen Ausspruch des Apostels Paulus darlegen. Doch was ich damit auch verspreche, so mag man vornehmlich daran festhalten, daß ich hierüber, wie gesagt, lieber tüchtigere Männer hören würde.

Das bedarf keiner Erklärung, daß im Gebäude eines weisen Baumeisters Christus das Fundament bildet. Es heißt ja ganz deutlich: "[Denn] ein anderes Fundament kann niemand legen als das [durch Paulus] bereits gelegt ist, nämlich Christus Jesus3 . Wenn es aber heißt "Christus", so heißt das ohne Zweifel soviel als "der Glaube an Christus". Denn durch den Glauben wohnt Christus in unserem Herzen, wie der gleiche Apostel4 sagt. Dieser Glaube an Christus ist aber sodann gewiß kein anderer als der, den der Apostel mit den Worten umschrieben hat: "Der Glaube, der durch die Liebe wirksam ist5 ." Denn der Glaube der Teufel, die ja auch glauben und zittern6 und Jesus als den Sohn Gottes bekennen, kann ja nicht als Fundament des Glaubens aufgefaßt werden; ihr Glaube ist ja nicht durch die Liebe wirksam, sondern nur durch die Furcht erzwungen. Der Glaube an Christus also, der Glaube der christlichen Gnade, d. h. der Glaube, der durch die Liebe wirksam ist, läßt, wenn er einmal als Fundament gelegt ist, niemanden zugrunde gehen.

Soll ich aber nun eingehender darlegen, was es heißt, auf diesem Fundament Gold, Silber und kostbare Steine oder aber Holz, Heu und Stoppeln zu bauen so dürfte, fürchte ich, die Auslegung etwas schwer verständlich sein. Ich will es aber doch mit Gottes Hilfe versuchen, kurz und so gut als möglich meine Ansicht klar darzulegen: erinnern wir uns wieder an jenen Menschen, der den guten Meister darum fragte, was er denn tun müsse, um das ewige Leben zu erlangen7 . Darauf bekam er als Antwort zu hören, wenn er zum Leben eingehen wolle, dann müsse er die Gebote beobachten, und als er weiter fragte, was denn für Gebote, da wurde ihm gesagt: "Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis geben; ehre deinen Vater und deine Mutter; liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Dies also solle er tun im Glauben an Christus. Damit war ohne Zweifel gemeint, er solle an einem Glauben festhalten, der durch die Liebe wirksam ist; denn hätte er die Gottesliebe nicht, ohne die wiederum eine Eigen liebe nicht möglich ist, dann würde er auch seinen Nächsten nicht lieben können wie sich selbst. Würde er dann auch noch den weiteren Rat des Herrn erfüllen: "Wenn du vollkommen sein willst, so gehe hin und verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, um einen Schatz im Himmel zu haben; und dann komme und folge mir nach!", so würde er auf jenes [in Christus gelegte] Fundament Gold, Silber und Edelsteine bauen. Denn er wäre dann nur auf das bedacht, was Gottes ist und wie er Gott gefallen könne8 , und eine solche Gesinnung wäre, wie ich meine, Gold, Silber und Edelgestein. Wenn sich aber nun einer geradezu von sinnlicher Liebe zum Reichtum ergreifen ließe und trotz vieler Almosen, die er trotzdem von seinem Reichtum gibt, zu dessen Vermehrung sogar an Betrug und Raub dächte oder aus Furcht vor einer Verminderung oder einem Verlust desselben sogar in ein schändliches Verbrechen fiele: der hätte sich dadurch bereits von dem festen Fundament entfernt. Wenn er jedoch, wie gesagt, in fleischlicher Liebe zum Reichtum nur soweit ginge, daß er derlei Güter nur mit Schmerz vermissen würde, so würde er auf sein Fundament Holz und Heu und Stoppeln bauen, und zwar vorzüglich dann, wenn er auch noch ein Weib hätte, so daß er auch ihretwegen an das dächte, was der Welt ist und wie er seinem Weibe gefallen könne9 . Weil man sich also von dem, was man mit fleischlicher Zuneigung liebt, nicht ohne Schmerz trennt, deshalb gelangen jene, die es so besitzen, durch den Schaden, den sie bei seinem Verlust erlitten haben, gewissermaßen durch das Feuer des Schmerzes zum Heile; denn im Fundament haben sie ja den durch die Liebe tätigen Glauben und ziehen ihm jene Güter aus keinem Grund und aus keiner Begierde vor. Je weniger einer aber diese Güter liebt und je mehr er sie so besitzt, als besäße er sie nicht10 , um so sicherer ist er vor dem Schmerz über ihren Verlust. Wer aber jene Güter so liebt, daß er, um sie zu behalten oder zu erlangen, sogar Mord, Ehebruch, schamlose Taten, Götzendienst und ähnliche Verbrechen begeht, der wird trotz seines Fundamentes nicht durch Feuer gerettet, sondern nach Verlust des Fundamentes mit ewigem Feuer gequält werden.

28. Um die Kraft, die schon im Glauben allein liegt, zu beweisen, führen sie noch eine andere Stelle an. Der Apostel sagt nämlich: "Will der Ungläubige seine Ehe scheiden, dann scheide er sie! Denn der [christliche] Bruder oder die [christliche] Schwester sind in diesem Falle nicht gebunden11 ." Das heißt, man darf wegen des Glaubens an Christus selbst die rechtmäßig angetraute Ehegattin ohne alle Schuld verlassen, wenn sie mit dem christlichen Mann wegen seines christlichen Bekenntnisses nicht mehr leben will. Meine Gegner aber beachten nicht, daß eine solche Frau mit Fug und Recht entlassen wurde, wenn sie zu ihrem Manne sagte: "Ich kann deine Gattin nicht mehr sein, wenn du mir nicht Reichtum zusammenraubst oder wenn du die gewohnte Kuppelei, die unser Haus leidlich unterhielt, nicht auch als Christ noch weiter treibst", oder wenn sie sonst noch etwas Schlechtes und Schändliches an ihrem Manne wußte, woraus sie Vergnügen, Befriedigung ihrer Lüsternheit, leicht erworbenen Unterhalt und feinen Kleiderputz gewann. Ein Mann nun, zu dem sein Weib also spricht, wird sich, wenn anders er sich bei seiner Taufe wahrhaft von seinen bösen Werken bekehrt hat und den in Liebe tätigen Glauben als Fundament besitzt, ohne Zweifel mehr von der Liebe zur göttlichen Gnade als zum Fleische seines Weibes hingezogen fühlen und wird starkmütig ein Glied abhauen, das ihm zum Verhängnis wird. Der Schmerz, den er bei dieser Trennung in seinem Herzen aus fleischlicher Liebe zu seinem Weibe verspürt, das ist der Verlust, den er erleidet, und das Feuer, durch das er selbst gerettet werden wird, während das Heu verbrennt. Wenn er aber sein Weib schon besaß, als besäße er es nicht, d.h. nicht aus Begierlichkeit, sondern aus Barmherzigkeit, in der Hoffnung, es vielleicht auch noch zu retten, und wenn er selbst die eheliche Pflicht mehr leistet als daß er sie [als ein gutes Recht] fordert, dann wird er ganz gewiß keinen leiblichen Schmerz empfinden, wenn er sich von einem solchen Ehebund lösen muß; war er ja doch an der Seite seines Weibes nur auf das bedacht, was Gottes ist und wie er Gott gefalle12 . Und deshalb würde er in dem Grade, als er auf eine solche Gesinnung Gold und Silber und Edelsteine aufbaute, keinen Schaden leiden; denn sein Gebäude, das ja nicht aus Heu erbaut ist, würde durch keinen Brand in Flammen aufgehen.

29. Ob nun die Menschen nur in diesem Leben solches erdulden müssen oder ob auch nach diesem Leben noch manches Strafgericht dieser Art erfolgt, so widerspricht doch meiner Ansicht nach diese Auffassung unserer Schriftstelle ihrem Wahrheitsgrunde nicht. Aber auch wenn ein anderer, mir unbekannter Sinn vorzuziehen wäre, so brauchen wir doch, solange wir an dem von mir angegebenen Sinn festhalten, "den Ungerechten und Ungehorsamen, den Verbrechern und Unreinen, den Vater- und Muttermördern, den Totschlägern, den Hurern und Knabenschändern, den Menschenräubern, den Lügnern und Meineidigen und was sonst noch der gesunden Lehre gemäß dem herrlichen Evangelium des seligen Gottes zuwider ist13 ", nicht zu sagen: "Wenn ihr nur an Christus glaubt und sein Sakrament der Taufe empfangt, so werdet ihr doch gerettet werden, auch wenn ihr euer ganz schlechtes Leben nicht ändert."

30. Auch das kananäische Weib kann uns nicht zur Preisgabe unserer Überzeugung zwingen, etwa deshalb, weil ihm der Herr seinen Wunsch erfüllte, obgleich er zuvor noch zu ihm gesagt hatte: "Es ist nicht gut, das Brot der Kinder zu nehmen und es den Hunden vorzuwerfen14 ." Denn er, der die Herzen prüft, sah eben seine Bekehrung; darum lobt er das Weib und sagte nicht mehr zu ihm: "Du Hund, groß ist dein Glaube", sondern: "Weib, groß ist dein Glaube." Er änderte die Anrede, weil er auch die Gesinnung [des Weibes] verändert sah und erkannte, daß jener Tadel Frucht getragen hatte. Sonderbar aber wäre es gewesen, hätte er an ihm einen Glauben ohne Werke gelobt, d.h. einen Glauben, der nicht schon durch die Liebe wirken könnte, sondern einen toten Glauben, nicht einen Glauben der Christen, sondern einen Glauben der Teufel, wie ihn Jakobus ohne das geringste Bedenken genannt hat15 . Wollen sie endlich nicht einsehen, daß jene Kananäerin ihre verderbten Sitten geändert hat, als sie der Herr mit verächtlichem Tadel zurückwies, dann sollen sie nur, wenn sie können, geradeso wie die Tochter des kananäischen Weibes geheilt worden ist, ihrerseits die Kinder all derjenigen heilen, die nur glauben, aber ihr schuldbeflecktes Leben nicht einmal verheimlichen, sondern es sogar offen zur Schau tragen und es nicht bessern wollen; nicht aber sollen sie diese zu Gliedern Christi machen, da sie selbst nicht aufhören, Glieder einer Buhlerin zu sein. Darin haben sie Verstand gezeigt, daß sie einsehen, derjenige sündige gegen den Heiligen Geist und sei ohne Hoffnung auf Verzeihung einer ewigen Sünde schuldig, der bis ans Ende seines Lebens nicht an Christus glauben will. Möchten sie es aber doch recht einsehen, was es denn heißt: an Christus glauben; das heißt aber nicht den Glauben der Teufel haben, der mit Recht für tot gehalten wird, sondern einen Glauben, der durch die Liebe wirksam ist.

1: Gal. 5,6.
2: Jak. 2,14.
3: 1 Kor. 3,11.
4: Eph. 3,17.
5: Gal. 5,6.
6: Jak. 2,19.
7: Matth. 19,16ff.
8: 1 Kor. 7,32.
9: 1 Kor. 7,33.
10: Ebd. 7,30.
11: Ebd. 7,15.
12: 1 Kor. 7,32.
13: 1 Tim. 1,9ff.
14: Matth. 15,26.
15: Jak. 2,19.

 

 

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Einleitung: Vom Glauben und von den Werken

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger