Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Athanasius (295-373) - Über die Menschwerdung des Logos und dessen leibliche Erscheinung unter uns (De incarnatione Verbi)

4.

Vielleicht wunderst du dich etwas, daß wir, die wir uns doch vorgenommen haben, von der Menschwerdung des Logos zu reden, jetzt vom Ursprung der Menschen handeln. Doch auch das hängt mit dem Zweck unserer Abhandlung zusammen. Wenn wir von der Erscheinung des Heilands unter uns reden wollen, so müssen wir auch vom Ursprung der Menschen reden, um zu [S. 607] erkennen, daß unsere Schuld Anlaß zu seiner Herabkunft gegeben und unsere Sünde die Menschenliebe des Logos herausgefordert hat, so daß der Herr zu uns kam und unter den Menschen erschien. Wir sind die Ursache seiner Verkörperung (ἐνσωματώσεως). Und um unseres Heiles willen offenbarte er seine Menschenliebe, wollte in einem menschlichen Leibe geboren werden und erscheinen.

So also hat Gott den Menschen erschaffen und ihn in der Unsterblichkeit belassen wollen. Die Menschen jedoch würdigten den geistigen Verkehr mit Gott wenig, kehrten sich davon ab, erdachten und ersannen sich die Bosheit, wie im ersten Teil ausgeführt wurde, und verfielen dem angedrohten Todesurteil. Jetzt sollten sie auch nicht mehr so bleiben, wie sie geschaffen worden sind, vielmehr sanken sie entsprechend ihrer Denkart immer tiefer, und der Tod wurde ihr Gewaltherr. Denn die Übertretung des Gebotes warf sie auf ihren natürlichen Urstand zurück, so daß sie, wie aus dem Nichts geworden, so auch mit Recht nach Ablauf der Zeit den Verlust ihrer Existenz zu gewärtigen hatten. Denn wenn es in ihrer Natur lag, einmal nicht zu sein, und sie erst durch das Eingreifen und die Menschenliebe des Logos ins Dasein gerufen wurden, so ergab sich als natürliche Folge, daß die Menschen mit dem Verlust ihrer Gottesvorstellung und mit ihrer Abkehr zum Nichtseienden - nichtseiend ist das Böse, seiend das Gute, weil ja vom Seienden Gott ausgegangen - auch ihrer ewigen Existenz verlustig gingen, das heißt aber, daß sie der Auflösung anheimfielen und im Tod und in der Verwesung verblieben. Tatsächlich ist ja der Mensch von Natur aus sterblich, da er aus dem Nichts entstanden ist. Doch dank seiner Ähnlichkeit mit dem Seienden hätte er in dem Falle, daß er sie mit einer richtigen Herzensstellung zu ihm bewahrt hätte, die naturgemäße Auflösung von sich ferngehalten und wäre unverweslich geblieben, wie ja die Weisheit sagt: "Die Beobachtung der Gebote ist die Sicherung der Unverweslichkeit"1. Wenn aber unverweslich, dann hätte er fortan wie Gott [S. 608] gelebt, wie dies auch irgendwo die göttliche Schrift zum Ausdruck bringt, wenn sie sagt: "Ich habe gesagt: Götter seid ihr und Söhne des Höchsten allzumal. Doch Menschen gleich sterbet ihr dahin und fallet wie einer der Fürsten"2.

1: Weish. 6, 19.
2: Ps. 81, 6.7.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu "Gegen die Heiden" und "Über die Menschwerdung"
Bilder Vorlage

Navigation
. .  1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. . 8.
. . 9.
. . 10.
. . 11.
. . 12.
. . 13.
. . 14.
. . 15.
. . 16.
. . 17.
. . 18.
. . 19.
. . Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger