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Hieronymus († 420) - Dialog gegen die Pelagianer (Dialogi contra Pelagianos libri III)

II. Buch

1.

C. Du hast zwar viele Stellen aus der Heiligen Schrift nach dem Gedächtnis zusammengehäuft und dich bemüht, mit einigen Wolken das klare Licht der Wahrheit zu verhüllen. Doch, was tut dies zur Sache? Denn mit all diesen Zeugnissen scheinst du Anklage gegen die Natur zu erheben und so Gott der Gehässigkeit zu bezichtigen, weil er die Menschen dergestalt erschaffen hat, daß sie nicht frei sein können von Vergeßlichkeit und von Sünden der Unwissenheit. Daraus ergibt sich die klare Folgerung, daß der Mensch es auch fertig bringt, nicht zu sündigen, wofern er nur will. Denn er hat nur das getan, was er nicht meiden konnte. Wo aber die Möglichkeit der Sünde beseitigt wird, da kann auch keine Sünde vorliegen. Denn niemand kann wegen einer Sache verurteilt werden, die über seine Kräfte geht.

A. Schon oft habe ich bemerkt, daß du meine Widerlegungsversuche nicht verstehst und in deiner Beweisführung gedankenlos zu Werke gehst. Doch, was hat Gott befohlen? Für Vergeßlichkeit, Irrtum und Unwissenheit werden gerade wie für die Sünde Opfer dargebracht, mag diese Anordnung Gottes unangebracht sein, wie du meinst, oder mag sie gut sein, wofür ich eintrete. Ich halte es für meine Pflicht, Gottes Gebote [S. 404] zu beobachten; du hältst es für deine Sache, Gottes Befehle zu tadeln.

C. Da du der offenkundigen Wahrheit Gewalt antust und mich zu Lästerungen reizest, will ich dir zugeben, daß diese Vorschrift sich im Alten Testamente vorfindet, von welchem geschrieben steht: „Das Alte ist vorübergegangen. Siehe, alles ist neu gemacht worden“1. Kannst du auch aus dem Evangelium den Nachweis dafür erbringen, daß jemand für eine Sache bestraft wird, die aus Unkenntnis geschieht, und Sühne leistet, ehe ihn das Gewissen schuldig spricht?

A. Ohne daß ich es weiß, steht plötzlich ein Manichäer vor mir auf mit der Behauptung, das Gesetz sei abgeschafft, es seien nur noch die Bücher des Neuen Testamentes zu lesen.

C. Welches meiner Worte verleiht dir das Recht, solches von mir zu vermuten? Das Gesetz, das den Vätern gegeben worden ist, war für seine Zeit gerecht und heilig. Als aber die Vollkommenheit des Evangeliums kam, da hat das Mindere aufgehört zu bestehen.

A. Darf also das, was das Gesetz vorschreibt, nicht mehr befolgt werden?

C. Einiges ist noch zu beobachten, anderes ist zu unterlassen.

A. Da du so gelehrt bist, so sage mir doch, was ich aus dem Alten Testamente zu beobachten habe und was nicht.

C. Wir müssen die Gebote beobachten, welche auf die Besserung des Lebens und der Sitten abzielen. Von ihnen heißt es: „Das Gebot des Herrn ist klar und erleuchtet die Augen“2. Von den Dingen jedoch, welche sich auf die Gesetzeszeremonien und den Opferritus beziehen, ist Abstand zu nehmen.

A. Verzeihe! Während du dich der Kenntnis des Gesetzes und aller Schriften rühmst, merkst du gar nicht, was ich sagen will.

C. Ich verstehe nur, was du sprichst, aber nicht das, worüber du dich ausschweigst.

[S. 405] A. Du sprichst von Schweigen, wo ich dich doch an so vielen Beispielen darüber belehren wollte, daß der Mensch aus Unwissenheit sündigen kann und für die Sünde im Alten Testament Opfergaben, im Evangelium bußfertige Gesinnung darbringen mußte?

1: 2 Kor. 5, 17.
2: Ps. 18, 9 [Hebr. Ps. 19, 9].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger