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Syrische Dichter - Sämtliche Gedichte des Cyrillonas

6. Über den Weizen.

Text: Cod.add. Mus. Br. 14 591, S.79-83; Bickell, ZDMG. 27 [1873] S.594-598. - In diesem siebensilbigen "Mimra über den Weizen" wird die Schilderung des Wachstums, der Beschaffenheit und der Fortpflanzung des Weizens für die Erbauung verwertet, teils durch Hinweis auf die Verwendung des Weizens bei der hl. Eucharistie, teils durch allegorische Vergleichung seiner Entwicklung und Eigenschaften mit Glaubenswahrheiten und Grundsätzen des inneren Lebens. Das Gedicht ist anonym überliefert; vermutlich aber hat es gleichfalls Cyrillonas zum Verfasser wie das vorausgehende, das in ganz ähnlicher Weise vom Weizen redet. Freilich kann es ihm nicht mit der gleichen Sicherheit zugeschrieben werden wie die drei soeben mitgeteilten, ebenfalls anonym überlieferten Gedichte. Nicht ganz unmöglich wäre, dass Isaak von Antiochien es gedichtet hätte. Für jeden Fall ist es wert, in diese Sammlung aufgenommen zu werden, da es mehrere wichtige Stellen über das allerheiligste Altarssakrament enthält.

Zum leichteren Verständnis sei bemerkt, dass "Weizen" im Syrischen weiblichen Geschlechtes ist, wodurch beim Übersetzen ins Deutsche manch lästige Schwierigkeiten entstehen, weil die Wörter "Weizen", "Furche" und "Sünde" im Original sehr ähnlich klingen und daher vom Dichter wiederholt zu Wortspielen benützt werden.

Wenn der Weizen in die Furche gefallen ist, so regt er sich und strebt im Stillen aufwärts, ohne einer Belehrung oder Anleitung zu bedürfen. Zunächst pflanzt er sich ein im Staube auf der unter ihm liegenden Scholle, befestigt sich vermittelst seiner Wurzelfasern, verschafft sich an seinem Fundamente einen sicheren Halt und baut sich alsdann auf. Er wendet Steine um ohne Hebel, [10] bewegt sich und wandelt ohne Füße. Seine Säume treibt er gleich Fingern in die Risse und prägt sein Gefaser gleich Nägeln tief in den Erdboden ein. Das Haar seines Hauptes befestigt er in die Erde, um sich daran zu halten. Erst bereitet er sich eine feste Stütze auf seiner Grundlage, dann erst traut er seinem Wachstum nach oben Sicherheit zu, damit er nicht etwa, nachdem er gewaltig in die Höhe aufgeschossen ist, [20] vom Sturm gebrochen werde. In der Tiefe bindet er seine Wurzeln fest, um oben mit den Winden kämpfen zu können. Er bereitet sich unten ein Weberschiffchen und beginnt alsdann, sein Gewebe aufwärts zu führen. Sein unterstes Gewebe befestigt er am Webstuhl der Erde, damit es nicht zerstört werde, durchbricht alsdann den Staub und blickt hervor, um die klare Luft zu erreichen. Gemäß der Ausdehnung seines Wachstums [30] bereitet er sich neue Ausgangspunkte und bringt Knoten an seinem Halme wie Stockwerke an einem Hause an, damit er imstande sei, die Frucht zu tragen und gegen den Wind standzuhalten. Dieser Halm lässt gleich einem Kanal das Wasser in die ganze Pflanze aufsteigen und stützt ihren Schaft durch Gelenke, damit er die auf dem Haupte ruhende Last tragen könne. Gleich einem Vogel lässt der Weizen zu seinen Seiten [40] Flügel hervorkommen, um sich damit in der Luft zu stützen wie der Mensch mit seinen Armen und um seine Gefährten zu tragen, welche um ihn selbst, das hochragende Haupt, herumstehen. Der mütterliche Boden gebar seinen Schaft, aber das Haupt gebar seine Geschwister1 . Nachdem der Weizen erstorben ist, lebt er wieder auf und schafft sich aus und in sich selbst eine Schar von Geschwistern. Wenn er hervorschaut und gefunden wird, [50] so erblickt man ihn in zwei Blätter gehüllt2 , um die Blöße seiner Kindheit mit einem zweigeteilten Gewände zu bedecken. In die Erde geworfen, ging er verloren, aber obgleich er verloren schien, ward er wiedergefunden, und nachdem er den Zuschauer durch sein Verlorengehen und Wiedererscheinen in Staunen versetzt hat, belehrt er ihn alsdann, wie er aus sich heraus und über sich hinaus gewachsen.

Der Weizen gleicht einer Mutter mit ihren Töchtern, [60] welche gleich ihr selbst Jungfrauen sind und zum Tempel des Königs gebracht werden, auf dass sein Sakrament in ihnen vollzogen werde. Jungfräulich sind die eintretenden Töchter und auch ihre Mutter. Die Jungfrau trägt die Jungfrauen, ihre Schwestern und Töchter, die sie geboren hat, zum Altare des jungfräulichen Sohnes, dessen Mutter und Vater jungfräulich sind.

Zugleich mit dem Wachstum des Weizens [70] wächst auch das dem Bösen vergleichbare Unkraut. Er ist umringt von seinen Stacheln wie von scharfen Speeren, um damit die Vögel zu stechen, welche kommen, ihn bloßzulegen und zu rauben. Er trägt Lanzen an der Seite, welche aus, an und in ihm hervorsprossen, damit sich seine Stacheln in den einbohren, welcher kommt, um ihn zu berühren. Er greift niemand an, [80] aber alles stürzt auf ihn los und er wehrt sich, soviel er kann, um sich für seinen Freund, den Menschen, aufzusparen. Durch diese Gesinnung belehrt er euch, ihr Jungfrauen, schweigend also: "Gleichwie ich meine Verlobung und Jungfräulichkeit für den Menschen, meinen Liebling, aufbewahre, so bewahrt auch ihr euch für eure Verlobten!

Vor Hagel, Regen und Glutwind [90] richtet sich der Weizen nicht trotzig auf, denn sie sind ihm zu gewaltig, sondern bei Sturm, Gewitter und Hagel erhebt er die Ferse, wie um zu winken3 . Der Weizen ist der Freund des Menschen, welcher durch ihn ernährt und entwöhnt wird.

Zwischen dem Weizen und der Sünde besteht gegenseitige Feindschaft; denn wenn sich unter den Menschen die Sünden vervielfältigen, so vermehren sich auch die Leiden des Weizens4 ; wenn aber die Menschen die Sünde überwinden, [100] so überwindet auch der Weizen seine Beschädiger, den Kornwurm und anderes fliegendes und kriechendes Ungeziefer, und besiegt Hitze, Kälte und Frost durch die Kraft Gottes; sein Schaft dient ihm dabei gleichsam als Leib und seine Knoten als Glieder.

Ohne ihn kann der König nicht regieren, ohne ihn müssen die Richter hungern, ohne ihn würden die Altäre leerstehen, ohne ihn könnte der Hl. Geist nicht herabsteigen5 [110], ohne ihn könnte der Priester nicht das Sühnopfer darbringen, ja ohne ihn wäre kein Mensch imstande, die Gottheit zu besänftigen.

Unter allem Schnellen ist der Blitz am schnellsten, doch der Engel ist noch behender als jener. Unter allen Läufern hat die Sonne den weitesten Vorsprung, da sie die ganze Schöpfung an einem Tage durcheilt; doch das Gebet ist noch hurtiger als sie, da es in einem Augenblick zum Himmel empor fliegt. König der Tiere ist der Löwe, [120] König der Vögel der Adler, König des Getreides der Weizen, Königin der Früchte die Traube.

Der Anfang der Schöpfung ist der Behemot6 und zugleich der König alles Kriechenden. Das Weiseste unter dem Kriechenden ist die Ameise, welche schon im Sommer ihre Nahrung einsammelt; das Geringste unter dem Fliegenden ist die Biene, aber sie bringt das köstlichste Erzeugnis hervor. Das Lieblichste unter den Saaten ist der Weizen, [130] und alles geht ihm nach.

Wie zahlreich auch seine Väter sind, so ist es doch nur ein Vater, der ihm das Leben verliehen hat. Sein Vater ist der Regen aus den Wolken, seine Mutter die Erde, welche ihn in ihrem Schoße getragen; der klare Tau zieht ihn auf, Regenschauer und Wolkenbrüche baden ihn, die Frühlingsmonate pflegen ihn, die linden Lüfte lassen ihn reifen. Aber wenn wir Gott erzürnen, [140] so wird der Weizen von diesen seinen Eltern getötet; sie selbst, die ihm das Leben geschenkt haben, werden dann zu seinen Mördern. Wenn wir hingegen Gott versöhnen, so überwindet der Weizen seine Leiden.

Die Furche, die Mutter7 des Weizens, wird im Vergleich mit diesem ihrem Kinde gering geschätzt; der Ackersmann wirft den Weizen in die Furche als auf seine Grundlage. [150]

Gabriel gleicht dem Blitze und Maria dem Weizen; denn als Jungfrau empfing sie Milch und tränkte damit ihren jungfräulichen Sohn, welcher, am Kreuze hängend, zwei lebenspendende Ströme, den einen von Blut, den andern von Wasser, aussandte, um seine Herde damit zu tränken. Der Weizen trinkt aus der Furche und die Kirche aus der durchbohrten Seite. [160]

Welch wunderbare Bewandtnis hat es doch mit dem Weizen, dieser herrlichen Ähre, dieser Burg, welche sich aus sich selbst erhoben hat! Er strebt empor aus der Mitte aller seiner Widersacher und schaut von der Höhe herab wie Josef vom Wagen8 und wie unser Herr, als er aus dem Grabe auferstanden war. Der Weizen ist zwar ein Kind des Winters, aber im Sommer wird sein Fest gefeiert; dann singen vor ihm die Schnitter im Wechselchore. [170] Wer sah je ein Kind des Staubes, welches sich gleich dem Weizen zu einem Schaft aufgetürmt hat? In der Erde hat er den Grund zu seinem Wachstum gelegt durch die von ihm ausgesandten zarten Wurzelfäden, hat sich alsdann zur Höhe erhoben, als ob er Bausteine heraufgezogen hätte, und hat seine langen Blätter ausgestreckt wie Windungen an einer Säule. Statt dass viele Hände zum Herbeischaffen von Steinen herangezogen würden, [180] verwendet er nur die vier Winde sechs Monate lang als Arbeiter. Er senkt sich nieder und holt reichliche Steinbrüche9 aus der Erde hervor, dann steigt er wieder empor und baut daraus die Ähren nach der Struktur ihres Gebäudes. Sein Halm dient ihm als Leiter und die Knoten als Leitersprossen. Aus der Erde kriecht er hervor und setzt sich in der Luft auf eine Säule. [190] Der Weizen ist ein lebendiger Stein, welcher ohne Hände fort rollt. Die Monate wenden ihn um gleich Stieren, die an dem großen Rad des Jahres ziehen. Die vier Winde sind an ihm beschäftigt wie menschliche Hände, die an Seilen ziehen. Die Donner singen ihm mit ihren Stimmen wie Sänger mit ihren Melodien. Die Fackeln der Blitze leuchten ihm und weisen ihm den Weg nach oben. [200] Die Wolkenkrüge mischen ihm tropfenweise seinen Trank gleich Bechern. Die Gestirne wandern über ihm ihren Kreislauf gleich himmlischen Rädern. Die Zeiten sind über und unter dem Weizen gleich Messschnüren ausgespannt. Bei Frost und Hitze hat er Wasserbehälter, welche mit der Luft verbunden sind. Sein kreuzförmiger Schaft trägt die Last, so dass sie nicht herabfällt. [210] Gott redet durch den Donner und durch die Geschöpfe, welche ihm dienen; er ist der Hausherr, der seine Diener aufmuntert und an die Arbeit schickt.

So ist nun der Weizen durch die Hand Gottes, der ihn aufgerichtet hat, zur Vollendung gekommen. In die Erde geworfen, war er erstorben, aber der Erstorbene ist auferweckt worden und er, der allein begraben worden, kommt im Geleite seiner Gefährten wieder zum Vorschein. [220] Es umringen und umarmen ihn seine Kinder, Nachbarn, Geschwister und Freunde. So malt er das Vorbild der Auferstehung und verkündigt denen, die ihn sehen: "Gleichwie ich, der ich erstorben war, wieder aufgelebt bin, so werden auch die im Staube ruhenden Toten leben."

Wenn man den Weizen mit Mist düngt, so wird sein Wachstum um so stärker. Ebenso bewährte sich auch Ijob, dieser Weizen Gottes, in der Asche des Düngerhaufens10 . [230] Er war ein lebendiger Weizen, welcher sich selbst in der Asche aussäte und Dünger statt Asche trank; deshalb reifte in Fülle das Garbenbündel seiner Herrlichkeit.

Der Weizen ist gespalten, wodurch er seiner Mutter11 , der Furche, ähnlich wird. Er ist getrennt und doch zusammenhängend, gleich der Seite unseres Erlösers; denn auch er [der Weizen] ist gespalten, aufgerissen und doch geschlossen, und auch von ihm geht Sündenvergebung aus12 . Der Schöpfer des Weizens wusste wohl, [240] dass in ihm ein Vorbild seines Leibes ausgeprägt werde, und dass er im voraus in ihm den Spalt der Lanze in seiner Seite malte und bezeichnete.

Der Weizen verwest in der Erde wie der Körper des Menschen im Grabe, aber das in seinem Herzen verborgene Leben kehrt zurück und überwindet seine Verwesung. Um wie viel mehr wird uns wiederbeleben die lebenspendende Kraft des lebendigen Leibes, den wir empfangen haben? Denn von dem ausgesäten Weizen [250] löst sich zwar der äußere Leib auf, aber sein lebendiges Herz bleibt bestehen, welches die Hoffnung seiner Auferstehung ist. Ebenso war auch das Herz Ijobs die Hoffnung für seine Heilung. Denn sein äußerer Leib war verfault, gleichwie der Weizen äußerlich verwest ist. Aber da dem Gewande seiner Gesinnung keine Motte der Gotteslästerung schaden konnte, so sprosste er wieder auf, besser als der Weizen, [260] ohne dass ihm das Ungeziefer der Verleumdung nahte. So möge auch in unser Herz kein Zweifel über unsere Auferstehung eindringen, denn wir werden alle auferweckt werden, mögen wir nun glauben oder nicht glauben. Der Sohn des Allgütigen, welcher für uns den Tod gekostet hat, wird uns nicht im Tode lassen, sondern wird das Leben seiner Natur mit dieser unserer sterblichen Natur vermischen. Der Weizen stößt seine Verwesung aus, [270] sprosst empor und lebt aus und in sich selbst wieder auf. Ebenso wird auch dieser unser Leib nach seiner Zerstörung wieder erneuert werden und auf ewig bleiben. Wenn aber der Weizen aufersteht, so kommt er zum Vorschein, indem er seine Gefährten trägt; ebenso wird auch der Leib bei seiner Auferstehung hervorkommen, indem er seine Werke trägt.

1: Unter den Gefährten, Geschwistern und Töchtern sind die Seitenähren zu verstehen, welche die unmittelbar aus dem Halm hervorgehende Hauptähre umgeben. Der Dichter hat bei seiner Schilderung den Mais oder sog. türkischen Weizen im Auge.
2: Hiermit sind die langen Blätter gemeint, in welche der Weizenhalm anfangs eingehüllt ist.
3: Das Sichherabneigen der Weizenhalme im Sturm wird als herbeiwinken des Menschen zur Hilfe aufgefasst.
4: Indem Gott die Sünden der Menschen durch Misswuchs straft.
5: Nämlich zur Konsekration der hl. Eucharistie.
6: Der Dichter denkt wohl an Ijob 40,15.19, wo der Behemot "Erstling der Wege Gottes" genannt ist. Der ganzen Beschreibung nach, die Ijob 40,15ff. von diesem Tier gegeben wird, kann nur das Nilpferd oder höchstens der Elefant gemeint sein. Ursprünglich ist unter Behemot sicher ein Chaosungeheuer, ähnlich wie die babylonische Tiamat zu verstehen. Dies klingt auch an der zitierten Bibelstelle wie bei unserem Dichter noch nach, indem es als Erstling der Wege Gottes bzw. der Schöpfung bezeichnet wird.
7: Im syrischen Original heißt es „Vater“, weil das Wort für „Furche" männlich ist. Die deutsche Übersetzung legt es nahe, die Furche als „Mutter“ zu bezeichnen, was auch dem tatsächlichen Verhältnis wie dem Zusammenhang besser entspricht.
8: Vergl. Gen. 41, 43.
9: Da der Weizen mit einem Palast verglichen wird, so wird auch der Erdboden, aus dem er seine Nahrung bezieht, als Steinbruch bezeichnet.
10: Ijob 2,8
11: Im syrischen Original heißt es „Vater“, weil das Wort für „Furche“ männlich ist. Die deutsche Übersetzung legt es nahe, die Furche als „Mutter“ zu bezeichnen, was auch dem tatsächlichen Verhältnis wie dem Zusammenhang besser entspricht.
12: In der hl. Eucharistie.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Vorrede zu den Schriften der syrischen Dichter
Einleitung über Leben und Schriften des Cyrillonas

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger