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Hieronymus († 420) - Dialog gegen die Pelagianer (Dialogi contra Pelagianos libri III)

III. Buch

1.

C. Ich freue mich über deinen reichen Redestrom, auf den sich das Schriftwort anwenden läßt: „Das Vielreden geht nicht ohne Sünde ab“1. Doch wozu hierüber sich auslassen? Das wirst du sicherlich zugeben, daß diejenigen ohne Sünde sind, welche die christliche Taufe empfangen haben; daß sie weiterhin, wenn frei [S. 462] von Sünde, auch gerecht sind. Sind sie aber einmal gerecht geworden, dann wirst du weiter zugestehen, daß sie unter Anwendung der nötigen Vorsicht für immer die Gerechtigkeit bewahren und darum auch jede Sünde meiden können.

A. Schämst du dich nicht, einer Ansicht Jovinians dich anzuschließen, die bereits verworfen und verurteilt ist? Denn auch er stützt sich auf die gleichen Zeugnisse und dieselben Beweise wie du. Oder besser gesagt, du schließest dich seinen Phantastereien an und willst im Morgenlande Lehren vertreten, die einst in Rom und vor kurzem in Afrika verurteilt worden sind2. Lies die Antwort, die man jenem gegeben hat, und nimm sie hin, gleich als ob sie an dich gerichtet sei! Denn in Glaubenssachen und bei der Erörterung von Streitfragen kommt es nicht auf die Person, sondern auf die Sache an. Und nun wisse, die Taufe läßt die der Vergangenheit angehörigen Sünden nach, ohne für die Zukunft ein Unterpfand der Gerechtigkeit zu sein, die nur bewahrt wird durch mühsame Anstrengung, verbunden mit Vorsicht, und immer und vor allem dank der göttlichen Barmherzigkeit. An uns ist es zu bitten, an ihm zu geben, worum wir bitten; uns kommt das Beginnen, ihm das Vollenden zu3. Unsere Aufgabe geht dahin, das darzubieten, was wir vermögen, seine Sache ist es, zur Ausführung zu bringen, was wir nicht können. „Wenn nicht der Herr das Haus baut, dann arbeiten die [S. 463] Bauleute umsonst. Wenn nicht der Herr die Stadt bewacht, dann wachen die Wächter vergeblich“4. Deshalb auch das Gebot des Apostels: „Laufet so, daß ihr den Preis erlanget! Alle laufen zwar, aber nur einer erlangt die Krone“5. In einem Psalm steht geschrieben: „O Herr, wie mit dem Schilde Deiner Gnade umgibst Du uns“6. Denn unser Sieg und unser Kampfpreis werden unter seinem Schutz und Schirm erworben. Hier laufen wir, um seiner in Zukunft teilhaftig zu werden. Dort wird derjenige die Krone in Empfang nehmen, der in dieser Welt Sieger geblieben ist. Zu uns wird nach der Taufe gesagt: „Nun bist du gesund geworden. Sündige fernerhin nicht mehr, damit dir nicht etwas Schlimmeres zustoße“7. „Wisset ihr nicht, daß ihr ein Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes entheiligt, so wird Gott ihn zugrunde richten“8. Und an einer anderen Stelle heißt es: „Der Herr ist solange mit euch, als ihr mit ihm seid. Wenn ihr ihn verlasset, so wird er auch euch verlassen“9. In wessen Tempel und in wessen Heiligtum glaubst du wohl, mag die Heiligkeit Christi Bestand haben? In wessen Gotteshaus mag die Helligkeit durch keine Wolke verdunkelt werden? Wir können nicht ständig die gleiche Miene zur Schau tragen — dies soll, wie die Philosophen fälschlich rühmen, Sokrates getan haben —, um wieviel weniger dieselbe Gesinnung? Wie die Gesichter der Menschen mannigfaltig sind, so sind auch die Herzen verschieden. Wenn es sich machen ließe, daß wir stets in das Taufwasser eingetaucht blieben, dann könnten die darüber hinschwebenden Sünden uns nicht berühren. Der Heilige Geist würde unser Schützer sein. Aber der Feind kämpft gegen uns an. Auch wenn er besiegt wird, weicht er nicht zurück, sondern liegt fortgesetzt auf der Lauer, um aus dem Verborgenen seine Pfeile loszuschnellen gegen jene, die ein rechtschaffenes Herz besitzen10.

1: Spr. 10, 19.
2: Die zweite Aufstellung Jovinians (Adv. Jov. I, 3) lautet: „Wer durch den wahren Glauben in der Taufe wiedergeboren ist, kann vom Teufel nicht zu Fall gebracht werden“. Die Pelagianer wiesen allerdings einen Zusammenhang zwischen ihrer und Jovinians Lehre zurück (vgl. G. Gaebel, Jovinianus und seine Ansicht vom Verhältnis des Wiedergeborenen zur Sünde. Posen 1901, 8). Des Jovinian Irrlehre war nicht ausdrücklich in Afrika verurteilt worden. Hieronymus sieht sie implicite mitgetroffen in der Stellungnahme einer im Jahre 412 abgehaltenen karthagischen Synode, auf welcher auch des Caelestius Lehre von der Sündlosigkeit des Menschen ohne jegliche göttliche Hilfe ihre Verurteilung gefunden hatte.
3: Diese Äußerung des hl. Hieronymus ist zweifellos semipelagianisch.
4: Ps. 126, 1 [Hebr. Ps. 127, 1].
5: 1 Kor. 9, 24.
6: Ps. 5, 13 [Hebr. Ps. 5, 13].
7: Joh. 5, 14.
8: 1 Kor. 3, 16 f.
9: 2 Paral. 12, 5 [= 2 Paralipomenon/2 Chronik].
10: Ps. 10, 3 [Hebr. Ps. 11, 2].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger