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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Jungfrauen (De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres)
Erstes Buch.
IV. Kapitel. Die Jungfräulichkeit eine spezifisch christliche Tugend [14]. Das Heidentum weist in den Vestalinnen, den Pallaspriestern usw. nur Zerrbilder der Jungfräulichkeit auf [15] oder stempelt die Unzucht zum Gottesdienst [16]. Auch die Philosophie vermochte keine Edelblüte der Jungfräulichkeit zu ziehen [17]. Welcher Gegensatz zwischen der pythagoreischen Jungfrau Leäna [18] und einer christlichen Jungfrau [19]!

15.

Wer will mir die vestalischen Jungfrauen und die Priester der Pallas entgegenhalten?1 Was wäre das für eine Keuschheit, die nach den Jahren, nicht nach [S. 320] dem sittlichen Maßstab bemessen wird! Die nicht für immer, sondern nur zeitweilig verpflichtet! Nur um so schamloser ist eine solche Jungfräulichkeit, deren Entehrung den älteren Jahren vorbehalten wird. Sie, die der Jungfräulichkeit eine Grenze setzten, geben selbst damit zu verstehen, daß ihre Jungfrauen darin weder beharren sollen noch können. Was aber ist das für eine Religion, welche Mädchen in der Jugend zur Lauterkeit, im Alter zur Unlauterkeit anhält? Indes macht einerseits der gesetzliche Zwang das Mädchen nicht lauter, andrerseits die gesetzliche Freigabe es unlauter. O Mysterien! O Sitten! Wo der Keuschheit die Zwangsfessel angelegt, der Lüsternheit der Freibrief gegeben wird! Keine ist keusch, die nur durch Furcht sich zwingen, keine ehrbar, die nur um Lohn sich dingen läßt. Das ist keine Schamhaftigkeit, die, täglich der Schmach lüsterner Augen ausgesetzt, die Zielscheibe lasterhafter Blicke bildet. Steuerfreiheit wird verliehen, Preise ausgesetzt, als ob nicht im Verfeilschen der Keuschheit das bedenklichste Anzeichen von Schamlosigkeit gelegen wäre. Eine mit Geld erkaufte Verbindlichkeit läßt auch um Geld sich lösen: um Geld erfolgt die Zusage, um Geld die Aufnahme (der Vestalin). Sie vermag aber die Keuschheit nicht zurückzukaufen, die sie zu verkaufen pflegt.

1: Die Vestalinnen (Priesterinnen der Vesta) durften bei ihrer Erwählung nicht jünger als sechs und nicht älter als zehn Jahre sein und hatten dreißig Jahre lang bei strenger Enthaltsamkeit in ihrem Dienste (Erhaltung des hl. Feuers usw.) zu verharren. Nach Ablauf derselben konnten sie austreten und heiraten. Die Verletzung der Keuschheit wurde mit Lebendigbegrabenwerden bestraft. Das obige Urteil des Ambr. über sie lautet ungewöhnlich scharf, noch schärfer als in seinem Brief (Ep. 18) an Kaiser Valentinian II., worin er gegen die vom Stadtpräfekten Symmachus versuchte Wiederherstellung des Institutes Stellung nimmt. Vgl. auch Ep. 57. Der Priester der Pallas (Minerva) tut Ambr. gleichzeitig Erwähnung, weil auch letztere als jungfräuliche Göttin galt, deren Kult dem der Vesta mehrfach ähnelte.

 

 

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Einleitung: Über die Jungfrauen drei Bücher
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Erstes Buch.
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Zweites Buch.
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger