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Athanasius (295-373) - Über die Menschwerdung des Logos und dessen leibliche Erscheinung unter uns (De incarnatione Verbi)

47.

Auch war ehedem alles voll vom Truge der Orakel, und die Orakel in Delphi1, Dodona2, Böotien3, Lycien4, Libyen, Ägypten, bei den Kabiren5 und die Pythia6 fesselten die Phantasie der Menschen. Jetzt aber, seitdem Christus überall verkündet wird, hat auch dieser Wahn ein Ende genommen, und es gibt bei ihnen keinen Wahrsager mehr. Einst täuschten die Dämonen mit ihrem Blendwerk die Menschen, ließen sich vornehmlich nieder an Quellen oder Flüssen, im Holz oder Stein und schreckten so mit ihren Gaukeleien die Einfältigen. Jetzt aber, nach der göttlichen Erscheinung des Logos, hat dieser Spuk aufgehört. Mit dem bloßen Kreuzeszeichen verscheucht der Mensch ihren Trug. Ehedem hielten die Menschen die bei den Dichtern erwähnten Götter Zeus, Kronos, Apollo und die Heroen für wirkliche Götter und verehrten sie in ihrem Wahne. Kaum aber war der Heiland unter den Menschen erschienen, da wurden jene bloßgestellt als sterbliche Menschen, und Christus allein ward unter den Menschen als wahrer Gott erkannt, als Gott der Logos Gottes. Was soll man aber von ihrer so hochgehaltenen [S. 655] Zauberkunst sagen? Ehe der Logos erschienen war, spielte sie eine große Rolle bei den Ägyptern, Chaldäern und Indern und setzte die Zuschauer in Staunen. Doch mit der Ankunft der Wahrheit und der Erscheinung des Logos ward auch sie gerichtet und zum Tod verurteilt. Was aber die heidnische Weisheit und das Wortgepränge der Philosophen anlangt, so glaube ich, daß wir darob kein Wort zu verlieren brauchen, liegt doch das Wunder offen da, daß die heidnischen Philosophen mit all ihren Schriften nicht einmal ein paar Leute aus ihrer nächsten Umgebung von der Unsterblichkeit zu überzeugen und zu einem Tugendleben zu führen vermochten, während Christus in einfachen Worten und mit Leuten, die nicht redegewandt waren, den ganzen Erdkreis bevölkerte mit Gemeinden und sie dahinbrachte, den Tod zu verachten, an das Unsterbliche zu denken, über das Zeitliche wegzusehen, auf das Ewige es abzusehen, die Erdenherrlichkeit für nichts zu achten und allein nach dem Himmlischen zu trachten.

1: Berühmtes Orakel des Apollo in Phokis am Fuße des Parnaß. Pythia ward Apollo’s Priesterin, welche die Orakel erteilte.
2: Ein uralter Orakelsitz des Zeus in Epirus, in der Nähe des Sees von Jannina. Die Orakel wurden hier entweder nach dem Rauschen der heiligen Eiche oder nach dem Flug der hl. Tauben erteilt.
3: Böotien war vor Zeiten nach Plutarchs Angaben die Heimat mehrerer Orakelstätten.
4: Zu Patara, einer Seestadt Lyciens in Kleinasien, existierte ein Orakel des Apollo.
5: ἐν καβείροις. Athanasius scheint an eine Örtlichkeit gedacht zu haben, fraglich an ein Orakel in der pontischen Stadt Kabira. Doch wahrscheinlicher dachte er an das bekannte Orakel der Kabiren, die besonders auf Samothrake und Lemnos in den sog. samothrakischen Mysterien verehrt wurden.
6: Auffallend, daß Athanasius das Phytiaorakel noch einmal gesondert von dem Orakel in Delphi nennt.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu "Gegen die Heiden" und "Über die Menschwerdung"
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger