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Hieronymus († 420) - Dialog gegen die Pelagianer (Dialogi contra Pelagianos libri III)
II. Buch

16.

Jesus sagte dem Volke auch in einem Gleichnisse, daß man immer beten müsse und nicht nachlassen dürfe1. Umsonst ist es, ständig zu beten, wenn es an uns liegt, zu tun, was wir wollen. — Es sprachen die Apostel: „Wer kann gerettet werden?“ Der Herr gab ihnen zur Antwort: „Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist möglich bei Gott“2. Es gibt also einige Dinge, welche bei den Menschen unmöglich sind; daß aber auch sie sicher möglich sind, folgt daraus, daß sie bei Gott möglich sind. Es dürfte also einerseits bei Gott möglich sein, dem Menschen, wofern er will, die Sündlosigkeit zu verleihen, wenn auch nicht auf dessen Verdienst hin, sondern nur aus Gnade. Andererseits dürfte bei den Menschen keineswegs kraft des freien Willens möglich sein, was man nur auf Veranlassung des Schenkgebers erlangt. — Die Apostel haben es nicht damit genug sein lassen, schon eine Zeit vorher zur Regelung ihrer Rangordnung die Frage zu stellen, wer von ihnen der größere sei3, sondern selbst in der Stunde der Trübsal und des Leidens lesen wir über sie: „Und es entstand ein Streit unter ihnen, wer von ihnen der größere sei“4. In der Tat war es der geeignetste Zeitpunkt, angesichts des Kreuzes sich mit Rangstreitigkeiten zu befassen. Es sprach der Herr: „Simon, Simon, siehe, der Satan hat darnach verlangt, euch wie Weizen zu sieben. Ich aber habe für dich gebetet, damit dein Glaube nicht nachlasse“5. Nach eurer Ansicht lag es natürlich in der Gewalt des Apostels, wenn er nur wollte, dafür zu sorgen, daß sein Glaube nicht nachließ. Läßt er aber nach, dann lädt man eine Sünde auf sich. — In einigen griechischen und lateinischen [S. 433] Handschriften ist bei Lukas zu lesen: „Es erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn (ohne Zweifel den Herrn und Heiland). Als ihn Todesangst befiel, betete er inständig, und sein Schweiß ward wie Tropfen Blutes, die auf die Erde herabrannen“6. Der Erlöser wird also im Leiden von einem Engel gestärkt. Aber unser Critobulus bedarf der Hilfe Gottes nicht, da er sich frei entscheiden kann. So innig betete Jesus, daß einzelne Tropfen seines Blutes hervorbrachen, welches er während seines Leidens ganz zu vergießen im Begriffe stand. „Warum“, so spricht er, „schlafet ihr? Stehet auf und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet!“7 Nach eurer Ansicht hätte er sagen müssen: „Warum schlafet ihr? Erhebet euch und widerstehet; denn ihr habt den freien Willen! Nachdem Gott euch einmal dieses Vermögen verliehen hat, ist euch jede weitere Hilfe unnötig. Wenn ihr so tut, dann werdet ihr nicht in Versuchung fallen“.

1: Luk. 18, 1.
2: Matth. 19, 25 f.; Mark. 10, 26 f.
3: Mark. 9, 33; Luk. 9, 46.
4: Luk. 22, 24.
5: Luk. 22, 31 f.
6: Luk. 22, 43 f. Diese Stelle fehlt in einigen Handschriften, doch dürfte ihre Echtheit als gesichert gelten.
7: Matth. 26, 41; Mark. 14, 38.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger