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Hieronymus († 420)
Dialog gegen die Pelagianer
(Dialogi contra Pelagianos libri III)

Prolog

 1.

[S. 335] Nachdem der Brief an Ktesiphon1, in welchem ich die an mich gerichteten Fragen beantwortet habe, fertiggestellt war, kam mir häufig die Klage der Brüder zu Ohren, daß ich das von mir versprochene Werk immer weiter hinausschöbe, in welchem ich mich meiner Zusage gemäß über alle Probleme aussprechen wollte, die jene aufgerollt hatten, welche die Leidenschaftslosigkeit (ἀπάθεια) [apatheia]2 verherrlichen. Es besteht nun für niemanden ein Zweifel darüber, daß es sich hier um eine Streitfrage zwischen den Stoikern und Peripatetikern, welche die alte Akademie3 ausmachten, handelt. Die einen behaupten, daß man die πάθη [pathē], welche wir Gemütserregungen (perturbationes) nennen können, wie Kummer, Freude, Hoffnung, Furcht in der Seele des Menschen mit Stumpf und Stiel zu vernichten imstande sei. Die anderen sind der Meinung, es sei nur möglich, sie zu brechen, zu leiten, zu beherrschen und gleich zügellosen Pferden gewissermaßen durch ein Wolfsgebiß in Schranken zu halten. Diese Schulmeinungen behandelt auch Tullius in seinen tuskulanischen Disputationen4. Origenes versuchte ebenfalls in seinen Stromata, sie in die kirchliche Wahrheit hineinzumengen5, um ganz zu [S. 336] schweigen von den Manichäern6, von Priscillian7, von Evagrius aus Iberien8, von Jovinian9 und von den [S. 337] Irrlehrern fast ganz Syriens, die man in unserer Sprache fälschlich Massalianer10, griechisch Euchiten, nennt. Sie alle sind der Meinung, es vermöge menschliche Kraft und Weisheit zur Vollkommenheit und zur Gottgleichheit, nicht etwa bloß zur Gottähnlichkeit, zu gelangen. Infolgedessen stellen sie die Behauptung auf, sie vermöchten nicht einmal in Gedanken oder unbewußt zu sündigen, wenn sie den Gipfel der Vollendung erstiegen hätten. Zwar habe ich im oben erwähnten Briefe an Ktesiphon diese Irrtümer wegen des Mangels an Zeit nur flüchtig gestreift. Doch wird die Schrift, welche ich hiermit beginne, die sokratische Methode zum Vorbild nehmen und die Gründe, die beiderseitig vorgebracht werden können, zur Darstellung bringen. So wird dann die Wahrheit um so klarer zutage treten, wenn jeder seine Ansicht vorzutragen in der Lage ist. Dem Origenes blieb die Behauptung vorbehalten, es sei einerseits unmöglich, daß der Mensch vom Anfange seines Lebens bis zum Tode sündlos bleibe; anderseits sei es möglich, daß jemand nach seiner Bekehrung es zu einer solchen sittlichen Kraft bringe, daß er in Zukunft nicht mehr sündige11.

1: Epist. 133 ad Ctesiphontem. In diesem Schreiben hat Hieronymus, auf eine Anfrage Ktesiphons, zum ersten Male Stellung zu den pelagianischen Streitigkeiten genommen.
2: Unter dieser ἀπάθεια [apatheia] verstand man einen durch Selbstüberwindung herbeigeführten Zustand, in welchem man die Sinnlichkeit völlig niedergerungen hatte und gegen jegliche Versuchung gefeit war.
3: Akademie ist terminus technicus für die von Plato gegründete Philosophenschule, die später in mehrere Richtungen zerfiel.
4: Cicero, Tusc. disp. IV, 15―38.
5: Die Stromata des Origenes sind bis auf geringe Bruchstücke (M. ser. gr. XI, 99—108) verloren gegangen. Da in ihnen die Lehren der Philosophen mit denen des Christentums verglichen werden, so darf als sicher gelten, daß auch die hier berührte Frage von Origenes behandelt wurde. Wenn Hieronymus den Origenes in Beziehung zum Pelagianismus setzt, so spielt ein Mißverständnis mit hinein. Auf der im Jahre 411 zu Karthago stattgehabten Synode bezeichnete es Caelestius unter Berufung auf einen Presbyter Rufinus als zum mindesten strittig, ob es eine Vererbung der Sünde gäbe. Hieronymus vermutete unter dem genannten Priester nicht mit Unrecht (Loofs, a. a. O. 759) seinen einstigen Jugendfreund, den er unter dem Pseudonym Grunnius zum Vorläufer des Pelagianismus stempelte (comm. in Jer. praef. in I. IV). Damit war das Bindeglied gefunden, welches vom Origenisten Rufinus zu Origenes überleitete. Vgl. epist. 133 ad Ctesiphontem c. 3. Hier macht Hieronymus dem Origenes zum Vorwurf, er habe zu Ps. 15, 7 [Hebr. Ps. 16, 7] die Behauptung aufgestellt, der Heilige, der zur Tugendvollkommenheit gelangt sei, werde nicht einmal mehr von einer Gedankensünde heimgesucht.
6: Der Zusammenhang der pelagianischen Irrlehre mit dem Manichäismus ist rein äußerlich. Hieronymus dachte wohl an die Klasse der „Vollkommenen“, die alles unterlassen mußten, was nach manichäischer Auffassung sündhaft war. Die Lichtelemente d. h. die Bestandteile des guten Gottes im Menschen, führten nach manichäischer Lehre in gewissem Sinne zu einer Vergöttlichung des Menschen. In Wirklichkeit stand der Pelagianismus in schroffem Gegensatze zur Lehre Manis, nach welcher die Rechtfertigung, d. h. die Ausscheidung des Hylischen, sozusagen ein physiologischer Vorgang war, wobei eine Willensbetätigung völlig ausgeschlossen blieb. Über Manichäismus und Pelagianismus vgl. epist. 133 ad Ctesiphontem c. 3.
7: Priscillian, dessen Irrlehre nicht klar herausgeschält werden kann, wird neben den Manichäern genannt wegen eines gewissen inneren Zusammenhanges, der zwischen beider Lehren erkenntlich ist. Vgl. auch epist. 133 ad Ctesiphontem c. 3.
8: Gemeint ist Evagrius Ponticus, weil aus Pontus in Iberien gebürtig. Er wird von Hieronymus wiederholt des Origenismus und des Pelagianismus bezichtigt (epist. 133 ad Ctesiphontem c. 3; comm. in Jer. prol. in I. IV). Seine Biographie findet sich bei Palladius, Hist. Laus. c. 38, ed. Butler. Er lehrte die Präexistenz der Seelen, die Apokatastasis und die Möglichkeit einer absoluten Sündlosigkeit und Vollkommenheit durch Ablegung der Leidenschaften.
9: Gegen Jovinian hat Hieronymus 393 eine Schrift veröffentlicht. Sie nimmt auch Stellung gegen den von Jovinian verfochtenen Satz: „Diejenigen, welche mit vollem Glauben in der Taufe wiedergeboren sind, können vom Teufel nicht zu Fall gebracht werden“. Adv. Jov. I, 3.
10: Die Massalianer, gewöhnlich Messalianer genannt, sind eine mystisch schwärmerische Religionsgemeinschaft mit aszetischer Grundrichtung. Der Mensch gelangt nach ihrer Lehre durch die Einigung mit Gott zur ἀπάθεια [apatheia], welche seine Umwandlung in die göttliche Natur herbeiführt. In diesem Zustand sind fernere Sünden ausgeschlossen. Die Sünde wird getilgt durch das Gebet, dem diese Sekte eine übertriebene Wirkung zuschreibt. Deshalb und wegen der eifrigen Gebetsübung heißen sie auch Euchiten.
11: s. S. 335 Anm. 5.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger