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Hieronymus († 420) - Dialog gegen die Pelagianer (Dialogi contra Pelagianos libri III)
Prolog

2.

Denjenigen, welche behaupten, ich schreibe dies Werk, aufgereizt vom Stachel des Neides, habe ich kurz zu erwidern, daß ich niemals die Irrlehrer geschont habe, und daß es mir Herzensbedürfnis war, die Feinde der Kirche möchten auch meine Feinde werden. Helvidius hat geschrieben gegen die ständige Jungfräulichkeit der heiligen Maria. Bin ich etwa durch Neid dazu gekommen, ihm, den ich im Leben nie gesehen habe, zu antworten? Jovinianus, dessen Irrlehre [S. 338] jetzt das Haupt erhebt, hat in meiner Abwesenheit den römischen Glauben in Verwirrung gebracht, und zwar in solch formloser und widriger Sprache, daß er eher Mitleid als Neid verdient hätte. Auch ihm habe ich nach bestem Können geantwortet. Rufinus hat nicht nur in einer Stadt, sondern auf dem ganzen Erdkreis die Gotteslästerungen des Origenes und die Bücher περὶ ἀρχῶν [peri archōn], soweit es an ihm lag, verbreitet. Er hat sogar das erste Buch der Schutzschrift für Origenes, die Eusebius zum Verfasser hat, unter dem Namen eines Märtyrers Pamphilus herausgegeben1, um, gerade als habe jener noch nicht genug gesagt, eine neue Schrift zu dessen Verteidigung zu veröffentlichen. Beneide ich ihn etwa, weil ich ihm geantwortet habe, obwohl seine strömende Beredsamkeit mir die Lust zu schreiben und zu diktieren benahm? Palladius, ein Mann von niedriger Gesinnung, suchte dieselbe Irrlehre wieder aufzufrischen und mir aus meiner Übersetzung aus dem Hebräischen von neuem einen Vorwurf zu machen. Bin ich ihm etwa wegen seines Geistes und seiner vornehmen Gesinnung mißgünstig? Auch jetzt ist das Geheimnis der Schlechtigkeit wirksam2; jeder schwätzt, was ihm gut dünkt. Nur mir allein soll der Ruhm aller anderen keine Ruhe lassen; ich soll so armselig sein, daß ich auch jene beneide, welche nicht einmal Neid verdienen. Um nun allen zu zeigen, daß ich nicht Menschen, sondern den Irrtum hasse, nicht darauf ausgehe, jemanden in Schande zu bringen, daß ich im Gegenteil das Los jener bedauere, die immer falscher Wissenschaft zum Opfer fallen, habe ich Atticus und Critobulus auftreten lassen, um unter diesen Namen unserer und der Gegner Ansicht zu Worte kommen zu lassen. Fürwahr, wir Anhänger des katholischen Glaubens insgesamt haben den sehnlichsten Wunsch, daß die Irrlehren verdammt, die Menschen aber [S. 339] gebessert werden. Wenn sie freilich im Irrtum beharren wollen, dann ist es nicht meine, des Schreibenden, Schuld, sondern die Schuld derjenigen, welche die Lüge über die Wahrheit gestellt haben. Den Verleumdern aber, welche mit Schmähungen gegen mich vorgehen, will ich kurz erwidern, daß es manichäische Lehre sei, die menschliche Natur herabzusetzen, ihr den freien Willen zu nehmen und die göttliche Mithilfe auszuscheiden. Anderseits ist es wieder offenkundiger Wahnsinn, aus dem Menschen das zu machen, was Gott ist. Und so müssen wir auf dem königlichen Wege gehen, der weder nach links noch nach rechts abweicht. Wir wollen glauben, daß das Streben des eigenen Willens immer durch die göttliche Hilfe geleitet wird. Wenn aber jemand sich laut darüber beklagt, daß er fälschlicherweise verdächtigt wird, und sich rühmt, unserer Ansicht zu sein, dann wird er auch seine Zustimmung zum wahren Glauben zu erkennen geben, indem er offen und ohne Hinterhalt die entgegenstehenden Lehren verurteilt. Sonst wird ihm jenes Prophetenwort gelten: „Und bei alldem kehrte nicht zurück die Treulose, ihre Schwester Juda, mit ihrem ganzen Herzen, sondern mit Lüge“3. Es ist eine kleinere Sünde, dem Bösen nachzugehen, das man für gut gehalten hat, als sich zu schämen, für das einzutreten, was man mit Sicherheit als gut befunden hat. Wenn wir Drohungen, Unrecht und Armut nicht ertragen können, wie werden wir dann die Flammen Babylons überstehen?4 Was der Krieg unversehrt ließ, das möge ein Scheinfriede nicht rauben. Ich will mich nicht aus Furcht zur Treulosigkeit verleiten lassen, nachdem Christus den wahren Glauben der Entscheidung meines Willens anheimgestellt hat.

1: Die hier von Hieronymus aufgestellte Behauptung ist „eine nicht tendenzfreie Ungenauigkeit“. (Bardenhewer, Patrologie², 145.) Die fünf ersten Bücher dieser Apologie stammen, allerdings unter Mitwirkung des Eusebius von Cäsarea, der das sechste Buch selbständig verfaßte, von Pamphilus. Vgl. auch De vir. ill. c. 75.
2: 2 Thess. 2, 7.
3: Jer. 3, 10.
4: D. h. die Hölle.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger