Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Athanasius (295-373) - Über die Menschwerdung des Logos und dessen leibliche Erscheinung unter uns (De incarnatione Verbi)

5.

Gott hat uns ja nicht nur aus dem Nichts erschaffen, sondern durch die Gnade des Logos uns auch ein gottgleiches Leben verliehen. Da aber die Menschen das Ewige von sich wiesen und auf Eingebung des Teufels sich dem Vergänglichen zuwandten, so haben sie selber damit ihre Vergänglichkeit im Tode verschuldet; sie waren ja wohl, wie vorhin bemerkt, von Natur aus sterblich, wären aber diesem natürlichen Los dank ihrer Teilnahme am Logos entronnen, wenn sie gut geblieben wären. Denn um des Logos willen, der mit ihnen war, hätte die naturgemäße Vernichtung sie nicht betroffen, wie auch die Weisheit sagt: "Gott hat den Menschen zur Unverweslichkeit erschaffen und als Bild seiner eigenen Ewigkeit; aber durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt"1. Wie aber das geschehen war, begann das Sterben der Menschen; die Vergänglichkeit gewann nunmehr und entfaltete um so stärkere Macht über das ganze Geschlecht denn der natürliche Urstand2, als sie auch die Drohung Gottes wegen der Übertretung des Gebotes ihnen gegenüber voraus hatte. Denn auch bei ihren Verfehlungen blieben die Menschen nicht bei bestimmten Grenzen stehen, sondern sie kamen nach und nach immer weiter und haben schließlich kein Maß mehr gekannt3. Zuerst wurden sie zu Erfindern der Bosheit und beschworen gegen sich herauf Tod und Verderben. Dann verfielen sie in Ungerechtigkeit und überboten sich in aller Gesetzwidrigkeit, blieben nicht bei einer Schlechtigkeit stehen, sondern ersannen immer neue zu neuen und sind so im Sündigen unersättlich geworden. Ehebruch und Diebstahl waren allenthalben [S. 609] an der Tagesordnung; von Raub- und Mordtaten voll war die ganze Welt. Kein Gesetz wußte der Verderbnis und Ungerechtigkeit zu wehren. Alle Missetaten wurden vereinzelt und im Bunde von allen verübt. Staaten führten gegen Staaten Krieg; Völker erhoben sich gegen Völker; der ganze Erdkreis war durch Zwietracht und Kampf gespalten, indes ein jeder den anderen im Sündigen zu überbieten suchte. Nicht einmal von widernatürlichen Lastern hielten sie sich frei, sondern wie der Apostel, der Zeuge Christi, sagte: "Ihre Weiber verkehrten den natürlichen Umgang in den widernatürlichen; ebenso gaben auch die Männer den natürlichen Umgang mit dem Weibe auf und entbrannten in ihren Begierden zueinander, indem Männer mit Männern Schändliches trieben und den verdienten Sold ihrer Verirrung an sich selbst empfingen"4.

1: Weish. 2, 28, 24.
2: Gemeint ist der status naturae purae.
3: Den näheren Nachweis solch sittlicher Entartung gab Athanasius im 1. Buch cc. 5 ff.
4: Röm. 1, 26.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu "Gegen die Heiden" und "Über die Menschwerdung"
Bilder Vorlage

Navigation
. .  1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. . 8.
. . 9.
. . 10.
. . 11.
. . 12.
. . 13.
. . 14.
. . 15.
. . 16.
. . 17.
. . 18.
. . 19.
. . Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger