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Hieronymus († 420)
An den Presbyter Riparius

1.

Auf deinen kürzlich erhaltenen Brief nicht zu antworten, wäre ein Zeichen von Überhebung, ihn zu beantworten, ist verwegen. Du erkundigst dich nach Dingen, die man weder vorbringen noch anhören kann, ohne sich einer Gottesschändung schuldig zu machen. Du machst die Mitteilung, daß Vigilantius1 , dessen Namen seinem Wesen widerspricht, sollte er doch besser Dormitantius2 genannt werden, von neuem seinen übelriechenden Mund öffnet und seinen unflätigen Geifer gegen die Reliquien der heiligen Märtyrer verspritzt, ferner, daß er uns, die wir sie aufbewahren, als Aschendiener und Götzenanbeter betitelt, weil wir die Gebeine verstorbener Menschen verehren. Welch ein unglückliches Geschöpf, über das man reichlich Tränen vergießen sollte! Er spricht so, ohne einzusehen, daß er ein Samaritan und ein Jude ist, bei denen die Leiber der Verstorbenen für unrein angesehen wurden, bei denen selbst die Gefäße, die im gleichen Hause waren, für verunreinigt galten. Diese Völker richteten sich eben nach dem tötenden Buchstaben, nicht aber nach dem lebendigmachenden Geiste. Wir jedoch verehren durch Anbetung, um von den Reliquien der Märtyrer ganz zu schweigen, nicht einmal die Sonne und den Mond, nicht die Engel und Erzengel, nicht die Cherubim und Seraphim, überhaupt kein Ding in der diesseitigen und jenseitigen Welt, wie immer es auch heißen mag, um nicht einem Geschöpf zu huldigen auf Kosten des Schöpfers, der gepriesen sei in Ewigkeit, Wir verehren die Reliquien der Märtyrer, um den anzubeten, dem die Märtyrer zu eigen gehören. Wir erweisen den Dienern Verehrung, damit sie von ihnen zurückstrahle auf den Herrn, der spricht: "Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf"3 . Sind etwa die Reliquien des Petrus und Paulus unrein? Soll der Leib des Moses unrein sein, der nach der hebräischen Wahrheit4 von Gott selbst bestattet worden ist?5 Verehren wir etwa mit Götzenbildern geschmückte Tempel, wenn wir die Basiliken der Apostel und Propheten, sowie sämtlicher Märtyrer betreten? Sind die Wachskerzen, die man auf ihren Gräbern angezündet hat, Wahrzeichen des Götzenkultes? Ich will noch etwas mehr sagen, was auf das Haupt des Verfassers zurückfallen und das kranke Hirn endlich zur Heilung bringen oder vernichten möge, damit nicht durch derartig gottesschänderische Ausführungen der Geist der Einfachen in Verwirrung gerate. Ist etwa auch der Leib des Herrn, als er im Grabe ruhte, unrein gewesen? Haben die Engel, angetan mit weißen Kleidern, bei dem Leichnam trotz seiner Unreinheit die Totenwache gehalten6 , damit eine "Schlafmütze" nach vielen Jahrhunderten träumen, seinen unreinen Weinrausch ausrülpsen und mit dem Christenverfolger Julian die Basiliken der Heiligen zerstören und in heidnische Tempel umwandeln könne?

1: der Wachende
2: der Schlafende
3: Matth. 10, 40.
4: Bezeichnung, die Hieronymus häufig gebraucht, um den Vorzug des Urtextes vor den im Gebrauch befindlichen, aus dem Griechischen geflossenen Bibelübersetzungen zu betonen.
5: Deut. 34, 6.
6: Es liegt hier bei Hieronymus ein Versehen vor. In den Auferstehungsberichten werden die Engel erst nach der Auferstehung erwähnt.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger