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Syrische Dichter
Sämtliche Gedichte des Cyrillonas

1. Bittgesang für das Allerheiligenfest des Jahres 396 über die Heuschreckenplage und andere Strafgerichte, insbesondere den Hunnenkrieg.

Text: Cod. add. Mus. Br. 14 591, S. 72-75; Bickell, ZDMG. 27 [1873], S.583-591. – Die Überschrift lautet wörtlich: "Madrasche über die Heuschrecke und die Züchtigung und den Hunnenkrieg von Cyrillonas." Die Madrasche sind Hymnen oder Oden, welche aus vollkommen gleichförmigen Strophen bestehen. Die Strophe hat eine bestimmte Anzahl von Verszeilen, deren Silbenzahl sich entweder gleichbleibt oder wechselt. Am Schluss jeder Strophe antwortet das Volk mit einem Refrainvers. Die Strophen unseres Madraschas bestehen aus 13 Versen; diese sind sämtlich fünfsilbig mit Ausnahme des neunten, der sieben Silben hat. Dieses Schema ist aber nur zweimal durchgeführt, indem das Gedicht nachher die Form eines Mimra annimmt. Mimra nennt man ein zwanglos verlaufendes Gedicht, welches aus lauter Verszeilen von gleicher Silbenzahl besteht und nicht durch strophischen Bau gebunden ist. Dia erste Ode des Horaz wäre demnach ein Mimra, die zweite ein Madrascha. Unser Mimra besteht aus viersilbigen Versen, von welchen allerdings je vier gewöhnlich enger zusammengehören, ohne dass jedoch dadurch Strophen oder trennende Sinnesabschnitte entstehen. Es fragt sich nun, ob diese beiden Bestandteile unseres Gedichtes ursprünglich zusammengehörten. Offenbar sind beide bei derselben Feier gesungen worden; denn sowohl in dem Madrascha als in dem Mimra finden sich deutliche Beziehungen auf ein damals gefeiertes Fest aller Märtyrer und Heiligen. Sie folgten sich also wohl unmittelbar und stehen in enger Beziehung zu einander; doch muss ursprünglich jedes ein selbständiges Gedicht gewesen sein. Das Madrascha hat jedenfalls noch viele folgende Strophen enthalten, welche der Abschreiber, der, wie wir sehen werden, noch ein anderes Gedicht des Cyrillonas verkürzte, weggelassen hat.

Hieraus ergibt sich ein wichtiges Argument für die Identität unseres Cyrillonas mit Absamias, dem Neffen des hl. Ephräm, welcher Madrasche und Mimre über den Hunneneinfall gedichtet hat. Denn auch Cyrillonas spricht in seinem Mimra ausdrücklich von den Hunnen; dass er aber auch in seinem Madrascha, von welchem uns leider nur die beiden ersten Strophen erhalten sind, diese wilden Horden erwähnt habe, ergibt sich aus dessen Überschrift. Auch Cyrillonas hat also Madrasche und Mimre über den Hunneneinfall verfasst.

Unser Gedicht beginnt mit der Aufforderung, das Erbarmen Gottes durch die Vermittlung seiner Heiligen inständig zu erflehen, welche im Namen der Kirche von Edessa [oder welche Stadt sonst die Heimat des Cyrillonas sein mag] an die Gläubigen der Diözese ergeht. Dann lässt der Dichter zunächst die Welt vor Gott Klage erheben über die furchtbaren Drangsale der letzten Jahre, den Hunnenkrieg, den Regenmangel, die Heuschreckenplage und die Erdbeben. Hierauf lässt er die Kirche in Gemeinschaft mit den Heiligen um Barmherzigkeit bitten, indem sie Gott vorstellen, wieviel Frömmigkeit und Heiligkeit sich doch immerhin neben der Sündenschuld in der Christenheit vorfinde.

Wahrscheinlich wurde unser Lied bei einem Bittgesänge gesungen, wie solche damals teils außergewöhnlicherweise bei Erdbeben, Regenmangel oder anderen öffentlichen Heimsuchungen, teils regelmäßig an bestimmten Tagen des Jahres abgehalten wurden.

Wir geben das Madrascha in der Übersetzung Bickells im Metrum des Originals1 . Von weiteren derartigen Proben müssen wir mit Rücksicht auf die Genauigkeit der Übersetzung, die durch Einzwängung in ein der deutschen Sprache fremdes Metrum bedeutend leiden würde, absehen. Wir können dies um so leichter, als ja schließlich besonders die Mimre ohnehin nichts anderes sind als versifizierte, wenn auch schwungvoll gehaltene Prosa.

In der Not ruf ich
Deine Freunde an
Dass sie für mich flehn,
Zu besänft'gen Dich.
Meinen Schmerz bring' ich,
Jene ihr Gebet;
Auf mein Leid zeig' ich,
Heil erzeigen sie.
Durch die Freunde Dein bitt' ich,
Hemm' das Strafgericht [10]
Der Gerechtigkeit,
Und verschon' die Frucht
Für Dein Opfer, Herr!

Dich erhöhe heut
Deiner Heil'gen Fest!
Ihr Gedenktag bring'
Preis, Anbetung Dir!
Ihr Gebein hast Du
Uns zum Schatz gemacht,
In die Handvoll Staub [20]
All Dein Gut versenkt,
Ein unendlich Meer, das einst
Eine Jungfrau trug,
Und ein Kreuz erhob
Und ein Grab umschloss
Dem der Himmel dient!2

O meine Brüder, ihr Söhne der Kirche, versammelt euch und kommt! Lasst uns die Rüstung [30] des Glaubens anziehen und die Gesänge der Propheten anstimmen! Lasst uns die Melodien der Psalmen auf den Zithern der Herzensohren modulieren! Wir haben einen Kampf zu bestehen, lasst uns nicht lässig werden! Wir haben zu ringen [40], lasst uns nicht lau werden! Ergreifen wir das Schwert des strahlenden Kreuzes, fassen wir die Lanze des gebenedeiten Gekreuzigten, füllen wir den Köcher unserer Herzensreinheit mit den scharfen Pfeilen der Gebete! Seht den Panzer [50], aus Wasser geschmiedet, die verborgene Rüstung, welche die Taufe verleiht, seht die Dornenkrone auf dem Haupte unseres Königs, seht den Sieg durch die rechte Hand unseres Herrschers! Seht, die Schwerter sind nutzlos geworden, die Kriege haben ihr Ende erreicht, und die Landleute [60] tragen die Gaben heim! Seht, die Schlange ist zertreten, der Tod getötet, der Böse gestürzt, die Lüge vernichtet, die Festigkeit erbaut und die Wahrheit siegreich!

O ihr Auserwählten, bereitet euer Herz, fasst euch bei den Händen [70] und lobsinget im Wechselchor, tretet auf den Bösen mit den Fersen der Stimme und stampft auf den Irrtum durch Lufterschütterung! Ein jeder fülle die Schleuder seines Mundes mit harten Kieselsteinen von Lobgesängen aller Art! Lasst uns Heerscharen aufstellen [80] in den Herzen und Streitkräfte anordnen in den Seelenkräften! Auf den Höhen des Gewissens lasst uns beredte Legionen aufstellen!

Denn eine feindliche Heerschar ist gegen unseren Ort ausgezogen und [90] bedeckt gleich Serach3 unser Land. Durch sein Gebet besiegte der König Asa ohne Streiter tausendmal Tausende. Uns aber, o Brüder, stehen Heerscharen4 zu Gebote, welche ihre Siegeskronen errangen, indem sie getötet wurden; denn das Schwert [100], welches ihren Hals traf, brachte ihrem Haupte die Krone, und das Blut, welches von ihren Seiten herabströmte, ist eine Arznei des Lebens für die Welt geworden.

Wolken von Heuschrecken breiten ihre Flügel aus und bedecken unser Land [110] mit ihren Scharen. Statt der Regentropfen erhalten wir diese Schwertträger, statt des Taues die Lanzenführer, statt der Wolkengüsse zur Tränkung unseres Bodens müssen wir sehen, wie jene ihre Beile gegen unsere Pflanzen wetzen. Lasst uns denn die Stimmen [120] der Gebete wetzen und ihnen entgegen ziehen in der Rüstung des Geistes; unser Flehen möge sich höher aufwärts schwingen als ihre Flügel, unser Lobpreis schneller empor dringen als ihr Fuß! Lasst uns den Türen ihres Maules einen Riegel vorschieben [130] und das Grab ihres Bauches verstopfen! Denn seht, sie verschlingen uns lebendig, noch ehe wir gestorben sind. Die Schlange frisst Erde, verhält sich aber dann ruhig und lässt ab von ihrem Trug; sie wurde ihrer Füße beraubt5 ; weil ihr Mund [140] Lügen geredet hatte, deshalb hüllte und verstopfte man ihr den Mund mit Erde. Aber die Heuschrecke ist weit schlimmer als die Schlange, denn statt der Erde frisst sie uns das Brot weg. O Herr, der Du mächtiger bist als die Kraft ihrer Bosheit, reiß aus ihre Füße [150] und schneid' ab ihre Flügel, zerbrich ihre Zähne und lass ihren Bauch zerplatzen gleich jenem babylonischen Drachen!6

Das Land ist krank und Dein Heilmittel ist scharf; die Welt ist schwach und Deine Züchtigung gewaltig; die Schöpfung ist kraftlos [160] und Deine Kraft furchtbar; die Menschen sind zu Boden gestreckt und Deine Zuchtruten geschwungen. Nicht verlange ich, dass Du so für mich besorgt sein sollst wie für Simon Petrus7 ; aber dennoch lass auch mich mein Seufzen vor Dir ausgießen! Während ich rede, lass mich wenigstens wieder etwas aufatmen und gewähre mir einige Erholung gleich dem Ijob8 [170] Wenn ich wieder gesund bin, dann magst Du mich immerhin züchtigen, zuvor aber warte ein wenig, bis ich erst etwas zu Atem gekommen bin! Wenn auch nur ein einziger heiler Fleck an mir ist, dann magst Du mich geißeln und zerschlagen, soviel es Dir beliebt. Leiden umringen mich, [180] Schmerzen stechen mich; vergönne mir wenigstens zu reden und Dir mein Leid zu klagen! Als Deine Magd falle ich vor Dir nieder; Du, als mein Herr, strecke Deine Hand nach mir aus!

Durch ein einziges Wort erschuf uns Dein Wille und ward ich Mutter; [190] durch einen einzigen Tropfen Deiner Gnade heile meine Kinder und verscheuche meine Schmerzen! Wenn die Kranke, die Deine Gewänder erfasste, durch Deinen Mantel Heilung empfing9 , um wie viel mehr wird mir, da ich Deinen ganzen Leib ergriffen habe10 , [200] Hilfe und Heil zuteil werden!

Die Erde und die Kirche erscheinen, um vor dem Richter für ihre Kinder Fürbitte einzulegen gleich mitleidsvollen Müttern; als Bestechung bringen sie Tränen herbei. [210] Brüder, lasst uns ihre Worte anhören, mit denen sie für uns flehen!

Zuerst beginnt die Erde seufzend und klagend also zu sprechen; "Löse mich nun auf, o Herr, denn weshalb [220] soll ich noch fortbestehen nach solch bösen Zeiten? Gestatte mir jetzt zu vergehen; denn allzuviel habe ich leiden müssen. Zerstöre mich entweder oder erneuere mich! Einst befahl mir Dein Wink und ich gebar den Adam11 , aber ehe ich mich noch über seine Geburt freuen konnte, [230] erhobst Du Dich, um mich zu züchtigen und zu geißeln. Dann, ehe ich mich noch recht erholen konnte, bedrängte mich schon wieder ein zweiter, noch schlimmerer Schmerz. Denn ich musste das Blut meines lieben Abel trinken12 , welches Kain vorzeitig auspresste. [240] Und so bin ich von Anfang an bis auf diesen Tag stets von allerlei Drangsalen erfüllt!

Täglich Unruhe, täglich Unglücksnachrichten, stündlich Schicksalsschläge, nichts als Kämpfe! Das Morgenland hat Dein Wink in die Gefangenschaft abgeführt [250], und seine zerstörten Städte bleiben unbewohnt. Das Abendland wird gezüchtigt, und seiner Städte haben sich Völker bemächtigt, welche Dich nicht kennen. Tot sind die Kaufleute, verschwunden die Gelübde, verwitwet die Frauen, aufgehört hat das Opfer. [260] Der Norden ist bedrängt und von Kampf erfüllt; ja wenn Du, Herr, nicht einschreitest, werde ich abermals verwüstet werden! Wenn mich die Hunnen, o Herr, besiegen werden, warum habe ich dann meine Zuflucht zu den heiligen Märtyrern genommen? Wenn ihre Schwerter meine Söhne erwürgen werden, [270] warum habe ich dann Dein erhabenes Kreuz umfasst? Wenn Du ihnen meine Städte überliefern willst, wo bleibt dann der Ruhm Deiner heiligen Kirche? Noch ist nicht ein Jahr darüber verflossen, seit jene auszogen, mich verwüsteten und meine Kinder gefangen nahmen; [280] und siehe, sie drohen nun wiederum, zum zweiten Male unser Land zu demütigen! Ach Herr, gib doch nicht die Lämmer den Panthern preis, nicht die Schafe den unreinen Wölfen! Nicht möge die Hand der Gottlosen [290] über das Reich herrschen, welches Dich ehrt; nicht mögen die Könige, welche vor Deiner Herrschaft zittern, von den Ungläubigen zertreten werden! Lass vielmehr umgekehrt diese zertreten werden unter den Füßen der Könige, welche in die Tore Deiner Kirche eintreten! [300] Halte ein mit Deiner Züchtigung, denn ich bin mit Dir vereinigt; wenn Du mich schlägst, so triffst Du Dich selbst. Denn Dein Leib ist in mir, lass ihn nicht beschimpft werden; Deine Geheimnisse sind in mich eingegangen, lass sie nicht verspottet werden! Selbst die Gnade ist nur dann schön, wenn sie geordnet ist; [310] um wie viel mehr wirst Du also Deiner Züchtigung Maß und Ziel setzen? Auch der Süden, welcher erfüllt ist von allen Deinen Wundern, Deiner Empfängnis, Geburt und Kreuzigung, der noch jetzt den Wohlgeruch Deiner Fußstapfen aushaucht, wo Du gewandelt bist, den Du gesegnet hast [320], in dessen Strome Deine Taufe stattfand13 , in dessen Schiloach Du geheilt hast14 , in dessen Krügen Dein kostbarer Wein war15 und in dessen Schoße Deine Jünger zu Tische lagen, auch er wird gleich den anderen Himmelsgegenden [330] gezüchtigt durch die grausamen Horden, die sich auch in ihm gezeigt haben.

Siehe, zu allen Zeiten versteht Dein Wink stets neue Geißeln, Züchtigungen und Schläge herbeizurufen. Schon zwei Jahre hindurch war die Regenzeit spärlich gewesen und hatte die Milch der Himmelsbrüste abgenommen [340]. Die Saaten schwanden dahin und die Kräuter vertrockneten, weil wir statt des Märzes einen Juli bekommen hatten. Der März, welcher sonst voll Tau und Regen ist, ließ Schweißströme von uns herabregnen. Die Leute tränkten die Erde mit ihren Tränen [350] und auf den Äckern schrien die Kinder; denn die Quellen waren ausgeblieben und die Zisternen vertrocknet. Da lernten die Menschen um Wasser betteln; wer Brot verschenkte, bat selbst um Wasser, wer ein Talent weggab, nahm Trank dafür. [360] Man hing Reisetaschen um, in denen Krüge waren, und zog aus, um eine Handvoll Wasser zu erbetteln. Besser hatte es jene sidonische Witwe durch ihre Bitte, welche sie vor Elijas brachte; denn für einen Brotkuchen, welchen sie ihm reichte [370], häufte er ihr einen Mehlberg auf und gab ihr denselben, und für den einen Krug gewöhnlichen Wassers ließ er ihr einen Ölstrom ins Haus fließen16 .

Noch hatte ich diese erste Züchtigung nicht vergessen, da kam eine zweite noch schlimmere. [380]. Ich hatte entliehen, gesät, gearbeitet, gepflanzt, eine Hypothek verschrieben, um daraufhin geborgt zu erhalten, eine Schuldverschreibung gemacht, um dadurch Hilfe zu erlangen, die Saat bewässert, zum Wachstum gebracht und sehr gelobt. Schon nahten meine Äcker wie Schiffe dem sicheren Hafen, [390] und ich war gewiss, dass sie in Ruhe anlanden würden. Da plötzlich, als ich noch froh und heiter war, stürmten gleich einer Rauchwolke die leidigen Heuschrecken heran. Sie drangen vor wie gewaltige Wogen, ließen sich nieder auf meinen Äckern und bedeckten meinen Boden. [400] Sie flogen heran und lagerten auf mir, sie kamen und weilten auf mir, die leidigen Fremdlinge, die an mir zehrten. Ja, wenn sie Dein Wink nicht verhindert hätte, so würden sie nicht einmal Steine und Erde verschont haben. Doch war Deine Strafe immerhin nicht so schwer als meine Schuld, [410] Deine Züchtigung entsprach nicht meiner Torheit. Wunderbar war es, o Brüder, wie viel Barmherzigkeit doch mit diesem Strafgericht verbunden war. Denn ihr Herr legte den Heuschrecken Fußschellen an, dass sie nicht so viel verderben konnten, als ihre Bosheit wünschte. [420] Sie ließen sich im Weinberge nieder, aber das Maul ward ihnen zugehalten; sie lagerten sich auf den Reben, aber ihr Schwert blieb in der Scheide stecken. Als sie zu den Bäumen kamen, wehrte sie der Gütige ab; als sie den Saaten sich näherten, verhinderte sie sein Wink. Als sie sich auf den Früchten lagerten, bog er ihnen den Hals zurück; [430] als sie sich auf den Zweigen ausruhten, vermochten sie dieselben nicht zu zerstören. Er hatte sie herbeigerufen, um uns Schrecken einzuflößen; aus Barmherzigkeit befahl er ihnen aber alsdann zu fasten. Gräser und Dornen erlaubte er ihnen, versagte ihnen aber das Brot der Menschen. [440] Dem bösen Arbeiter, der leidigen Heuschrecke, die sich wie ein Schnitter auf meinen Feldern niederließ, hast Du, o Gütiger, ihre Zahnreihe zerbrochen, damit sie nicht mehr zermalme als nur die ihr bestimmte Nahrung.

Wiederum17 nahte sich Dein Wink den Städten [450] und erschütterte sie grimmig; es bebte die Erde, als sich Deine stützende Hand von ihr zurückzog; die Gebäude stürzten ein, weil Deine Gnade sich abwandte. Türme und Mauern zerstörte Dein Befehl; Tempel und Kirchen stürzte Dein Wille. [460] Die Erde verschlang ihre Kinder lebendig und die Berge wichen von ihrer Stelle; Dein Wink, der sie eingepflanzt hatte, hielt sie schwebend, Deine Allmacht, die sie gegründet hatte, trieb sie hinweg. Aus den Wänden heraus ächzten die Steine, [470] und auf den Straßen schrien die Menschen. Das heitere Sonnenlicht verfinsterte sich am Tage und ward zur Nacht, zum finsteren Grabe. Der Schlaf entfloh von den Augen, und die Menschen verließen ihre Wohnungen. [480] Deine Kirchen wurden gleich Krügen von unzähligen Scharen angefüllt, welche sahen, wie Dein Bogen, das Erdbeben, gespannt und Dein Zorn gleich einem Schwerte gezückt war. Da eilten herbei, um durch die Taufe Schutz zu finden, [490] selbst die, welche weit von ihr entfernt waren; sie kamen zur Taufe und fanden Rettung, sie nahmen ihre Zuflucht zum Kreuze, und der Zorn Gottes ließ nach. Da ging der König neben dem Bettler und bat den Höchsten um Erbarmen; [500] er verdemütigte sich und legte seine Prachtgewänder ab, weinte, seufzte und vergoss Tränen. Der Schöpfer sah es und beschleunigte sein Erbarmen, zog hinweg seinen Zorn gleich einem Gewölk und vertrieb das Erdbeben gleich einem Schatten. [510] Er nahm das von ihren Zungen gespendete Lob an und entsandte Erbarmen zur Rettung ihres Lebens. Und nun, o Herr, lass es an diesen Züchtigungen genug sein und leiste Dir selbst Sühne für Deine Geschöpfe! Denn wenn Du unsere Werke untersuchen willst, [520] kannst Du uns keine Barmherzigkeit erweisen."

Nachdem die Erde dies gesprochen hatte, kam die Kirche und mit ihr ihre Kinder; die Apostel und Märtyrer brachte sie mit sich, die Freunde des Königs, um den König zu besänftigen. [530] Brüder, lasst uns ihre Worte anhören, mit welchen sie schmerzbewegt beim Richter Fürsprache einlegen: "Halte ein Deine Gerechtigkeit, o Beherrscher der Welt, gebiete Schweigen Deiner Kraft, denn zu schwach sind die Menschen! Aus Erbarmen hast Du im Anbeginn die Erde begründet, [540] aus Liebe hat Deine Hand den Menschen gebildet. Da Du ihn hervorgebracht hast, so dulde ihn jetzt auch; denn der Vater erträgt ja auch die durch seinen Sohn ihm zugefügte Schmach und die Mutter nimmt hin die harten Reden ihrer Kinder, so auch Gott die Sünden der Menschen. [550] Ach, Herr, schlage doch die Menschen nicht so hart, wie sie es verdienen, damit sie nicht zugrunde gehen und es dann Deine Barmherzigkeit gereue! Bevor Du sie noch geschaffen und gebildet hattest, waren ja bereits alle ihre Werke vor Deinem Angesichte offenbar. Du wirst nicht erst durch die Erfahrung belehrt, [560] sondern weißt alles schon, bevor es geschieht. Doch wenn Du die Gottlosigkeit der ganzen Welt heimsuchen willst, gegen Deine Gnade ist sie wie nichts; wenn Du die Schulden der Menschheit einfordern willst, gegen Deine Erlösung sind sie wie ein Traum. [570]

Ach, Herr, sieh nicht die an, welche Dich erzürnen, sondern die, welche Dich versöhnen! Siehe, o Herr, in unsern Tagen befinden sich auf Erden unter Deinen Knechten Arbeiter, welche für die Wahrheit wirken! Siehe, auf Erden sind Klöster gepflanzt [580], bewohnt von Männern vollkommenen Herzens! Siehe, in den Höhlen sind Eingeschlossene, und in der Wüste solche, die Dich besänftigen! Siehe, die Einsiedler auf den Berggipfeln und die auserwählten Helden auf den Inseln!18 [590] Siehe, Deine Psalmen ertönen in den Gemächern und die Stimme Deines Lobpreises auf den Feldern! Siehe, auf dem Meere dient man Dir und auf den Schiffen betet man zu Dir! Siehe, Deine Lehre findet sich in den Städten, [600] und die Furcht vor Deinem Gerichte bei den Richtern! Siehe, Deine Heiligkeit hat sich den Unreinen und die Scheu vor Dir den Buhlerinnen mitgeteilt! Siehe, die Ungläubigen haben den Götzenbildern entsagt und die Götzenpriester das Heidentum von sich gestoßen! [610] Siehe, in Persien ist Deine Lehre ausgebreitet und in Assyrien hat sich Dein Evangelium vermehrt und vervielfältigt!19 Siehe, in Indien lehrt Thomas und in Rom predigt Petrus!20 Siehe, die Griechen legen Deine Geheimnisse aus [620] und die Römer erklären Deine Bücher! Siehe, bei den Königen herrscht Dein Kreuz und bei den Königinnen ist Deine Liebe wirksam! Siehe, in Deiner Hand wird die Schöpfung gehalten und die Welt ruht in Deiner Liebe! [630] Siehe, in Deiner Kirche weilt Dein lebenspendender Leib und bei Deiner Braut Dein heiliges Blut! Siehe, Hymnen ertönen im Munde der Kinder, und Frauen singen Deine Psalmen! Siehe, an Deinen glorreichen Festtagen [640] sucht die Schöpfung mit ihren Kindern Dich zu besänftigen! Lass doch, o Herr, das Schwert Deines Zorns von uns weichen; zu schwach ist unser Hals für Dein Schwert! Lass die Heuschrecken in das Meer versenkt werden, wie die Ägypter in den Wasserschlund hinabsanken21 [650] Lass die Kriege unter uns ein Ende nehmen und erfülle die Erde mit Heil und Frieden! Lass die furchtbaren Erdbeben aufhören und die herzzerbrechenden Unglücksnachrichten ein Ende nehmen! Lass durch Dein Erbarmen die Früchte hervor sprießen [660] und die Menschen in ihren Mühsalen erfreut werden! Lass uns einen heiteren Sommer und einen gesegneten Winter zuteil werden! Lass den Bogen Deines Grimms abgespannt werden und verbirg Deine Pfeile in Deinem Erbarmen! [670]

Siehe, Deine Geschöpfe bringen gleich Müttern ihre Fürbitten herbei und legen sie Dir vor! Der König David antwortete der Abigajil und hörte ihre Bitte erst an, nachdem er ihr bereits deren Erfüllung zugeschworen hatte22 . Durch ihre Worte legte sich sein Zorn, [680] und durch ihren Rat reute ihn sein Grimm. Um wie viel mehr wirst Du also, o Herr, Deine Kirche erhören, welche mit ihren Kindern vor Dir niedergeworfen daliegt! Deine Geburt, welche um ihretwillen geschehen ist, möge Dein Erbarmen gebären über Deine Geschöpfe!

1: Einige metrische Proben aus syrischen Dichtern, in der 1.Aufl. vorliegender Sammlung, Bd.38, S.413ff.
2: Hier endet das strophische Madrascha und beginnt das Mimra
3: Es ist angespielt auf 2.Chronik 14,8ff., wo erzählt wird, wie der Herr auf das Gebet des frommen Königs Asa hin, als er bei Marescha dem Äthiopier Serach in Schlachtordnung gegenüberstand, auf des letzteren Truppen einen so gewaltigen Schrecken vor Juda fallen ließ, dass sie ohne Schwertstreich die, Flucht ergriffen und von den sie verfolgenden Juden niedergemacht wurden.
4: Hierunter sind die hl. Märtyrer zu verstehen, welche durch ihre Fürbitte den Gläubigen Hilfe leisten
5: Vergl. Genesis 3,14; der Dichter schließt, sich hier der Anschauung mehrerer alter Exegeten an, wonach die Schlange vor ihrer Verfluchung nicht auf der Erde kroch, sondern aufrecht auf Füßen stand.
6: Daniel 14,26 / Stücke zu Daniel 2,26; aus dieser Stelle geht hervor, dass Cyrillonas die deuterokanonischen Bestandteile des Buches Daniel in seiner syrischen Bibel vorfand und als kanonisch anerkannte.
7: Da im ersten Teil des Gedichtes nur die Kirche der durch Unglücksfälle betroffenen Stadt die redend eingeführte Person sein kann, wird hier wohl an die römische Kirche zu denken sein
8: Ijob 7,19
9: Markus 5, 25 ff.; Lukas 8, 43 ff.
10: In der alten Kirche empfingen die Kommunikanten dir hl. Hostie in ihre Hand.
11: Genesis 2,7; 3,19
12: Genesis 4,11
13: Matthäus 3,16 ff.; Markus 1,10 ff.; Lukas 3,21f.; Johannes 1,32.
14: Johannes 9,7ff.
15: Johannes 2,1ff.
16: 1.Könige 17,10ff.
17: Vergl. zur folgenden Schilderung des Erdbebens das in der Einleitung Bemerkte.
18: Abgelegene, unbewohnte Inseln wurden ebenso wie Berge und Wüsten von den Mönchen als Aufenthaltsorte bevorzugt.
19: Im Syrischen bilden die Worte "ausbreiten" und "vermehren" Wortspiele mit Persien und Assyrien, die wir im Deutschen nicht wiedergeben können.
20: Unsere Stelle ist ein bemerkenswertes Zeugnis für die Tradition der syrischen Kirche bezüglich der Anwesenheit des hl. Petrus in Rom und der durch ihn erfolgten Begründung der römischen Kirche.
21: Exodus 14,28.
22: Vergl. 1.Samuel 25; das Zitat ist ungenau; davon. dass David der Abigajil die Erfüllung ihrer Bitte vorher schon zugeschworen hatte, steht nichts in der hl. Schrift.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Vorrede zu den Schriften der syrischen Dichter
Einleitung über Leben und Schriften des Cyrillonas

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger